Die Schweizer Grossbanken UBS und Credit Suisse (CS) sind in europäischen Problemstaaten mit über 30 Milliarden Franken engagiert (siehe Tabelle). Zu den sogenannten PIIGS-Staaten zählen Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien. Sie gelten als besonders gefährdet. Auffallend ist das Engagement in Italien, wo die beiden Grossbanken umfassende Operationen unterhalten. Wie den Quartalspräsentationen zu entnehmen ist, beträgt das Exposure bei der CS 8,9 Milliarden Franken, bei der UBS sind es 7,9 Milliarden. Das sind Bruttopositionen, die teilweise abgesichert sind.

Doch das Problematische an diesen Schutzvorrichtungen (im Jargon Hedges genannt) ist, dass auch sie ausfallen, sobald der Schutzgeber (Gegenpartei) kollabiert. Bei einer Verschärfung der Euroschuldenkrise in den nächsten zwölf Monaten mit Staatspleiten und zusammenbrechenden Bankengruppen wäre dies nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich. Ein ein solches Horror-Szenario wird in düsteren Farben im Stabilitätsbericht der Nationalbank beschrieben, der diese Woche in Bern vorgestellt wurde und der wegen der Kritik an der Credit Suisse viel Staub aufwirbelte.

So legte der Stabilitätsbericht offen, dass die CS ihren Aktiven von 1000 Milliarden Franken lediglich 17,3 Milliarden Franken hartes, «verlustabsorbierendes» Eigenkapital entgegenstellt. Die Nationalbank leitet daraus eine Leverage Ratio von 1,7 Prozent ab. Das heisst, dass einem Franken Eigenkapital 60 Franken Fremdkapital gegenüberstehen. Damit ist die Credit Suisse etwa mit einem so dünnen Kapitalpolster unterwegs wie die UBS im Jahr 2007, als die Finanzkrise ausbrach.

«Dieses Kapital würde nicht ausreichen, um beispielsweise einen Verlust von über 3 Prozent der Bilanzsumme, wie ihn die UBS in der jüngsten Finanzkrise erlitt, aufzufangen», sagte SNB-Vize Jean-Pierre Danthine. Die CS solle den Kapitalaufbauprozess «beschleunigen» und «alles Mögliche» unternehmen, um ihr Kapital «noch in diesem Jahr deutlich zu erhöhen».

Die Credit Suisse traf die brutale Botschaft offenbar völlig unerwartet. Wie dem «Sonntag» bestätigt wurde, trafen sich CEO Brady Dougan und Thomas Jordan zwar noch eine Woche vor Publikation des Stabilitätsberichts für ein Gespräch. Dabei wurde auch eine Stärkung des Eigenkapitals thematisiert, doch von einer geforderten Kapitalerhöhung noch in diesem Jahr soll nicht die Rede gewesen sein. Es soll zu keinem Zerwürfnis zwischen Jordan und Dougan gekommen sein, das die scharfe Tonalität erklären würde, wie etliche Marktkenner vermuteten.

Fakt ist: Die SNB schätzt die Lage in der Eurozone deutlich düsterer ein als noch vor einem Jahr und nimmt bezüglich der Grossbanken deutlich Stellung. Klar ist auch, dass Schweizer Grossbanken notorisch schlecht kapitalisiert sind. Sie befinden sich international «unterhalb des Durchschnitts», sagte Danthine. Das liegt auch in der Natur ihres Geschäftsmodells, das stark auf das amerikanische Investmentbanking ausgerichtet ist. Dieses kann nur mit viel geliehenem Geld profitabel betrieben werden.

In Kontinentaleuropa gibt es neben der CS und UBS nur noch eine Bank, die ebenfalls als globale Investmentbank aktiv ist: die Deutsche Bank. Die meisten anderen europäischen Grossbanken mit teilweise wesentlich grösseren Bilanzen sind deutlich komfortabler kapitalisiert. Angesichts des drohenden Finanzorkans ist es nicht eben beruhigend, dass zwei dieser dünn kapitalisierten Investmentbanken ausgerechnet in der Schweiz stehen. Dabei nützt nichts, dass das Institut, das bis vor kurzem von Josef Ackermann geleitet wurde, noch schlechter kapitalisiert ist als die CS, wie Analysten von Kepler berechnet haben.

Doch für den hoffentlich unnötigen Fall einer Rekapitalisierung der Schweizer Grossbanken ist die Nationalbank bestens gerüstet. Sie verfügt über Devisenreserven von umgerechnet über 300 Milliarden Franken. Dieses Kapital stünde zur Verfügung, um der CS und auch der UBS schnell und unkompliziert unter die Arme zu greifen.

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