VON CHRISTIAN DORER

Herr Vasella, der Sonntag, 31. Januar, ist Ihr letzter Tag als Novartis-CEO. Ist Ihnen etwas wehmütig zumute?
Überhaupt nicht. Rein formal betrachtet, ist es der letzte Tag, aber in der Praxis war es am Freitag, de facto am Dienstag, dem Tag der Pressekonferenz. Wenn es mal bekannt ist, geht es sehr schnell.

Sie bleiben Verwaltungsratspräsident von Novartis. Wie wird sich Ihr Alltag verändern?
Joe Jimenez übernimmt die gesamte operative Leitung und damit auch den Kontakt mit den Divisionsleitern. Ich konzentriere mich auf Aufgaben, die dem Verwaltungsrat obliegen: die Strategie beurteilen und bewilligen, die Top-Management-Stellen besetzen, die Kontrolle und die Übersicht über die Firma behalten. Dann gibt es in unserem Geschäft Kontakte mit Regierungen verschiedenster Länder, die ich als VR-Präsident pflegen muss.

Es bleibt also ein Full-Time-Job?
Ja, auch wenn mir mehr Zeit bleiben wird. Wonach ich mich aber vor allem sehne: Der Druck wird nicht mehr so hoch sein wie bisher. Als CEO können Sie zwar Dinge delegieren – was ich natürlich gemacht habe –, aber letztlich tragen Sie als CEO eben doch immer die Verantwortung.

Wollen Sie andere VR-Mandate annehmen?
Wenn man Zeit geschenkt bekommt, soll man sie nicht gleich wieder verplanen. Nein, ich habe derzeit keine konkreten Pläne, andere Mandate anzunehmen.

Was haben Sie für Reaktionen auf Ihren Rücktritt erhalten?
Sehr viele – und sehr positive. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass der neue CEO Joe Jimenez überzeugt. Alle, die ihn kennen, schätzen ihn, und das ist das Wichtigste: dass die Nachfolge funktioniert.

Persönlich ist Ihnen der Entscheid wohl nicht einfach gefallen, weil Sie andere mögliche Nachfolger nicht berücksichtigt haben, die Ihnen menschlich nahestehen.
Ich habe das mit den Betroffenen bereinigt, kurz bevor der Entscheid bekannt gegeben wurde. In einer solchen Situation gibt es nur eines: hundert Prozent transparent und offen informieren.

Bleiben nicht trotzdem Wunden zurück?
Das ist schwierig zu beurteilen. Jeder Mensch verarbeitet ein solches Ereignis anders. Aber es sind alles reife Persönlichkeiten, gestandene Männer, die einen tollen Erfolgsausweis vorweisen können. Ich glaube, sie haben alle intakte Chancen, anderswo wieder aktiv zu werden, falls sie das wollen.

Ihre Rücktrittsankündigung kam am Dienstag überraschend. Wie lange zuvor haben Sie das geplant?
Vor einem Jahr ist mein Entscheid gereift, im vergangenen Juni habe ich das erstmals im Verwaltungsrat zur Sprache gebracht.

Erstaunlich, dass es dichtgehalten hat.
Es waren nur sehr wenige Leute involviert, und zwar bis wenige Tage vor der Bekanntgabe.

Wollten Sie die Diskussion über Ihr Doppelmandat CEO/Verwaltungsratspräsident ein für alle Mal beenden?
Es ist wirklich interessant, dass die Medien diesem Aspekt am meisten Gewicht beigemessen haben. Allerdings zu Unrecht: Die Frage der Corporate Governance hat bei meinem Entscheid eine untergeordnete Rolle gespielt – für mich war es ausschliesslich eine Frage der Nachfolge. Die Kritik an meinem Doppelmandat ist eine alte. Hätte mein Rücktritt damit irgendeinen Zusammenhang, hätte ich schon vor Jahren als CEO zurücktreten müssen.

Man kann seine Meinung auch ändern.
Ob Doppelspitze oder nicht, war für mich nie eine dogmatische Frage. Beide Modelle haben ihre Vor- und Nachteile. Für Novartis war das Doppelmandat in den vergangenen Jahren die beste Lösung, mit Joe Jimenez als neuem CEO ist nun die getrennte Spitze das Beste. Aber auch das muss nicht auf alle Ewigkeiten so sein.

Der Trend geht Richtung getrennte Spitze.
In Europa eindeutig ja, in den USA noch nicht. Es ist zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber auch nicht ausgeschlossen, dass der Trend eines Tages wiederkehrt. Beide Modelle haben etwas für sich, wogegen ich nichts vom britischen Modell halte, in dem ein Chef eines branchenfremden Unternehmens Verwaltungsratspräsident ist.

Was ist daran schlecht?
Fundierte Branchenkenntnisse sind essenziell für einen Verwaltungsratspräsidenten. Sonst hat er zu lange, bis er eingearbeitet ist. Und ich bin nicht sicher, ob er selbst dann das Geschäft genug verstehen kann, um seine Aufgabe wahrzunehmen. Man muss auch sehen, dass die Aufgaben eines Verwaltungsrats viel anspruchsvoller geworden sind: Die Materie ist komplexer geworden und die Verantwortung grösser. Früher war Verwaltungsrat sehr oft ein Ehrenposten – die Swissair war der Inbegriff dafür.

Im vergangenen Jahr gab es Anschläge auf das Grab Ihrer Eltern in Chur und auf Ihr Ferienhaus. Hat das Ihren Rücktrittsentscheid beeinflusst?
Wenn das jemand ernsthaft glaubt, dann kennt er mich schlecht.

Sie lassen sich nicht zermürben?
Im Gegenteil.

Hat man die Täter inzwischen eigentlich gefasst?
Nein. Aber man muss geduldig sein. Solche Ermittlungen dauern oft sehr lang.

Sie haben also noch Hoffnung?
Ich halte es für absolut möglich, dass man sie noch ermitteln kann. Aber je länger es dauert, je schwieriger wird es.

Fühlen Sie sich in der Öffentlichkeit weniger sicher als früher?
Nein.

Herr Vasella, hier am WEF suchen alle nach Antworten zur Wirtschaftsentwicklung. Was ist Ihre Prognose: Haben wir die Talsohle erreicht?
Ich bin misstrauisch. Das hängt einerseits mit dem zusammen, was passiert ist. Und anderseits mit den wenig konkreten oder wenig überzeugenden Plänen, wie man jetzt mit der enormen Staatsverschuldung umgehen will. In vielen Ländern hat wieder ein leichtes Wirtschaftswachstum eingesetzt, allerdings sehr oft nur in Wirtschaftszweigen, die von Regierungsprogrammen abhängig sind.

Die Staatsverschuldung erachten Sie als das grösste Problem?
Nein, es gibt auch andere Schulden, bei denen nicht klar ist, wie sie dereinst refinanziert werden können, etwa im Private-Equity-Bereich. Dort werden sehr viele Schulden erst in zwei, drei Jahren fällig. Dann wird man sehen, ob es gelingt, sie zu refinanzieren.

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hat hier in Davos eine Brandrede gegen Top-Manager gehalten . . .
Ich habe die Rede nicht gehört.

Es war eine Standpauke: Er sprach von der «Entartung des Kapitalismus» und prangerte die hohen Vergütungen an, die auch bei schlechter Leistung bezahlt wurden. Stellen Sie eine Verhärtung zwischen Wirtschaft und Politik fest?
Politiker müssen sich natürlich immer wieder anpassen. Sie müssen führen und gleichzeitig die Unterstützung der öffentlichen Meinung haben. Das ist ein ganz spezielles Kunststück, das nicht sehr viele beherrschen. Deshalb besteht die Gefahr, dass Politiker die gegenwärtige Laune des Volkes weitergeben – oder das, was die Politiker meinen, es sei die Stimmung im Volke. Wenn ein Politiker sich nur darauf konzentriert, dann ist das zu wenig. Er muss auch so führen, dass er zu Lösungen beiträgt.

Und das ist bei polemischen Reden nicht der Fall?
Es trägt zur Popularität bei, aber nicht zu Lösungen. Aber ganz ohne Popularität kann man in der Politik wohl auch nichts erreichen.

Als Wirtschaftsführer wohl auch nicht?
Für einen CEO spielt die Popularität eine viel kleinere Rolle als für einen Politiker, denn wir werden ja nicht von unseren Angestellten gewählt. Wir probieren die beste Lösung zu finden unter Einbezug aller Fakten, die emotionalen Befindlichkeiten dürfen da keine entscheidende Rolle spielen.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!