Eine Studie hat die Bankenszene aufgerüttelt. Das Papier der UBS-Analysten, das bisher nicht öffentlich gemacht wurde, wirft einen Blick auf die Kapitalisierung der grössten europäischen Banken und fordert ein Umdenken. Gleichzeitig werden zwei Banken an den Pranger gestellt: die Deutsche Bank und die Credit Suisse. Vor allem die CS habe derzeit deutlich zu wenig Kapital, folgert die Studie. Auch, weil in der Schweiz strengere Regeln gelten.

Die UBS-Analysten messen die Credit Suisse vor allem an ihrer Leverage Ratio, dem Verhältnis aus Eigenkapital und Bilanzsumme – dem Hebel, der in der Bilanz steckt. Trotz Kapitalerhöhung weist die CS basierend auf den aktuellen Zahlen im internationalen Vergleich einen sehr hohen Hebel auf. Je nach Berechnungsgrundlage resultieren Leverage Ratios für das laufende Jahr von 2 bis 3 Prozent. In einer Betrachtungsweise, welche die künftig in der Schweiz geltenden Regeln anwendet, hat die CS eine Leverage Ratio von rund 2 Prozent. Das heisst: Auf Bilanzpositionen und ausgewählte ausserbilanzielle Engagements von 100 Franken kommen gerade mal 2 Franken anrechenbare Eigenmittel.

Die Studie kommt zum Schluss: Die Credit Suisse müsste per Jahresabschluss 2012 Bilanz und ausserbilanzielle Engagements voraussichtlich um 250 Milliarden Franken kürzen, um die künftig geltenden Regeln bereits Ende Jahr zu erfüllen. Alternativ müsste sie die eigenen Mittel substanziell erhöhen.

Zwar gelten derzeit noch Übergangsfristen. Die UBS-Analysten plädieren jedoch dafür, die strengeren Regeln schon heute in Betracht zu ziehen. Nicht zuletzt scheint das auch die Schweizerische Nationalbank so zu sehen, die im laufenden Jahr mehrfach öffentlich oder verdeckt Druck auf die Credit Suisse ausgeübt hat.

Am Markt hat die Studie der UBS eingeschlagen. Offenbar spekulieren bereits die ersten Hedge Funds gegen die CS Aktie, wie der «Sonntag» aus Händlerkreisen erfahren hat. So stellt ein Fondsmanager ein «überproportionales Volumen in Verkaufspositionen mittels verschiedener Instrumente» fest. Diese erzielen einen Gewinn, wenn die CS-Aktie deutlich fällt. Das bedeutet nichts weniger, als dass Spekulanten die CS-Aktie wieder vermehrt ins Visier nehmen, nachdem sie die Aktie bereits diesen Frühling in den Keller getrieben haben. Aber auch klassische Fondsmanager sind nicht überzeugt und kippen die Aktien aus den Portefeuilles.

Die Credit Suisse hat inzwischen reagiert. Anlässlich der Bekanntgabe ihres Quartalsergebnisses am Donnerstag kündigte sie an, ihre Bilanz bis Ende 2013 um 130 Milliarden Franken auf unter 900 Milliarden kürzen zu wollen. Dabei machte sie nun auch die Leverage Ratio zum Thema und versprach, diese mittelfristig auf gegen 5 Prozent anheben zu wollen. Noch vor einem halben Jahr war die Leverage Ratio bei der Credit Suisse kaum ein Thema.

Hinter dem Umdenken steht ein Paradigmenwechsel in der Regulierung. Bisher beruhte diese vor allem der BIZ-Kernkapitalquote der Banken. Diese basiert auf einer Betrachtung der Bilanz, bei der jeder Vermögenswert mit einer Risikokennzahl gewichtet wird (den «risikogewichteten Aktiven»). Dadurch erscheinen die Assets in der Summe kleiner als sie sind. Und die Eigenmittelquoten entsprechend grösser. Zunehmend rückt nun aber die Leverage Ratio in den Vordergrund, auf die sich auch die UBS-Studie abstützt. Sie übernimmt die Bilanzsumme einer Bank nicht nur vollumfänglich, sondern berücksichtigt zusätzlich Verpflichtungen wie Kreditlinien, die nicht in der Bilanz einer Bank stehen.

Leverage sei derzeit «eines der wichtigsten – aber immer noch eines der am meisten übersehenen – Themen» bei der Frage, wie sich europäische Investment-Banken auf die Zukunft vorbereiten sollten, hält die UBS-Studie fest. In den letzten Jahren sei im Zusammenhang mit Leverage allerdings meist über gewichtete Zahlen gesprochen worden. Die Bilanzen seien zwar reduziert worden. Jedoch oft nur mit Blick auf die gewichteten Zahlen. Die effektiven Bilanzsummen seien unverändert geblieben, so die UBS.

Die Credit Suisse ist nicht die einzige Bank, die ihre Bilanz ausmistet. Offenbar plant auch die UBS, die am kommenden Dienstag ihr Quartalsergebnis bekannt gibt, gröbere Einschnitte, wie gestern bekannt wurde. Nicht nur sollen 10 000 Stellen abgebaut werden. Auch plane die UBS, die risikogewichteten Aktiven der Investmentbank um die Hälfte zu reduzieren, berichtet «Bloomberg». Und die «Financial Times» spricht von einem Abbau um 100 Milliarden Franken.

In der Schweiz sehen sich die beiden Grossbanken zudem ab kommendem Jahr mit einer neuen, bisher kaum beachteten Regel konfrontiert. Diese pflanzt dem bisherigen System mit den gewichteten Bilanzen gewissermassen eine feste Leverage Ratio ein, deren Unterschreiten erhöhte Eigenmittelanforderungen auslöst. Insgesamt dürfen die Positionen künftig nämlich nicht mehr mit weniger als 24 Prozent gewichtet werden. Heute liegt dieser Wert laut UBS-Studie bei der Credit Suisse deutlich tiefer. Die Folge daraus ist: Die Bank müsste die Bilanz reduzieren – oder die Eigenmittel erhöhen.

Auch sonst geraten die Risikogewichte der Grossbanken in den Fokus. Diese Woche beklagten sich die Kantonalbanken darüber, dass sie Hypothekarkredite mit einem Gewicht von 35 Prozent mit Eigenkapital unterlegen müssen, die Grossbanken jedoch nur mit rund 10 Prozent. Möglich ist dies, weil die Grossbanken eigene Berechnungsmodelle anwenden können, viele kleine Banken aber aufgrund ihrer Ressourcen auf das in «Basel III» vorgegebene Standardmodell setzen müssen.

Auch die Finma hat die Diskrepanz erkannt, wie sie auf Anfrage des «Sonntags» bestätigt. «Wir haben bei der Unterlegung von Schweizer Hypothekarkrediten, die durch interne Modelle berechnet werden, eine zunehmend tiefere Unterlegung identifiziert, und hier einen gewissen Handlungsbedarf ausgemacht», sagt Pressesprecher Tobias Lux. «Wir suchen gegenwärtig nach Lösungen, wie die zum Teil grossen Unterschiede sinnvoll begrenzt werden können.» Und so müssen die Grossbanken ihre Modelle wohl anpassen, denn ein Schrauben an den 35 Prozent im Standardmodell steht offenbar nicht zur Diskussion.

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