VON YVES DEMUTH

Die Männerbastion SBB soll fallen. Geht es nach dem SBB-Verwaltungsrat, sollen die heute gut 4000 Mitarbeiterinnen rund 1000 neue Arbeitskolleginnen erhalten. Drei Jahre hat SBB-Personalchef Markus Jordi Zeit, den Frauenanteil von heute 14,5 auf 18 Prozent zu steigern. Auf Kaderstufe definierte der Verwaltungsrat um Präsident Ulrich Gygi in seiner Gender-Management-Strategie einen Wert von immerhin 15 Prozent.

Für ein Unternehmen, das auch schon als «paramilitärische Organisation» bezeichnet wurde, ein bemerkenswerter Schritt.

Um dieses Ziel zu erreichen, haben die Bundesbahnen Massnahmen eingeleitet: «Die Vorgabe ist, dass bei jeder Neubesetzung eine Frau in die Schlussrunde kommt. Wenn dies nicht gelingt, müssen dies die Personalverantwortlichen plausibel begründen», sagt SBB-Konzernleitungsmitglied Jordi gegenüber dem «Sonntag».

Die Regelung gilt bereits auf Kaderstufe. Derzeit sind die SBB daran, dies auf weitere Funktionen auszudehnen. Die Bundesbahnen prüfen, wo eine solche Massnahme Sinn machen würde. Bei diversen Berufsgruppen der SBB, wie etwa bei Rangierarbeitern, ist dies jedoch ausgeschlossen. Für Jordi ist klar, dass ein höherer Frauenanteil zu einem «begrüssenswerten Kulturwandel» führe.

Die Ernennung von Jeannine Pilloud zur Chefin der Division Personenverkehr war ein erstes Zeichen. Ab April wird sie als erste Frau in der SBB-Konzernleitung sitzen. Der Entscheid, ab August Lokführerinnen und Lokführer in Teilzeit auszubilden und anschliessend mit einem Pensum von 50 bis 80 Prozent zu beschäftigen, ist ein weiterer Beleg für die Ernsthaftigkeit der SBB-Frauenförderung. Mit diesen Teilzeitangeboten sowie den entstehenden SBB-Kinderkrippen in Bern Wankdorf und Zürich Altstetten wollen die SBB laut Jordi die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern. Heute beträgt der Frauenanteil unter den 3400 SBB-Lokführern keine 3 Prozent.

Die Lokführergewerkschaft VSLF freut sich indes nicht sonderlich. «Da die Teilzeit-Lokführer fixe Touren und Freitage haben werden, bleiben kurzfristige Einsätze an den Festangestellten hängen. Das ist keine gute Entwicklung», sagt Präsident Hubert Giger. Die Gewerkschaft SEV begrüsst die Frauenförderung unter der Bedingung, dass auch bestehende Angestellte Teilzeit arbeiten können. Dies war in Vergangenheit aufgrund zu hoher Überzeitkonten nicht immer bewilligt worden.

Dass die Ziele der SBB schwer zu erreichen sein werden, zeigt das Beispiel Post: Obwohl deren Belegschaft zu 50 Prozent weiblich ist, gelang es dem Staatsbetrieb nicht, die Frauenquote im Kader von knapp 10 auf 13 Prozent zu erhöhen. Dieses Ziel hatte sich Ulrich Gygi 2007 als damaliger Post-Konzernchef bis 2010 gesetzt.

Mit der Vorgabe von Frauenanteilen sind die SBB in guter Gesellschaft mit privaten Konzernen. Seit 2010 verfügt der Pharmakonzern Roche über ein «Gender-Goal»: Bis 2014 sollen mindestens 20 Prozent der Kaderangestellten Frauen sein. Deshalb werden Kandidaten für Kaderposten immer von Männern und Frauen befragt und bewertet.

Auch die Vaudoise-Versicherungen wollen voraussichtlich den Frauenanteil im Topkader bis 2014 verdoppeln. Die Gründe für das steigende Interesse der Unternehmen an Frauen sind ökonomischer Natur: «Die SBB würden ohne Frauen ab 2014 zunehmend in Talentnot geraten. Denn aus demografischen Gründen wird es bald zu einem Kampf um Talente kommen», sagt SBB-Personalchef Jordi. Rund die Hälfte der Hochschulabgänger seien heute Frauen. Dieses Potenzial wollten die SBB «unbedingt nutzen, indem wir als Arbeitgeber attraktiver werden für Frauen». Sehr ähnlich lautet die Argumentation bei Roche.

Von einer offiziellen Frauenquote will man weder bei den SBB noch bei Roche sprechen. «Die Ernennung von Jeannine Pilloud war ein Glücksfall. Der Grund für ihre Anstellung waren aber ausschliesslich ihre herausragenden Qualifikationen und nicht etwa das Geschlecht», sagt Jordi. Pilloud selbst plädiert indes für Frauenquoten – als «notwendiges Übel», wie sie der «NZZ» sagte.

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