Ein einfacher Haarschnitt kostet bei Ali Pesen 23 Franken. Mit Waschen verlangt der türkische Coiffeur im Kleinbasel 28 Franken. Die Billigpreise seien nötig, sagt Pesen, der seit über 20 Jahren in der Schweiz lebt. Seit der Eröffnung seines Salons vor 13 Jahren wirbt der Türke mit billigen Preisen, um im Markt zu bestehen. In der Zwischenzeit ist eine zweite Filiale dazugekommen. Doch Ali Pesen ist kein Exot mehr. Mittlerweile tun es ihm viele Immigranten gleich. «Die Konkurrenz ist gross, es sind viele neue Coiffeurgeschäfte eröffnet worden», sagt Pesen.

Seine Beobachtung stimmt, wie neuste Zahlen der paritätischen Kommission für das schweizerische Coiffeurgewerbe zeigen. Demnach kam es in den letzten Jahren zu einem Coiffeur-Boom: 2008 gab es erst 8518 Betriebe, heute sind es 11 877 – ein Anstieg um rund 40 Prozent. Kuno Giger, Präsident des Branchenverbandes Coiffure Suisse, bestätigt den Trend: «Überall schiessen Coiffeurgeschäfte wie Pilze aus dem Boden. Damit hat sich auch der Konkurrenzkampf verschärft.» Auffällig sei, dass die Filialen kleiner würden. Heute zähle man durchschnittlich pro Salon nur noch 2,2 Angestellte. «Vor zehn Jahren waren es 3,2.»

Zu den 26 000 registrierten Angestellten in der Branche kommen laut Giger geschätzte 5000 «Badewannen-Coiffeusen» hinzu. Dabei handelt es sich normalerweise um Frauen, die bei sich zu Hause als Nebenverdienst günstig Haare schneiden. Giger erachtet das auffallende Aufkommen von Billigsalons mit ausländischem Personal wie bei Ali Pesen als kritisch: «Sie werben mit Haarschnitten für 35 Franken oder noch weniger. Es ist davon auszugehen, dass ihre Zahl weiter zunimmt, was für die Branche sehr schlecht ist.»

Laut Giger führen die Billigstpreise zu einem «zermürbenden Preiskampf». Die billigen Haarschnitte könnten die ausländischen Geschäfte nur wegen ihrer Personalstruktur anbieten. «Bei vielen sind Ausländer angestellt, die weder über einen Schweizer Lehrabschluss noch über eine Schweizer Anlehre verfügen.» Dadurch würden sie nicht den Bestimmungen des Gesamtarbeitsvertrags (GAV) der Branche unterstellt. Dieser sieht aktuell einen Mindestlohn von 3600 Franken vor, per Oktober 3700 und per Oktober nächsten Jahres 3800 Franken. «Da ihre Qualität zum Teil mangelhaft ist, sind sie auch eine Gefahr für das Image der Branche.»

Die ausländischen Coiffeure wie Ali Pesen kontern Gigers Kritik. «Ich habe sieben Angestellte, alles Türken. Fünf davon sind zu 100 Prozent angestellt», sagt Pesen. Sie würden brutto 4500 Franken verdienen. Dabei könnte er rechtlich auch weniger als den GAV-Mindestlohn bezahlen, da nur gelernte und angelernte Coiffeure unter den GAV fallen.

Auch der Türke Ozan Akkaya, Geschäftsführer der beiden Zürcher Salons Relax34 und Relax16, lässt Gigers Kritik nicht gelten. Der Branchenverband müsse umdenken: «Wir sehen uns nicht als Coiffeur oder Friseur, sondern als Barbiere. Die Coiffeur-Schüler mit einer eidgenössischen Ausbildung können wir gar nicht anstellen, da sie unser Handwerk zu wenig beherrschen.»

Seine Angestellten hätten meistens in ihrem Heimatland Erfahrung als Barbiere gesammelt und kämen von überall her, aus Ungarn, aus der Türkei, aus Eritrea und anderen Ländern. «Im orientalischen Raum ist der Beruf des Barbiers sehr angesehen, deshalb erhalten wir viele Bewerbungen von Immigranten aus solchen Ländern», sagt Akkaya.

Er sieht die tiefen Eintrittsbarrieren als Grund für die Zunahme an Immigranten-Salons. Bereits mit 10 000 Franken könne man einen Salon mit drei Stühlen einrichten. «Die Coiffeurbranche bietet Ausländern die Chance, sich in der Schweiz ein eigenständiges Geschäft aufzubauen oder einen anständigen Lohn zu erhalten, auch bei geringen Deutschkenntnissen», sagt Akkaya. Vier seiner zwölf Angestellten seien zu 100 Prozent angestellt und würden zwischen 4200 und 4400 Franken brutto verdienen. Nur mit reinen Dumpingpreisen könne man langfristig kein Geschäft führen. «Bei solchen Preisen muss man bei der Qualität sparen, sei es bei den Produkten, beim Personal oder bei der Zeit.»

In den Relax-Salons am Albisriederplatz und in Oerlikon kostet der einfache Haarschnitt 25 Franken. Die meisten Kunden bezahlen laut Akkaya am Schluss aber rund 50 Franken, da sie Zusatzservices kaufen wie die Haarentfernung an Ohren und Wangen durch Feuerwatte oder das Zupfen der Augenbrauen. «Nur weil ein Coiffeur 60 Minuten braucht statt 30 Minuten wie wir, heisst das nicht, dass er besser ist.»

Viele junge Kunden kommen laut Akkaya alle zehn Tage vorbei. Gefragt sei zurzeit der elektrische Kurzhaarschnitt auf den Seiten, und oben ein moderner Schnitt mit der Schere, so wie bei Fussballstar Xherdan Shaqiri. «Ende Monat nach Lohnerhalt gönnen sie sich dann eine spezielle Bartrasur.»

Er könne sich auf Kunden aus der türkischen Gemeinschaft verlassen, 60 Prozent seien aber Schweizer, sagt Akkaya. «Als Barbiere sind wir auch Kollegen und Psychologen. Unsere Filialen sind ein sozialer Treffpunkt für Männer, um miteinander zu sprechen, Musik zu hören, Fernsehen zu schauen oder Kaffee zu trinken.» Oft kämen die Gäste mit der ganzen Familie in den Salon. Frauen seien hingegen selten anzutreffen: «Sie wünschen kompliziertere Schnitte und Farben.» Das sei nicht ihre Kernkompetenz. Das überlasse man den Coiffeuren.

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