Daniel Lampart warnt vor einem langsamen, schleichenden Abstieg. Die Öffentlichkeit bemerke diesen kaum, so der Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB). «Im Vergleich zu Deutschland ist jedoch erkennbar: Der starke Franken kostet uns Zehntausende von Arbeitsplätzen.»

Die Schweiz falle zurück, betont Lampart. Bereits im Sommer orakelte er auf seinem Blog: «Dass Deutschland eine niedrigere Erwerbslosenquote als die Schweiz hat, wäre ein Novum.» Doch im dritten Quartal 2015 ist es geschehen, wie das Bundesamt für Statistik diese Woche vermeldete. In Deutschland stand die Erwerbslosenquote bei 4,4 Prozent – in der Schweiz bei 4,9 Prozent, wenn die Erwerbslosen nach internationalen Standards gemessen werden.

Von den besten deutschen Bundesländern wurde die Schweiz schon früher abgehängt. Im Sommer 2013 bloggte Lampart: «Erwerbslosigkeit: Baden-Württemberg neu tiefer als in der Schweiz.» Vor Beginn der Frankenüberbewertung sei die Erwerblosenquoten dort noch um 2 Prozentpunkte höher gelegen als in der Schweiz. Dabei habe die Schweiz lange europaweit die niedrigste Erwerbslosenquote gehabt.

Die Schweizer Wirtschaft wächst zwar noch. Aber am Beispiel Baden-Württemberg kann man sehen, was eigentlich möglich wäre. «Ohne die Frankenüberbewertung hätten wir uns ähnlich wie Baden-Württemberg entwickelt», so Lampart. Gemäss seiner Berechnung hätte die Schweiz dann im dritten Quartal 2015 an die 70 000 Erwerbslose weniger, als sie heute hat. Die Erwerbslosenquote läge etwa bei 3,4 Prozent statt bei 4,9 Prozent. «Diese Zahl zeigt, welchen Schaden die Frankenüberbewertung anrichtet.»

Insbesondere die Schweizer Industrie tut sich schwer, mit Deutschland mitzuhalten. «Gerade gegenüber der deutschen Konkurrenz, die vom schwachen Euro profitiert, sind wir teilweise massiv zurückgeworfen worden», sagt Hans Hess. Der Swissmem-Präsident befürchtet einen dauerhaften Rückstand. «Derzeit arbeitet ein Drittel der Industrieunternehmen mit Verlust. Das Risiko besteht, dass sie deshalb weniger in Innovationen und in neue Maschinen investieren können.» Die Folgen würden sich auch auf dem Arbeitsmarkt zeigen.

Hess: «Einen grossen Knall wird es nicht geben. Aber einen schleichenden Abbauprozess, dessen Auswirkungen sich erst allmählich zeigen.» Hess rechnet damit, dass sich dieser Prozess noch ein bis zwei Jahre hinziehen werde. Um die Unternehmen macht er sich dabei weniger Sorgen. «Sie werden ihren Weg finden. Am Standort Schweiz wird dies hingegen Spuren hinterlassen.»

Die Schweizer Gastronomie muss im Gegensatz zur deutschen kämpfen. Gemäss einer Studie von 2014 geben Schweizer jährlich an die 4 Milliarden Franken ennet der Grenze aus. «Diese Ausgaben dürften dieses Jahr deutlich höher liegen», sagt Gastro-Suisse-Direktor Remo Fehlmann. Das hilft mit, den Beschäftigungsboom zu befeuern, den der deutsche Tourismus erlebt. Umgekehrt kommen aus dem Euro-Raum weniger Gäste in die Schweizer Bergregionen und Grenzgebiete. «Für die Wintersaison befürchten wir nochmals 10 bis zu 15 Prozent weniger Übernachtungen.»

Auch dieser Nachfrageeinbruch im Tourismus wirkt sich auf den Arbeitsmarkt aus. «Diese Umsatzeinbussen werden das Gastgewerbe Tausende von Jobs kosten», sagt Fehlmann. Bleiben noch die Sonne und der Schnee weg, könne der Abbau drastisch werden. «Dann sind insgesamt 10 000 Stellen in Gefahr.» Lohnerhöhungen liegen in diesem harschen Klima nicht drin. Die Gastronomie hat sich auf eine Nullrunde geeinigt.

Auch sonst lassen die ersten Abschlüsse in der diesjährigen Lohnrunde wenig Gutes erwarten. Die Bundesangestellten, deren Abschluss oftmals Signalwirkung hat, werden für 2016 keine generelle Lohnerhöhung erhalten. Das hat Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf den Personalverbänden mitgeteilt.

Generelle Senkungen der Löhne wollten die grossen Wirtschaftsverbände bislang nicht verlangen. Nur einige Unternehmer brachten die Forderung auf eigene Faust hervor. Diese Woche kam indessen der Verband der Industrie-KMU, Swissmechanic, dem Tabubruch nahe. Direktor Oliver Müller sagt, das «Hochlohnland Schweiz» sei für die KMU mittlerweile ein Problem. «Es verhindert, dass die Unternehmen nochmals an der Kostenschraube drehen können, um den Preisdruck weiter abzufedern», sagte Müller. Die Schweiz habe im Vergleich zum benachbarten Ausland um 20 Prozent höhere Stückkosten. «Bleibt das trotz allen Bemühungen so, müssen wir über die Löhne reden.»

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