Die Schweizer mögen nicht mehr lesen. Zumindest im Kino nicht. In den ersten sechs Monaten des Jahres ist der Anteil der Eintritte für Filme, die in Originalsprache mit Untertiteln vorgeführt werden, auf einen neuen Tiefstand gesunken. Das zeigt der Blick in die Statistiken des Branchenverbands Pro Cinema.

42 Prozent der Zuschauer sahen sich im Kino Originalversionen an. Im Vorjahr lag der Anteil noch bei 49 Prozent. 2003 besuchten sogar noch 56 Prozent der Zuschauer einen nichtsynchronisierten Film mit Untertiteln. Die «schweigende Mehrheit» der Kinobesucher bevorzuge heute Synchronversionen, sagt Rolf Koechel, Manager der Kinokette Pathé in Basel. Dort würden die meisten Filme zunächst in beiden Sprachversionen lanciert, sagt er. Was besser ankomme, wandere anschliessend in die grossen Säle. «In 80 Prozent der Fälle ist das die synchronisierte Version», so Koechel. An anderen Standorten wie Dietlikon spart sich Pathé das Prozedere. Dort starten alle Filme nur in der Synchronversion.

Die Digitaltechnik hat es den Kinos einfach gemacht, sich anzupassen. Heute braucht es keine separaten Filmkopien mehr. In der Regel enthalten die Datenträger beide Sprachversionen. Dass sich dieses Jahr besonders viele Zuschauer für Synchronvarianten entscheiden, hat auch mit dem Filmangebot zu tun, denn Treiber des Geschäfts waren heuer die grossen Hollywood-Blockbuster. Filme wie «Jurassic World», «Fast & Furious 7» und «Avengers – Age of Ultron» lockten das Spass-Publikum in die Kinos. Daneben befanden sich unter den erfolgreichsten fünf Filmen noch «Fifty Shades of Grey» und «Honig im Kopf», der einzige europäische Film.

Und das Geschäft lief gut. Insgesamt besuchten bisher 10,3 Prozent mehr Zuschauer die Kinos als im Vorjahr. Vor allem die Landkinos konnten sich steigern mit einem Plus von rund 20 Prozent. Einen Beleg für die Blockbuster-These liefert die Auswertung der Eintritte von Filmen, die in 3-D gezeigt wurden. Nur 18 Prozent der Zuschauer wollen diese in ihrer Originalsprache sehen. Ob die Dinosaurier ihre Opfer auf Englisch oder Deutsch anbrüllen, scheint keinen grossen Unterschied zu machen.

Der Anteil der 3-D-Filme hat trotz Blockbuster-Boom aber deutlich abgenommen: von 21 Prozent im Vorjahr auf nur noch 17 Prozent. Nicht alle Schweizer sind gleich lesefaul. In grossen Städten werden Filme eher in Originalversionen gezeigt, während die Landbevölkerung Synchronversionen bevorzugt. Am tiefsten ist der Anteil der Originalversionen in Lugano und Aigle mit 10 Prozent. Am höchsten ist er in Basel mit 60 Prozent, was auch damit zu tun hat, dass sich viele Synchronliebhaber die Filme in den billigeren deutschen Kinos anschauen. Dort laufen sie seit je nur übersetzt.

Basel ist auch einer der wenigen Orte, die 2015 nicht vom Aufschwung profitieren konnten. Lagen etwa Zürich (+9 Prozent) oder Baden (+19 Prozent) deutlich im Plus, verlor Basel im ersten Halbjahr fast 4 Prozent seines Publikums. Seit Jahren entwickelt sich die Stadt unterdurchschnittlich, was oft mit der Grenzlage erklärt wird. Für einmal gibt es aber einen anderen Grund: Eines der Arthouse-Kinos war teilweise geschlossen, da es ausgebaut wird.

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