Von Alexandra Fitz und Raffael Schuppisser

Männer gehen fremd. Frauen auch. Das ist jetzt so, und das war früher nicht anders. Doch die Art und Weise, wie sie es tun, hat sich durch das Internet verändert. Das Risiko auch. Früher bestand die Gefahr, dass man in flagranti erwischt wurde, dass ein Bekannter zufällig im selben schäbigen Hotel logierte, in dem man seine Affäre traf. Oder an derselben Autobahnraststätte haltmachte. Doch wenn man nicht gesehen wurde, hatte man gute Chancen, dass der Seitensprung geheim blieb. Denn Spuren hinterliess man keine.

Anders im Netz, wo jeder Klick dokumentiert wird. Das mussten über 30 Millionen Nutzer des Seitensprung-Portals Ashley Madison schmerzlich erfahren, deren Daten von Hackern ins Internet gestellt wurden. Selbst dann, wenn sie «bloss» einen virtuellen Flirt oder längst mit dem Fremdgehen abgeschlossen haben, werden sie nun von ihrer Vergangenheit eingeholt. Denn das Portal löscht die Daten von ehemaligen Kunden nicht. Auch dann nicht, wenn diese extra dafür bezahlt haben.

Was für drastische Konsequenzen dieses Vorgehen für den Einzelnen haben kann, zeigt das Beispiel eines Deutschen. Er war, wie er der «Süddeutschen Zeitung» unter dem Schutz der Anonymität erzählte, vor vier Jahren aktiv auf dem Portal. Nach zwei Seitensprüngen realisierte er, dass er so sein Glück nicht fand, kündigte seine Mitgliedschaft und besuchte mit seiner Frau eine Psychotherapie. Bis vor kurzem lebte er mit ihr eine glückliche Ehe – bis seine Daten im Netz auftauchten. Er gestand seiner Frau alles. Sie zog aus. Nun betet er, dass sie wieder zurückkommt, und schämt sich. «Ich traue mich kaum vor die Haustür», sagt der Mann Ende 30.

Längst ermitteln die Polizei und das FBI gegen die Hacker, die letzte Woche Namen, Kreditkartennummer, E-Mailadressen, Anschrift und sexuelle Vorlieben der Nutzer ins Netz stellten. Darunter befinden sich anscheinend bis zu 200 000 Schweizer. Bei dem Datendiebstahl handelt es sich laut Bryce Evans, Chefermittler der kanadischen Polizei, um einen der umfangreichsten der Welt.

Eine kleine Gruppe von Hackern (oder vielleicht auch nur ein Einzeltäter) namens «Impact Team» erhebt sich zur Moralinstanz und tritt das Recht auf Privatsphäre mit Füssen. Sie ist verantwortlich, dass Millionen von Leuten in Angst leben müssen. Die Folgen der Massenentblössung sind fatal. Die kanadische Polizei ermittelt in zwei Suizidfällen, die vermutlich in Zusammenhang mit dem Datendiebstahl stehen. Es kam schon zu mehreren Erpressungsversuchen.

Bereits sind Nachahmer aktiv. «Hacker haben begonnen, gefälschte Seiten von verschiedenen Dating-Plattformen ins Netz zu stellen», sagt der Schweizer Sicherheitsexperte Guido Rudolphi. Seit Tagen würden Millionen von Spam-Mails verschickt, die dazu auffordern, sich auf diesen Seiten einzuloggen, um «erhöhte Sicherheitsanforderungen» zu erfüllen. «Wer das macht, muss damit rechnen, dass seine Daten veröffentlicht werden.» Und während Nutzer eine Sammelklage gegen das Portal einreichen, das vermutlich bald offline gehen muss, tun US-Promis und Politiker öffentlich Abbitte oder beteuern ihre Unschuld.

Das Netz vergisst nie. Das wird einem dieser Tage drastisch vor Augen geführt. Dabei suggeriert doch dieses Netz etwas ganz anderes, nämlich Anonymität und die Möglichkeit, in eine Welt voller Heimlichkeiten einzutauchen. Sind nicht gerade deshalb Online-Portale Tummelplätze für Fremdgehwillige?

Dating-Portale wie Ashley Madison, C-Date, aber auch Parship und Tinder haben das Fremdgehen wesentlich verändert. Der Zugang zum «Verbotenen» ist einfacher, schneller. Gerade zurückhaltende Menschen – von denen es ja in der Schweiz so viele geben soll – können sich ins Netz flüchten. In der Dunkelheit ihre «Neigung» ausleben. Mit ein paar Klicks meldet man sich an, vom PC oder vom Handy. Sieht Bilder, chattet, träumt, trifft sich womöglich auch. Und das alles unter dem Deckmantel des Internets.

Was nicht heissen soll, dass heute mehr betrogen wird. Aber die Vorgehensweise ist eine andere. Früher lernte man jemanden im realen Leben kennen, fühlte sich von dieser Person angezogen oder hatte einfach Lust auf ein sexuelles Abenteuer und betrog dann seinen Partner spontan, quasi im Affekt. Auch wenn die Chance bestand, dass man in der Disco, im Café oder im Hotel erkannt wurde, gab es keine Nutzerprofile im Netz, keine Chat-Verläufe auf dem Handy. Im Internet-Zeitalter ist es viel mehr so, dass man erst den Entschluss fasst, zu betrügen, und sich dann explizit auf die Suche macht. So scheinen es zumindest die seitensprungwilligen Männer auf Portalen wie Ashley Madison zu halten.

Männer muss man sagen, weil die Nutzerdaten von zirka 32 Millionen Männern und nur von etwa 5,5 Millionen Frauen offenliegen. Neben der Beschuldigung, dass Ashley Madison Kundendaten nicht löscht, werfen die Hacker dem Portal Betrug vor: Der Grossteil der weiblichen Profile sei gefaked. Die Journalistin Annalee Newitz wollte das genau wissen. Sie analysierte die Frauen-Profile. Ihr Ergebnis ist düster. Kaum eine dieser Frauen hat jemals mit einem Mann auf dieser Seite kommuniziert oder nach der Anmeldung die Seite überhaupt aktiv genutzt. Laut Newitz sind bloss etwa 12 000 Nutzerinnen real. Nicht gerade viel bei 5,5 Millionen weiblichen Profilen.

Von Fake-Profilen wusste man bereits: Eine ehemalige Mitarbeiterin berichtete, dass sie massenweise weibliche Nutzerprofile kreieren musste. Newitz fand nun heraus, dass über 10 000 E-Mail-Adressen mit «ashleymadison.com» hinterlegt sind. Weiter verraten die IP-Adressen, dass Tausende Profile von Ashley-Madison-Computern erstellt wurden. Die Journalistin überprüfte auch die User-Aktivität. Männer checken ihren Posteingang, verschicken Nachrichten. Bei den Frauen-Profilen ist es nach der Account-Eröffnung still.

Klar, manche Frauen waren neugierig, meldeten sich an und verschwanden wieder, andere wollten ihren Ehemännern nachspüren. Aber fest steht: Die Männer sollten denken, dass sich auf diesem Portal willige Frauen tummeln. Die Mitarbeiter haben einen super Job gemacht, die vielen «Robote-Profile» echt aussehen zu lassen. Aber beim Verwischen der Spuren haben sie schlampig gearbeitet. Denn die internen Daten, welche die Hacker ebenfalls ins Netz stellten, entlarven sie als Betrüger. Es sind Daten, die zeigen, dass mehrere Millionen von Männern E-Mails schreiben, chatten, Geld ausgeben – für Frauen, die gar nicht da sind.

Die grosse Mehrheit der Männer hatte also nie eine Affäre. Sie bezahlten für eine Fantasie. Eine Fantasie, die Millionen von Männern (und Frauen) auch haben, sie jedoch bloss im Kopf «ausleben». Ashley Madison ist also – das die Erkenntnis des Hacks – für die meisten nur eine Erweiterung des Kopf-Kinos. Hier manifestieren sich zwar ihre Träume, aber nicht in Fleisch und Blut, sondern lediglich in Bits und Bytes. Die Möglichkeiten scheinen real, hinter jedem Namen, jedem Bild könnte sich das Tor zum sexuellen Abenteuer öffnen. Könnte. Denn letztlich bleibt der Cyberspace hier vor allem eine Illusionsmaschine.

Das führt dazu, dass sich Paare, deren Männer (und vereinzelt Frauen) bei Ashley Madison waren, sich neu an den immerwährenden Fragen abarbeiten müssen: Wo beginnt Untreue? Ist die Anmeldung bei Ashley Madison schon Betrug? Denn auch wenn sich keine «echte» Frau finden lässt, hat man schliesslich eine Absicht. Oder bescheisst man erst mit einem realen Treffen, mit einem physischen Kontakt? Das diskutieren jetzt Tausende von Paaren, deren Beziehung in Scherben liegt – wegen ein paar wenigen Hackern.

Der bekannte Psychologe und Paartherapeut Dirk Revenstorf beschäftigt sich in seinem Buch «Liebe und Sex in Zeiten der Untreue» mit dieser Frage. Er konstatiert: Untreue ist bedrohlich und lässt langjährige Beziehungen einstürzen. Dennoch plädiert er im Falle der Untreue, nicht aufzugeben, sie einigermassen gelassen hinzunehmen und möglicherweise gar aus ihr zu lernen. Das klingt einfach. In der Theorie.

Doch Gefühle sind nun mal nicht rational. Bei der Untreue hat jeder Mensch andere Standards, andere Codes, andere Grenzen. Von Vorteil ist nur, wenn sie der Partner kennt. Und seine Fremdgeh-Ansichten ähnlich sind. Wo diese liegen, das müssen die Paare selber herausfinden. Das geht die anderen nichts an. So wie ihr «untreues Verhalten», das nun im Netz dokumentiert ist, die Öffentlichkeit nichts anginge.

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