VON PATRIK MÜLLER

Herr Walpen, seit 2006 schreibt die SRG rote Zahlen – Jahr für Jahr. Dieses Spiel ist durchsichtig: Mit dieser Defizit-Serie wollen Sie höhere Gebühren erzwingen.
Es ist absurd, uns zu unterstellen, wir würden absichtlich Defizite ausweisen. Das ginge gar nicht! Die Sache ist ganz einfach: Die Ausgaben sind höher als die Einnahmen.

Sie malen schwarz! Auch der Preisüberwacher kam laut «SonntagsZeitung» zum Schluss, dass es bei der SRG kein strukturelles Defizit gibt.
Ich habe mich daran gewöhnt, dass man nicht alles zum Nennwert nehmen kann, was in der Zeitung steht. Mir ist noch keine entsprechende Aussage des Preisüberwachers bekannt, aber eine derartige Sichtweise würde mich nicht überraschen.

Tatsache ist doch: Sie könnten das Defizit wegbringen, wenn Sie endlich sparen würden. Aber Sie weigern sich!
Das stimmt einfach nicht. Wir haben 2005, 2007 und 2008 Sparpakete geschnürt und damit die Kosten pro Jahr um über 100 Millionen Franken gesenkt. Und in diesem Jahr werden weitere Sparmassnahmen umgesetzt – in der Höhe von 30 Millionen. Hätten wir das nicht getan, wären die Defizite erheblich höher.

Warum dann diese Verluste? Die Gebühreneinnahmen der SRG steigen von Jahr zu Jahr – wegen des Bevölkerungswachstums.
Erlauben Sie mir ein Beispiel: Die SBB haben seit 2000 die Zahl der Passagiere gesteigert und auch deshalb mehr Einnahmen erzielt. Und trotzdem haben sie wiederholt die Tarife erhöht. Dafür gibt es auch Gründe: Inflation, Angebotsausbau, Investitionen und so weiter. Wir haben mehr Haushalte, deshalb auch die Mehreinnahmen, aber seit 2000 keine Tarifanpassung, die uns etwas gebracht hätte; das geht auf Dauer nicht mehr auf. Auch wir haben Lohnsteigerungen, Teuerung, technische Innovationen, zusätzliche Angebote und Mehrleistungen, zum Beispiel für Sinnesbehinderte und den Schweizer Film.

Sie sind mit 462 Franken pro Haushalt eben schon sehr hoch.
Nicht, wenn man berücksichtigt, dass wir vier Sprachregionen bedienen: Müssten wir nur in einer Sprache senden, wie die meisten ausländischen Veranstalter, so läge die Empfangsgebühr bei 268 Franken. Und noch Folgendes: Würde man die Gebühren um 3 Prozent anpassen, wäre das pro Haushalt monatlich eine Mehrbelastung von 1 Franken und 14 Rappen und jährlich von 13 Franken 60 Rappen. Das könnte sich sogar ein Fürsorgeempfänger leisten. Dem Einzelnen tut es nicht weh – und man muss auch mal beachten, was wir den Leuten täglich für Freude bereiten! Es ist eine Frage der Verhältnismässigkeit.

So schlecht kann es der SRG nicht gehen. Jedenfalls war es möglich, den Personalbestand weiter auszubauen: um 128 Mitarbeiter im Jahr 2008, um 110 im Jahr 2009. Demgegenüber entliessen «Tages-Anzeiger» und «Blick» 20 Prozent der Redaktion.
Erstens müssen wir keinen Gewinn erzielen und dafür sparen. Zweitens haben wir eine Stellenplafonierung. Die kostenneutrale Personalzunahme um 110 Stellen im letzten Jahr erklärt sich damit, dass wir neu die Praktikanten, die Teletext-Redaktionen und gewisse Produktionsmitarbeiter im Stammhaus mitzählen. Wir haben also eine unechte Zunahme.

Wären bei derartigen Defiziten nicht radikale Massnahmen nötig? Zum Beispiel Sender schliessen, die nicht zum Service public gehören?
Wir haben keine solchen Sender!

Mit Verlaub, aber was hat Radio Virus mit Service public zu tun?
Die Politik definiert, was Service public ist, und der Bundesrat hat diese Sender konzessioniert. Virus ist ein Programm, das auf die junge Generation zugeschnitten ist. Wir dienen der ganzen Bevölkerung – auch junge Hörer zahlen Gebühren.

Aber für die Jungen gibts genug private Programme. Auch DRS 3 klingt ähnlich wie Privatsender.
Es gibt gewichtige Unterschiede: Studien belegen, dass die Musikauswahl bei unseren Sendern vielfältiger ist. Virus und DRS 3 haben auch starke kulturelle und informative Komponenten, die sich die Privaten wegen der Gewinnorientierung nicht leisten können.

Das stimmt doch nicht. Auch Private wie Radio 1, Radio 24 oder Radio Argovia haben eine grosse Musikvielfalt und bringen kulturelle Beiträge. DRS 3 tönt nicht weniger kommerziell als sie.
Doch. Ich höre diese Sender zwar nicht so oft, aber es sind Lokalradios, die sich auf das Lokale und Regionale fokussieren.

Noch einmal: Müsste die SRG in ihrer Finanznot nicht Sender schliessen, statt nach mehr Einnahmen zu rufen?
Für mich nur als Ultima Ratio.

Welche Programme würden Sie streichen?
Falls wirklich notwendig, würde ich über HD Suisse, die Radiosender Swiss Pop, Swiss Classic, Swiss Jazz und Virus diskutieren; als wirklich letzte Massnahme die Musikwelle, Option musique, TV5 und 3sat.

Warum machen Sie das nicht einfach?
Wir haben einen Leistungsauftrag, für alle da zu sein. Und diese Sender haben zum Teil Hunderttausende von Zuhörern oder Zuschauern und entsprechen einem Bedürfnis! Aber es stellt sich für mich noch eine andere Frage.

Welche denn?
Die Frage, ob die Schweiz weiterhin einen starken Service public will. Sollen wir nach wie vor den Leistungsauftrag erfüllen, wie ihn Verfassung, Gesetz und Konzession definieren? Weiterhin Inhalte anbieten, die gegen die ausländische Konkurrenz bestehen können? Oder soll man Quantität und Qualität herunterfahren? Diese entscheidenden Fragen muss unser Auftraggeber, das heisst Parlament und Bundesrat, beantworten.

Sie spielen den Ball der Politik zu. Doch diese ist nicht mehr willens, der SRG mehr Geld zu geben.
Ich spiele den Ball niemandem zu, ich halte nur Fakten fest. Was stimmt, ist, dass die Politik wieder vermehrt über die SRG diskutiert.

Sie spüren mehr Druck aus der Politik?
Ja, auch wenn die Einflussnahme nicht so stark ist wie im Ausland, beispielsweise in Italien oder Frankreich. Eines darf man nicht vergessen: Die SRG berichtet – wie private Medien auch – über Politik und Politiker, zum Teil auch kritisch! Der Unterschied ist, dass die Politik die grundlegenden Rahmenbedingungen wie Preiserhöhungen und die Definition der Angebote bei der Presse nicht bestimmen kann – bei uns indessen schon. Diese Dopplerolle kann zu Problemen führen.

Die Politiker missbrauchen die SRG für ihre Zwecke?
Nein, aber die Sensibilität für die Unabhängigkeit der SRG hat in der Politik eher abgenommen. Diese Erfahrung habe ich gemacht.

Ist es nicht vielmehr so, dass Kritik aus der Politik kommt, weil die SRG am falschen Ort Geld ausgibt? Etwa 7 Millionen Franken für ein neues Logo, wie der «SonntagsBlick» berichtete?
Da würde ich den Politikern empfehlen, zuerst bei der SRG nachzufragen, was Sache ist – bevor sie sich empören. Im Artikel stand Nonsens. Etwa, dass die Logos ein Abschiedsgeschenk von mir seien oder dass sie 7 Millionen kosten. Richtig sind 2 Millionen. Der Grund dafür ist die Konvergenz, die Zusammenführung von Radio und Fernsehen – da braucht es neue Marken und Logos.

Aber doch nicht jetzt, in dieser Finanzlage!
Wir können doch die neue Unternehmung nicht Schweizer Fernsehen nennen, wenn es SF so nicht mehr gibt. Zudem: Ein attraktives Gewand gehört in unserem Business, das auch ein Showbusiness ist, einfach dazu. Auch der «Sonntag» verändert von Zeit zu Zeit sein Layout.

Der Eindruck bleibt: Bei der SRG fehlt der Sparwille. Dazu passt, dass der SRG-Hauptsitz in Bern zurzeit für Millionen renoviert wird.
Die Sanierung dieses 40-jährigen Gebäudes ist aus Sicherheitsgründen notwendig. Ich konnte es nicht verantworten, dass sich irgendwann die Betonplatten lösen und Menschen unter sich begraben. Wir beabsichtigen übrigens, einen Teil unserer Immobilien zu verkaufen. Unser Raumbedarf wird heruntergefahren. Dass wir sparen und Opfer erbringen, wollen die Medien partout nicht wahrnehmen. Es wäre eine Zumutung für sie, wenn sie auch noch die Fakten berücksichtigen müssten. Diese könnten ja die Story kaputtmachen! Die SRG hat ein Wahrnehmungsproblem, vor allem bei den Journalisten. Das Publikum hingegen stellt uns gute Noten aus.

Hier haben Sie in einem privaten Medium Platz, zu erklären, wo die SRG denn Opfer erbringt.
Von der Telefonistin bis zum Generaldirektor erhält 2010 kein einziger SRG-Angestellter auch nur einen Franken mehr Lohn. Das gibt es meines Wissens in keinem anderen bundesnahen Betrieb. Wir haben die Teuerung in den letzten Jahren bei weitem nicht ausgeglichen, haben auf Investitionen verzichtet, Sendungen gestrichen und so weiter.

Das gilt für private Medienhäuser ebenso. Aber Ihre Angestellten haben Privilegien, zum Beispiel müssen Sie keine SRG-Gebühren zahlen.
Solche Aussagen finde ich despektierlich, um ehrlich zu sein. Das Personal hat grosse Opfer erbracht. Und, bezahlen Sie Ihr «Sonntag»-Abonnement etwa selber?

Nein.
Eben. Übrigens, unsere Rentner müssen neuerdings die Gebühr selber zahlen, was – nicht ganz zu Unrecht – einige Unruhe auslöst. Aber all das wird nicht wahrgenommen.

Warum nicht? Weil die Journalisten neidisch auf ihre SRG-Kollegen sind?
Vielleicht. Die Zeitungsbranche steckt in einer strukturellen Krise, Arbeitsstellen sind hochgradig gefährdet und nun geht man anscheinend in gewissen Verlagen davon aus, wenn es der SRG schlechter geht, geht es den Verlagen besser. Ein Irrglaube. Hinzu kommt der heutige Journalismus: Man zieht eine These durch, berichtet möglichst negativ und blendet alles aus, was nicht dazu passt. Verstehen Sie mich richtig: Ich habe nichts gegen kritische Artikel...

...die sind Sie ja gewohnt.
Mich stört es, wenn man die Wirklichkeit falsch darstellt oder wichtige Teile davon ausblendet. Es ist dégoutant, wenn der «SonntagsBlick» schreibt, das neue Logo koste 7 Millionen Franken, und den Grund des Logowechsels nicht erwähnt. Schlechter Journalismus! Ich will auch nicht nur den «SonntagsBlick» nennen, es gäbe sicher auch Beispiele aus dem «Sonntag» und aus anderen Zeitungen. Und auch auf unseren Sendern ist nicht immer alles korrekt.

Die SRG löst bei Verlagen gewisse Ängste aus. Zum Beispiel, weil sie mit Gebühren-Millionen Internet-Portale aufbaut – und den privaten Onlineseiten Konkurrenz macht.
Gefällt Ihnen unser Internet-Angebot, Herr Müller?

Ja, ich nutze es. Aber ist das Aufgabe des Service public?
Wir wären weg vom Fenster, wenn wir im Internet nicht präsent wären.

Dass Sie Ihre TV- und Radio-Beiträge ins Netz stellen, stört niemanden. Aber Sie haben eine grosse Online-Redaktion aufgebaut. Das können sich Private nicht leisten.
Sie ist keineswegs gross. Wir haben nur zwei Möglichkeiten: Entweder reagieren wir auf das veränderte Nutzungsverhalten des Publikums, oder uns kommt das Publikum abhanden. Wer den Verlegern wirklich wehtut, sind ausländische Unternehmen wie Google, Youtube und Facebook, nur: Gegen die kann man keine Verbote und Beschränkungen verlangen und durchsetzen. Die Verleger und wir sitzen letztlich im selben Boot: Wir haben beide das Problem, dass Information, Medieninhalte generell zunehmend als Gratisware angesehen werden. Das sollten wir gemeinsam angehen.

Herr Walpen, am 18. Mai wird der Name Ihres Nachfolgers bekannt. Wer ist es?
Ich weiss es nicht, ich bin nicht in das Verfahren involviert. Ich durfte jeweils aus dem «Sonntag» erfahren, wer gerade Favorit oder Favoritin ist. (lacht)

Macht sich bei Ihnen schon Wehmut breit?
Eine Mischung aus Wehmut und Erleichterung. Ich bin gerne Generaldirektor. Es war zwar anstrengend, ich hatte aber viele schöne Erlebnisse und einen ausserordentlich spannenden Job. Was ich sicher nicht vermissen werde, sind die VIP-Anlässe. Und im Übrigen bin ich froh, nicht mehr im Schaufenster stehen zu müssen. Mein Bedarf an Öffentlichkeit ist gedeckt.

Was sehen Sie als Ihren grössten Erfolg?
Dass es gelungen ist, den Service public auch in den Minderheitsregionen zu sichern und teilweise auszubauen. Darauf bin ich stolz. Heute steuert die Deutschschweiz gut 70 Prozent der Einnahmen bei, erhält aber nur etwas mehr als 40 Prozent davon, die italienische Schweiz bringt 4 Prozent, erhält aber über 20 Prozent. Das ist ein ganz starkes staatspolitisches Zeichen – und Teil der Willensnation Schweiz.

Sind Sie in Sorge, dass nach Ihrem Rücktritt das Tessin und die Westschweiz unter die Räder kommen?
Ja, diese Sorge habe ich. Ich mahne zu höchster staatspolitischer Vorsicht. Je weniger Geld vorhanden ist, umso härter der Verteilungskampf.

Wird nicht übertrieben? Ein zweiter Fernsehsender für das kleine Tessin ist Luxus pur.
Vorsicht. Würden wir den zweiten Kanal streichen, könnten wir nur 7 Millionen sparen, verlören aber viel Publikum an die weit potenteren italienischen Sender. Um gegen diese Giganten bestehen zu können, braucht es ein Minimum an Geld. Es wäre deshalb falsch, überproportional in der Westschweiz oder in der italienischen Schweiz zu sparen, dort sind wir bereits am Limit. Ich warne eindringlich vor derartigen Schritten.
Was war der grösste Fehler, den Sie in den 14 Jahren gemacht haben?
(Denkt nach) Wo gearbeitet wird, geschehen Fehler. Ich habe viel gearbeitet...

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