Das Geschäft sieht leer aus. Auf ein paar Schachteln stehen noch Schuhe, an den Kleiderständern vereinzelt T-Shirts. Restposten. Die Jamarico-Filiale am Zürcher Helvetiaplatz macht Ende Monat dicht, genauso wie die Schwester-Filiale am Hirschenplatz. Jene nahe am Central löschte bereits an Weihnachten die Lichter. Jamarico startete in den 80er-Jahren mit trendiger Pop- und Punkmode, 2015 verschwindet der Name.

«Es ist bitter», sagt die Verkäuferin am Helvetiaplatz. «Viele Kunden begannen in den letzten Jahren damit, Fotos von Kleidern und Schuhen zu schiessen, und kauften sie dann online.» Offline anprobieren, online kaufen: Showrooming nennt sich das verpönte Phänomen in der Branche. Jamarico-Geschäftsführer Felix Huwiler sieht in Zalando, dem rasant wachsenden deutschen Online-Händler mit dem Werbespruch «Schrei vor Glück» einen der Hauptgründe für die Aufgabe. Der Onlinehandel habe das Angebot enorm vergrössert, da sei es nur logisch, dass dies verheerende Auswirkungen auf den stationären Handel habe. Nur den Verkauf von Schallplatten – damit hatte Jamarico einst begonnen – führt Huwiler weiter. «Vinyl überlebt das Textilgeschäft. Wer hätte das gedacht?»

Am Ende steht auch die Kette Jeans & Co, die 1994 von der Genfer Maus Frères Holding, der Besitzerin der Manor-Warenhäuser, aufgebaut wurde. Seit 2001 war sie in privater Hand. Doch nun ist Schluss. Wie mehrere Quellen gegenüber der «Schweiz am Sonntag» bestätigen, erhielten die rund 100 Angestellten im Oktober die Kündigung. Drei von zwölf Filialen sind bereits geschlossen, bis Ende Januar folgen die restlichen. «Die Zentrale ist schon lange nicht mehr besetzt», sagt ein Insider. Die Inhaber waren für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Mit der Eurokrise und dem Einkaufstourismus hätten die Schwierigkeiten begonnen, sagt der Insider. «Zalando gab uns nun den Todesstoss, da viele Kunden ihre Pepe- oder G-Star-Jeans plötzlich online kauften.» Auch die Billiganbieter Tally Weijl und Chicorée sind unter Druck. Sie verkleinern 2015 ihr Filialnetz um je rund zehn Geschäfte.

Für Hans Steinmann, Inhaber des «Blue Jeans»-Geschäfts an der Theaterstrasse in der Nähe des Zürcher Opernhauses, könnte die Aufgabe der Konkurrenz ein Grund zum Jubeln sein. «Aber es macht mich traurig, denn wenn es so weitergeht, gibt es bald überall nur noch die gleichen internationalen Shops.»

Steimanns Geschäft, das seit knapp sechzig Jahren Markenjeans verkauft, könne sich auf eine Stammkundschaft verlassen, doch auch er spürt Zalando. Der Umsatz ist geschrumpft, zum ersten Mal führt er in diesem Jahr einen Ausverkauf durch. Wegen Showrooming-Kunden hängen überall im Lokal Schilder mit der Aufschrift «Fotografieren verboten». «Es kann nicht sein, dass wir jemanden eine Stunde lang professionell beraten, beim Kauf aber leer ausgehen», sagt Steinmann. In Australien führte ein Fachgeschäft wegen des Showroomings gar eine «Just looking»-Gebühr ein.

Die Geschäftsaufgaben von Jamarico und Jeans & Co sind Symptome des Branchenwandels. In einer aktuellen Studie prognostiziert die Credit Suisse, dass der Anteil der Online-Umsätze in den nächsten fünf Jahren von 12 auf 27 Prozent steigen wird. Der Vorteil der Internetanbieter: Im Gegensatz zum stationären Handel müssen sie keine teuren Mieten an Einkaufsmeilen bezahlen, und auch kein Verkaufspersonal einstellen.

Zalando kann so günstigere Preise anbieten und übernimmt gar die Rücksendungskosten. «Händler ohne Alleinstellungsmerkmal, die sich im Mainstream bewegen und viele Marken anbieten, die es online günstiger gibt, werden es schwer haben», sagt Credit-Suisse-Branchenanalystin Patricia Feubli.

Für Martin Hotz, Detailhandelsexperte des Beratungsunternehmens Fuhrer & Hotz, kommt ein weiterer Punkt hinzu: «Eine Mehrkanalstrategie ist heute ein Imperativ.» Fotoverbote seien nicht zielführend, sondern eher ein Zeichen für die herrschende Nervosität bei einigen Händlern. Allerdings sind viele Grosse, wie C&A oder H&M, erst spät aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht und erst jetzt daran, eigene Onlineshops auf- oder auszubauen. Für kleine Händler mit nur ein oder zwei Boutiquen ist ein eigener Webshop hingegen praktisch nicht finanzierbar. Ihnen rät Hotz, online zumindest eine gute Visitenkarte abzugeben, also eine professionelle Website zu betreiben und die Kunden mit Newsletters an sich zu binden.

«Der Branchenwandel wird durch die Onlinekonkurrenz weiter beschleunigt», sagt Martin Hotz. Kleinere Händler würden verschwinden, auch weil die grossen Marken eigene Geschäfte eröffnen. Wer überleben wolle, brauche ein klares Konzept und treue Fans. «Wer in Panik verfällt und nur noch auf billig macht, begeht Selbstmord auf Raten.»

Markus Cadruvi stimmt zu. Er führt seit fünf Jahren den hochpreisigen Kleidershop DeeCee Style in der Nähe des Paradeplatzes. Hier kosten die exklusiven Jeans aus den USA und Japan schnell einmal 400 Franken. Bezahlt wird auch für den Service. Im 160 Quadratmeter grossen Geschäft sind stets fünf bis sieben Angestellte anwesend, jeder Kunde wird begleitet. 2014 war Cadruvis bisher bestes Geschäftsjahr.

Ironie der Geschichte: Zuletzt haben sich die Onlinehändler selber in den stationären Handel vorgewagt. Ebay hat eigene Shops in Berlin und Bremen eröffnet, Zalando in Berlin und Frankfurt, gerüchtehalber planen Amazon und Google eigene Shops in New York.

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