Seit die Schweizerische Nationalbank (SNB) im Januar 2015 den Mindestkurs aufgehoben hat, zeigt die Arbeitslosigkeitsstatistik eine kräftige Zunahme an. Bei der Analyse dieses Anstiegs fiel dem Chefökonomen des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB), Daniel Lampart, ein bedenklicher Trend auf: «Bei den älteren Arbeitnehmern nimmt Arbeitslosigkeit deutlich schneller zu als im nationalen Durchschnitt.»

Die neusten Arbeitslosenzahlen zeigen im Vorjahresvergleich im Durchschnitt einen Anstieg um 6 Prozent an. Bei den über 50-Jährigen waren es 10 Prozent. Dieser Trend sei, betont Lampart, ein ernsthaftes Problem. «Noch ist das Risiko von Arbeitslosigkeit bei älteren Beschäftigten geringer als bei jüngeren. Aber wenn sie die Stelle verlieren, sind die Folgen gravierender», erklärt Lampart. Ihr Risiko, langzeitarbeitslos zu werden und gar über ein Jahr suchen zu müssen, sei viel grösser.

Wenn sie wieder Arbeit fänden, würden sie häufig Lohneinbussen hinnehmen müssen, Teilzeit oder auf Abruf arbeiten und die Stelle rasch wieder verlieren. «All das führt dazu, dass sich ältere Beschäftigte generell mehr um ihren Arbeitsplatz sorgen.»

Die Ursachen für diesen Anstieg sind noch unklar. Dass ältere Beschäftigte stärker von steigender Arbeitslosigkeit betroffen sind als jüngere, sei gemäss Lampart an sich untypisch für eine konjunkturelle Abkühlung. «Normalerweise trifft es mehr die Jungen.» Eine mögliche Erklärung seien Massenentlassungen und Betriebsschliessungen in der Industrie. «Dem fallen häufig ältere Fachkräfte zum Opfer.» In dieses Bild würde passen, dass die Stellenverluste besonders in der Maschinen- und in der Uhrenindustrie gross waren.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) sieht vor allem eine statistische Erklärung hinter dem leicht stärkeren Anstieg der Arbeitslosenquote von älteren Menschen. «Nach den jüngsten Reformen beziehen sie länger Arbeitslosengeld als die jüngeren», sagt Arbeitsmarktexperte Bernhard Weber. «Das dürfte dazu geführt haben, dass sie im Vergleich länger bei den regionalen Arbeitsvermittlungszentren als arbeitslos gemeldet sind.» Anzeichen für eine Erhöhung des Risikos von Arbeitslosigkeit für ältere Beschäftigte seien hingegen nicht zu erkennen.

Anders sieht dies der Arbeitsmarktexperte der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH, Michael Siegenthaler: «Das Phänomen zeigt sich nicht nur in den Zahlen des Seco, sondern auch in den internationalen vergleichbaren Zahlen der ILO.» Die ILO (Internationale Arbeitsorganisation) verwendet eine breiter gefasste Definition von Arbeitslosigkeit als das Seco, das lediglich bei den regionalen Arbeitsvermittlungszentren gemeldete Personen erfasst.

Nach Ansicht Siegenthalers ist der Anstieg bedeutsam. «Zum ersten Mal haben wir in den Daten wirklich ein Anzeichen dafür, dass das Risiko, arbeitslos zu werden, bei älteren Arbeitnehmern rascher steigt als bei jüngeren.» Bisher sei dies zwar oft behauptet worden, «konkrete Evidenz dafür fehlte aber bislang». Siegenthaler betont, dass die Arbeitslosenquote älterer Arbeitnehmer noch immer tiefer liege als jene jüngerer.

Arbeitslosigkeit von älteren Menschen ist in der Schweiz zum Politikum geworden. Für April hat das Wirtschaftsdepartement von Bundesrat Johann Schneider-Ammann deshalb zu einer zweiten «Nationalen Konferenz zum Thema ältere Arbeitnehmende» eingeladen. Dort werden Arbeitgeber, kantonale Volkswirtschaftsdirektoren und Gewerkschaften über Reformen streiten. Im Vorfeld haben die Gewerkschaften einen besseren Kündigungsschutz gefordert, wenn ältere Arbeitnehmer lange im Unternehmen sind.

«Das Entlassungstabu bei verdienten, langjährigen Mitarbeitern ist gefallen», begründete SGB-Präsident Paul Rechsteiner diese Forderung. Der Arbeitgeberverband jedoch lehnt dies «kategorisch» ab, wie Direktor Roland Müller sagt. «Das würde bloss zum Bumerang für ältere Arbeitnehmer werden.» Durch den schärferen Kündigungsschutz würde Unternehmen vor deren Neuanstellung eher zurückschrecken.

Für Carlo Knöpfel, ehemals Chefökonom des Hilfswerks Caritas und heutiger Professor an der Fachhochschule Nordwestschweiz, ist der Ausbau des Kündigungsschutzes hingegen nicht oberste Priorität. «Wir müssen vielmehr schauen, dass über 50-Jährige für Unternehmen interessant bleiben.» Dafür gelte es, in deren Weiterbildungund in deren Gesundheit zu investieren. «Hier muss die Politik die Arbeitgeber und auch die Arbeitslosenversicherung in die Pflicht nehmen.»

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper