VON CHRISTOF MOSER UND PATRIK MÜLLER

Herr Ringier, die Medien lieben es, über ein mögliches Ende Ihres Verlags als Familienunternehmen zu spekulieren. Warum eigentlich?
Weil es schöne Geschichten hergibt. Zu schreiben, alles geht weiter wie bisher, ist keine Story. So funktionieren Medien nun mal.

Die «NZZ» kommentierte nach Ihrem Osteuropa-Deal mit Springer: «Die Familie Ringier fasst einen langsamen Abschied vom Mediengeschäft ins Auge.»
Früher hätten mich solche Sätze geärgert, inzwischen sind sie mir egal. Das Gemeinschaftsunternehmen mit Springer ist das Gegenteil von Ausstieg: Wenn wir die Firma in der Familie behalten wollen, müssen wir das Risiko streuen – genau das tun wir mit Springer in Osteuropa. Der gewaltige Abschwung 2009 hat gezeigt, wie gross die Risiken sind. Wir sind überzeugt, dass wir in Osteuropa sehr viel Geld brauchen werden, um das zu erreichen, was wir in der Schweiz erreicht haben. Das geht nicht im Alleingang.

Sie führen das Unternehmen in der fünften Generation. Ist es möglich, dass die sechste Generation ins Geschäft einsteigen wird?
Ja, der jüngere Sohn meiner Schwester Evelyn soll nächstes Jahr in den Verwaltungsrat kommen. Er ist Anfang 30 und arbeitet derzeit in Mexiko in einer Pharmafirma. Der ältere Sohn, ein Software-Spezialist, ist ebenfalls tüchtig.

Ihre Neffen könnten die nächsten Verleger sein?
Es ist absolut eine Option, sie als Aktionäre in die Firma zu holen. Ausgeschlossen haben wir, dass ein Familienmitglied CEO werden kann: Da finden wir immer einen von aussen, der besser ist.

Aber Ringier bleibt in Familienbesitz?
Das ist unser Ziel, aber kein Dogma. Ob eine Firma in Familienbesitz bleibt, kann niemand sagen. Nicht einmal Rupert Murdoch weiss das.

Man hört, dass Sie den Traum eines Magazins in der Art eines «Cicero» für die Schweiz noch nicht aufgegeben haben. Das fehlt heute...
...na ja, es gibt ja eines, aber das steht eher am Rand der Gesellschaft.

Sie meinen die «Weltwoche». Stimmt es, dass Sie über eine Neulancierung nachdenken?
Es ist eine Möglichkeit. Wir haben das Wochenmagazin «L’Hebdo» in der Westschweiz und das Monatsmagazin «Cicero» in Deutschland. In der deutschen Schweiz gibt es wahrscheinlich Platz für ein Wochenmagazin. Sagen wir es so: Wir denken darüber nach.

Wie gefällt Ihnen der «Blick» mit seinem neuen, harten Boulevard-Kurs?
Ich weiss nicht, ob es ein harter Boulevard-Kurs ist. Ich stelle fest, dass der «Blick» unglaublich journalistisch ist. Ich erfahre im «Blick» viel – über Politik, Sport, Leute. Die Mischung stimmt. Deshalb bin ich zuversichtlich für den Boulevard. Es ist doch merkwürdig: Je mehr Internet sie haben, desto mehr Erklärung wollen die Leute. Das Bedürfnis der Menschen wird zunehmen, eine Medienmarke wie die «Blick»-Titel zu haben, denen sie vertrauen und die ihnen die Welt erklären.

Die Realität ist, dass der «Blick» auch gemäss den neusten Zahlen wieder Leser verloren hat.
Es gibt fast keine Zeitung, die zulegt. Aber wer hat eine so grosse Reichweite wie der «Blick»? Ob wir nun 650000 oder 750000 Leser haben, ist letztlich unwichtig. Schauen Sie mal ins Internet: Dort gibt es viele, die sind froh, wenn sie 500 Leser erreichen.

«Blick am Abend» gewinnt Leser, aber der Verlust blieb mit rund 10 Millionen Franken auch letztes Jahr hoch.
Es braucht Geduld. Bei «20 Minuten» dauerte es auch lange. Ab einer gewissen Leserzahl schenkt es dann ein.

Wo liegt diese Zahl?
Ungefähr bei 450000 bis 500000 Lesern. Wir sind jetzt bei 400000, und die Ausweitung ist noch nicht eingeschlossen. Gratiszeitungen müssen eine relativ lange Durststrecke überstehen, dann verdient man gutes Geld.

Das hiess es auch bei «Cash daily». Bis Sie den Stecker zogen.
Das können Sie nicht vergleichen. «Cash» war nirgends eingebunden. «Blick am Abend» ist Teil eines Markengeflechts.

Täuscht der Eindruck oder ist der «Blick» in den letzten ein, zwei Jahren wirtschaftsfreundlicher geworden?
Das sehen die Bankiers anders (lacht). Was sicher nicht mehr stattfindet, ist der Schlötterlig-Journalismus. Den habe ich immer schon gehasst. Er macht die Glaubwürdigkeit kaputt. Vielleicht ist beim «Blick» der Ton entspannter geworden. Und, ja, wir funktionieren nicht nach der Mörgeli-Methode: Jede Woche jemanden zur Sau machen. Dafür gibts Internet-Blogs. Ich glaube auch nicht, dass ein solcher Kurs wirtschaftlich erfolgreich wäre. Die «Weltwoche» zumindest ist nicht gerade voller Anzeigen.

Früher hiess es, der «Blick» sei links. Wo positionieren Sie ihn heute?
Wir wollten nie links sein und wir waren auch nie wirklich links. Der «Blick» vertritt den normalen Schweizer. Er vertritt nicht das Grosskapital und nicht die Unternehmer – sondern alle, die 4000 oder 6000 Franken verdienen.

Das stimmt nicht ganz: Bei der Minarett-Abstimmung war der «Blick» sehr vorsichtig und nicht nah beim Volk.
Das ist so. Da hat die Redaktion zu Recht gewisse Hemmungen. Es ist eine gefährliche Tendenz, Religionen gegeneinander aufzuhetzen.

Warum stellen Sie so viele deutsche Chefs ein?
Weil sie besser sind. Und das ist auch erklärbar: In Deutschland gibt es 20-mal mehr Stellen im Boulevardjournalismus als in der Schweiz. Wir holen die Deutschen nicht, weil wir germanophil wären, sondern weil wir Leute brauchen, die ihr Handwerk erlernen konnten.

Sie könnten auch den eigenen Nachwuchs fördern.
Wir holen immer wieder vielversprechende Talente und fördern sie, aber dann gehen sie irgendwann nach Baden (lacht). Wir müssen uns um unseren Nachwuchs bemühen, und das tun wir auch.

Herr Ringier, wie nehmen Sie als Bürger die Schweiz zurzeit wahr?
Es gibt zwei Schweizen. Eine davon ist jene, die immer introvertierter wird. Und leider auch immer grösser. Und leider nichts will. Die Schweiz könnte eine Grossmacht sein in Europa!

Eine Grossmacht?
Wirtschaftlich ist das die Schweiz ja schon. Welches andere Land hat im Krisenjahr 2009 einen Haushaltüberschuss gehabt? Wir leben in einem Land, das mit den Finanzen der Bürger sehr vernünftig umgeht. Und wir haben ein unglaublich gutes demokratisches System, das sehr nah an den Menschen ist. Politisch allerdings sieht es düster aus.

Warum?
Wir wollen politisch nichts mehr, und wir trauen uns nichts mehr zu. Schauen Sie, wo wir in dieser Libyen-Affäre stehen: Wir sind komplett allein, müssen am Schluss noch die EU bemühen, bei der wir nicht dabei sein wollen. Das ist doch unwürdig. Der Alleingang ist vorbei. Bilateral ist vorbei. Das kann man vergessen, da können die rechten Parteien sagen, was sie wollen.

Es sind nicht nur die rechten Parteien, die auf den Bilateralismus setzen: Es ist auch der Bundesrat.
Das ist eine Sackgasse. Unmöglich. Ich finde es schade, dass dieses Land politisch nichts mehr zustande bringt. Schauen Sie sich die FDP an. Das war einmal die staatstragende Partei. Wo ist sie heute? Diese Partei brauchen wir wirklich nicht mehr. Ich kann doch die nicht mehr wählen!

Woran fehlts?
An Persönlichkeiten, an Überzeugungen, an Visionen. An einem Kurs. Das freisinnige Theater in den letzten Wochen: Wer nimmt eine solche Partei noch ernst? Es braucht eine starke bürgerliche Mittepartei. Und die haben wir nicht mehr.

Gehen Sie überhaupt noch wählen?
Aber sicher! Meine Frau füllt die Wahlzettel immer für mich aus, aber sie fragt mich vorher. Es ist wirklich schwierig geworden. Ich wähle einzelne Köpfe. Und ich habe Sympathien für die Grünliberalen. Ich könnte mir vorstellen, dass viele so genannte Freisinnige heute grünliberal wählen.

Welche Zukunft wünschen Sie sich für die Schweiz?
Wie lange hat es gebraucht, bis wir der UNO beigetreten sind? Die SVP prophezeite den Untergang, malte Aufstände in der Schweiz an die Wand. Das Gleiche wird mit der EU passieren. Die EU hat Nachteile, das ist unbestritten, es wäre völlig falsch, diese auszublenden. Aber nicht in der EU zu sein: Das hat noch viel grössere Nachteile. Dass wir eine eigene Währung haben, finde ich hervorragend, aber das ist auch in der EU möglich. Was machen wir denn noch eigenständig? Die Steckdosen. Ich bin überzeugt, dass wir in der EU eine starke Rolle spielen könnten.

Über einen EU-Beitritt diskutiert heute niemand.
Das ist der Wahnsinn: Dass es eine Partei geschafft hat, den anderen Parteien ein Schweigegebot aufzuerlegen.

Zeitungen müssen eine Haltung haben. Würden Sie, wenn der EU-Beitritt wieder auf die Traktandenliste kommt, diesen auch publizistisch unterstützen?
Natürlich. Medien sind da, um Diskurse zu führen. Menschen wollen Haltungen, und Leser akzeptieren Haltungen im Journalismus, wenn dieser fair ist.

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