Frank Wehrheim kennt die gesellschaftliche Sprengkraft von Steuern wie kaum ein Zweiter. Gemäss «Spiegel» galt er als einer der unerschrockensten Steuerfahnder Deutschlands. Dann wurde er aus dem Amt gedrängt. Nach seiner Pensionierung wechselte er die Seite. Heute ist er Steuerberater und hilft ehemaligen Kunden von Schweizer Banken bei der Selbstanzeige. Was er dabei zu sehen bekommt, sei oft «hart an der Grenze des guten Geschmacks».

Seinen Kunden seien sehr hohe Gebühren verrechnet worden. «Dennoch waren ihre Daten nicht sicher.» Am Ende seien die Kunden rausgedrückt worden aus dem Land und behandelt worden, als seien sie die alleinigen Steuerhinterzieher, «Obschon die Bank sie wacker beraten hat». Selbst an der Erstellung der Selbstanzeigen verdienten die Banken noch mit. Rund 7700 Euro mussten Kunden von Wehrheim zahlen, damit sie alle steuerrelevanten Kontoauszüge der letzten elf Jahre nochmals bekamen. Für jedes Jahr rund 700 Euro. Naturgemäss hatten die Kunden diese Auszüge zu den unversteuerten Konten nicht aufbewahrt. Namentlich nennt Wehrheim die Schweizer Grossbank Credit Suisse, die pro Jahr rund 700 Euro verlangt habe. Die CS wollte dies nicht kommentieren.

Mit solchen gesalzenen Rechnungen endeten oft Geschäftsbeziehungen, die Jahre zuvor an gediegenen Anlässen in entspannter Atmosphäre ihren Anfang genommen hatten.

Die Banken lockten mit riesigen Budgets deutsche Kunden an, wie die «Schweiz am Sonntag» aus Branchenkreisen erfahren hat. Vielversprechende Kandidaten – «Prospects» genannt – luden die Banken an Golf-Turniere ein, an Testfahrten mit ehemaligen Piloten auf dem Hockenheimring, zu Segel-Regatten oder zum Schneetraining nach Finnland. «Prospects» mit besonders grossem Potenzial begleitete man ans Pferde-Rennen «White Turf» in St. Moritz. Inklusive Diner, Event und Übernachtung in Suiten von noblen Luxushotels. Manchem Kunden machten die Banken gleich den Zuzug von Deutschland in einen steuergünstigen Kanton schmackhaft. Erst einmal im Land, gab es Rundum-Service. Man half, eine Wohnung oder ein Haus zu finden. Führte das Auto am Strassenverkehrsamt vor. Suchte Gärtner und Putzfrauen für das Haus. Sprach mit den Behörden.

Selbst wenn der Kunde sich eingelebt hatte, ging das so weiter. Man begleitete beim Kauf einer Uhr. Holte bestellten Wein ab und brachte ihn zum Privatjet. Dass das allermeiste Geld dieser Kunden unversteuert war, hätten alle gewusst. Den Kunden versicherten die Banker, das alles sei kein Problem. Dass das Geld unversteuert war, überhaupt kein Problem. Man pries im Gegenteil von sich aus finanzielle Lösungen an, mit denen sich neue Steuern umgehen liessen. Berater seien intern dazu gedrängt worden, möglichst viele solcher Produkte an den Kunden zu bringen.

Als die Banken unter politischem Druck auf Weissgeld-Strategien umstellten, kühlte das Klima schlagartig ab. Dieselben Banker, die kurz zuvor noch Umgehungsprodukte verkauft hatten, schauten nun auf ihre Kunden herab. Mit Leuten, die illegale Geschäfte machten, wollten sie nichts zu tun haben. Sie sollten ihre Geschäfte so schnell wie möglich in Ordnung bringen, sonst müsse man sie vor die Tür stellen.

Einige solcher Kunden gelangen nun zu Frank Wehrheim. Auf diese Weise erlebt der ehemalige Fahnder nun aus Sicht der Täter eine weitere Welle von Selbstanzeigen.

Über zehn Jahre zuvor hatte Wehrheim höchstselbst eine solche Welle ausgelöst. 1996 marschierte er an der Spitze von 200 Steuerfahndern in die Zentrale der Commerzbank in Frankfurt ein. Etwas Vergleichbares hatte es bislang nicht gegeben. In den Augen der Banker war es ein unentschuldbarer Tabubruch. Ob sie wüssten, mit wem er sich heute Abend zum Essen treffe, blaffte ein Manager die Fahnder an. Mit dem Bundeskanzler! Es half zunächst einmal nicht. Die Ermittlungen lösten eine Welle von Selbstanzeigen aus und dehnten sich aus auf den Finanzplatz, 1,2 Milliarden Mark flossen zurück an den deutschen Staat.

Doch ab 1999 drehte der politische Wind. Roland Koch, ein Christdemokrat, war im Bundesland Hessen an die Macht gekommen. Wehrheim und seine Mitstreiter wurden auf einmal aus ihren Ämtern gedrängt und abgeschoben. Wehrheim bearbeitete fortan etwa Kirchensteuerfälle, bei denen um 70 Euro gestritten wurde. Vier Steuerfahnder wurden wegen angeblicher psychischer Defekte für dienstunfähig erklärt. Nach seiner Pensionierung wechselte Wehrheim die Seiten. In seinem Buch «Inside Steuerfahndung» beschrieb er die Vorgänge. Nächstes Jahr erscheint dazu ein Film.

Als Steuerfahnder hat Wehrheim Einblick in die Beziehungen seiner Kunden zu den Banken. So sieht er etwa, dass die Banken ihren Schwarzgeldkunden auch hohe Gebühren berechneten, als sie noch gern gesehen waren. Gemäss Wehrheim ein Mehrfaches dessen, was in Deutschland üblich war. Unter Steuerfahndern habe man, so Wehrheim, dies «Beuteteilung» genannt. «Die Schweizer Banken wussten: jemandem, der schwarz bunkerte, konnten sie mehr Geld abnehmen.»

Seine Kunden hätten erst im Nachhinein gemerkt, was ihnen die Bank alles verrechnet habe, so Wehrheim. Viele hätten sich nie um Gebühren gekümmert. Erst als sie die Selbstanzeigen einreichen mussten, hätten sie einen Überblick über die Zahlungsflüsse bekommen. «Die sind dann erschrocken. So mancher meinte, da hätte er sein Geld auch in Deutschland lassen können.»

In einigen Fällen wurde die schlechte Beratung durch die Bank für die Kunden besonders teuer, wie Branchenkenner berichten. Auf Empfehlung der Bank zahlten sie ihr Geld erst in eine liechtensteinische Stiftung ein. Später legten sie es wieder zurück auf ein persönliches Konto, weil das Geld dem Fiskus gemeldet werden sollte. Als die Behörden das später sahen, war der Fall klar. Jede Geldbewegung war eine Schenkung, weshalb zweimal Schenkungssteuer anfiel.

Viel Geld haben die deutschen Kunden ihren Schweizer Banken auch für Stiftungen in Liechtenstein gezahlt. Die Initiative dazu sei meist nicht von den Kunden ausgegangen. «Die Banken haben das selber angestossen und sich damit eine goldene Nase verdient.» Notare, Treuhänder, Anwälte, alle hielten die Hand auf, die Bank verdiente mit. Am Ende erhielten diese Stiftungen noch Fantasienamen. Damit hätte das unversteuerte Geld nun wirklich bombensicher sein sollen. Doch häufig landete das komplette Dossier auf dem Schreibtisch deutscher Steuerfahnder.

Die Banken hatten sich offensichtlich nicht genügend gegen Datendiebe geschützt. «Es kann jemand nur dann Zugriff auf solche Daten erhalten, wenn diese nicht sonderlich sorgsam geschützt waren», sagt Wehrheim. Die Steuerfahnder hingegen waren natürlich erfreut. «Mit solchem Material liegt der Steuerhinterzieher gleichsam wehrlos vor ihm auf dem Tisch.»

Was den Kunden besonders sauer aufstiess, war das Zwischenmenschliche. «Das waren ja häufig sehr lange Geschäftsbeziehungen, und viele hatten ein gutes Verhältnis zu ihrem Berater.» Doch am Ende hätten die Berater ihre deutschen Kunden schief angeguckt. So als ob sie persönlich von ihren Kunden enttäuscht seien. «Da tut der Berater so, als ob er niemals gedacht hätte, dass sein Kunde sein Geld nicht versteuert hatte.» Dabei hätten alle Beteiligten immer gewusst, dass das Geld an der Steuer in Deutschland vorbei in die Schweiz eingeführt wurde. «Das ist schon sehr scheinheilig, was da geschieht.»

Was Wunder, geben diese ehemaligen Schwarzgeld-Kunden nun den deutschen Steuerfahndern nicht ungern Auskunft. Bewaffnet mit der Munition aus Tausenden von Selbstanzeigen, haben Nordrhein-Westfalens Steuerfahnder nun über 50 Schweizer Banken ins Visier genommen. Das deutsche Bundesland verdächtigt sie, systematisch deutschen Bürgern bei der Steuerhinterziehung geholfen zu haben. Nordrhein-Westfalen droht mit Verhaftungen und will hohe zweistellige Millionen-Zahlungen durchdrücken.

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