Irgendwann wurde es den Safras zu bunt. Die Schlagzeilen um die prominenten Bankkunden Carsten Maschmeyer und Erwin Müller, die sich geprellt fühlen, passen schlecht zum verschwiegenen Image, das die brasilianischen Banker mit ihrer Bank J. Safra Sarasin pflegen wollten. Als dann auch noch die Staatsanwaltschaft zu Hausdurchsuchungen erschien, war das Fass voll. Eric Sarasin, Bank-Vizechef und Spross der einstigen Gründerfamilie der Bank, sollte der Ruf nicht mehr länger beschädigen. Und so wurde am Freitag bekannt, was in der Vorwoche eingefädelt wurde: Sarasin verlässt die Bank J. Safra Sarasin.

Sarasins Abgang ist der symbolische Bruch mit der Vergangenheit. Die Ära Sarasin ist zu Ende, an der Basler Elisabethenstrasse gilt die Safra-Kultur.

Nichts zeigt das besser als das Gespräch, das die «Schweiz am Sonntag» bereits am Donnerstag mit Marc Bonnant, dem Anwalt der Bank, führen konnte. Hatte sich die Bank zuvor stets in Schweigen gehüllt, wurde plötzlich vieles ausgesprochen. Etwa, dass es sich bei den Maschmeyer-Vorwürfen um eine «Erbschaft» aus der Vergangenheit handle, für die sich die neuen Besitzer nicht verantwortlich fühlten. «Was passiert ist, passierte vor 2011», sagt Bonnant. «Das ist nicht das Problem der Bank, sondern jenes der Leute, gegen die ermittelt wird.» Gegen die Bank selbst laufe kein Ermittlungsverfahren, betont Bonnant. Deutlicher kann man sich kaum vom eigenen Personal distanzieren.

Objekt der Ermittlungen sind Eric Sarasin, der frühere CEO Joe Strähle sowie das frühere Geschäftsleitungsmitglied Christian Gmünder, wie Bonnant sagt. Erstmals bestätigt er, dass nicht nur in den Räumen der Bank, sondern auch am Privatdomizil von Eric Sarasin eine Hausdurchsuchung stattgefunden hatte. «Wahrscheinlich» treffe das auch auf Strähle zu. Und Gmünder? «Ich denke es, aber ich weiss es nicht», sagt der Genfer Anwalt. Die Behörden von Basel und Zürich sowie anderer Kantone hatten die Durchsuchungen im Auftrag deutscher Ermittler durchgeführt, die wegen Vermögensdelikten ermitteln, wie die Staatsanwaltschaft Basel-Stadt erklärt. Die Durchsuchungen seien abgeschlossen, sagt Kriminalkommissär René Gesell. Nun würden noch Befragungen der verdächtigten Personen durchgeführt.

Anwalt Bonnant betont, dass es unfair wäre, davon auszugehen, dass Sarasin schuldig sei. «Aber manchmal ist bereits eine Anschuldigung zu viel.» Man wolle Herrn Sarasin die Freiheit geben, sich zu verteidigen, sagt Bonnant diplomatisch. «Sein Kampf könnte sonst die Reputation der Bank beschädigen.» Seine Anwesenheit in der Geschäftsleitung sei schwierig. «Für die Bank, für Dritte und für die Finanzmarktaufsicht Finma.» Eric Sarasin hat seine normale Aufgabe bereits beendet. Man sei in einer Übergangsphase, sagt Bonnant. Sarasin arbeite noch für die Bank, aber nicht mehr als Berater für wichtige Kunden. «Er kann seinen Schreibtisch ja nicht einfach so verlassen.»

Nach aussen liess sich der stets braun gebrannte Basler bis zuletzt nichts gross anmerken. Noch am vergangenen Montag nahm er an einem gut besuchten Anlass der Statistisch-volkswirtschaftlichen Gesellschaft Basel teil, dessen Kassier er ist. Und kurz zuvor liess er sich mit seiner Frau für die Klatsch-Seite der «Basler Zeitung» ablichten. Doch in privatem Umfeld habe er zunehmend sein Leid kundgetan, sagt einer, der ihn gut kennt. Man habe sich gefragt, wie lange sich Sarasin das noch antue. Diese Frage wurde nun beantwortet.

Sarasin weiss, dass mit seinem Abgang symbolisch endet, was schon vor Jahren eingeleitet wurde: das Ende der einst angesehensten Bank aus dem Basler Daigg. Die Bank Sarasin war Gründungsmitglied des Basler Bankvereins und stellte während Jahrzehnten den Präsidenten der Schweizerischen Bankiervereinigung – zuletzt bis 2003 mit Georg Krayer. Den Wandel leitete die Sarasin im Jahr 1987 ein, als sie einen Teil des Gesellschaftskapitals an der Börse kotierte. Sie meinte, damit einen Kompromiss aus Kapitalstärke und familiärer Kontrolle gefunden zu haben. Sie irrte sich. 2002 stiegt die Rabobank ein und übernahm faktisch die Bank, die später zu einer normalen Aktiengesellschaft mutierte. Und 2013 verkaufte Rabobank an die heutigen Eigentümer aus dem Safra-Clan, welche Sarasin mit der deutlich kleineren J. Safra fusionierten.

Die Safras unterschätzten beim Kauf offenbar die Leichen, die sich nach der jahrelangen Expansiv-Strategie unter Joe Strähle im Keller der Bank Sarasin angesammelt hatten. Anwalt Bonnant hält klar fest: Sollte das Maschmeyer-Verfahren dereinst Kosten für die Bank haben, werde man auf Rabo zugehen. «Sollten wir haftbar gemacht werden, gibt es keinen Zweifel, dass wir uns an Rabobank wenden werden.» Zwar gebe es keinen Passus im Kaufvertrag, der direkt anwendbar wäre. Bonnant verweist jedoch auf zivilrechtliche Gesetzesbestimmungen, die einen Regress möglich machten. Noch sei aber offen, ob es überhaupt so weit kommen werde.

Anderthalb Jahre nach der Absetzung des früheren Bankchefs Joe Strähle hat sich die frühere Bank Sarasin radikal verändert. Die Kommunikation nach aussen wurde faktisch eingestellt, nachdem die Aktie von der Börse genommen wurde. Und intern wird die Bank eng von den neuen Besitzern geführt, wie Angestellte berichten. Die Safras haben ihr in vieler Hinsicht ihren Stempel aufgedrückt. Am Eingang zu Sitzungszimmern stosse man mittlerweile auf Gebetsröllchen, Zeichen des jüdischen Glaubens der sephardischen Besitzerfamilie, erzählt ein Basler Banker.

Und so fragt man sich in Basel schon seit längerem, wie lange die Safras noch am Kompromissnamen aus Sarasin und J. Safra festhalten werden. Eine Umbenennung der Bank sei «kein Thema», sagt Anwalt Bonnant. Allzu viel Wert hatten solche Versprechungen der Safras in der Vergangenheit jedoch nicht.

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