VON FLORENCE VUICHARD UND BENJAMIN WEINMANN

Herr Kambly, Ihre Firma in Trubschachen feiert 2010 ihren 100. Geburtstag. Ist es eigentlich noch zeitgemäss, vom Emmental aus die ganze Welt mit Guetzli zu beliefern? .
Oscar A. Kambly: Sicher! Wir haben hier eine wunderbare Natur, wunderbare Rohstoffe, wunderbare Handwerkskunst und Mitarbeitende, die zum Teil wie ich in der dritten Generation für Kambly arbeiten. Und wir haben hier einen ganz besonderen Ortsgeist, der uns Kraft gibt. Wenn wir in einem Vorort von New York oder Schanghai produzieren würden, wäre das Resultat nicht dasselbe – auch nicht mit den identischen Emmentaler Rohstoffen.

Das klingt etwas gar verklärt. .
Hinter jeder Physis steht eine Seele, hinter jedem Leib eine Gesinnung. Man kann nicht einfach Zutaten vermischen. Man muss jemanden gern haben, um gut für ihn zu kochen. Wir sind überzeugt, dass die Art und Weise, wie wir hier arbeiten, dem Gebäck das gewisse Etwas verleiht. Wir sind eine Seilschaft mit einem gemeinsamen Ziel. Wenn man sich für ein Ziel begeistert, dann gibt man mehr, das gibt Kraft. Das ist eine Grundhaltung.

Liegt es nicht eher daran, dass Kambly ein Familienunternehmen ist, mit dem man sich identifizieren kann? .
Das spielt sicherlich eine Rolle. Wir kennen uns hier, wir essen am Mittag zusammen, waren als Jugendliche zusammen in der Schule oder im Turnverein. Die überschaubare Grösse ist ein Privileg. Jeder kennt die Werte und die Gesinnung von Kambly. In einem Grosskonzern ist das anders. Deshalb geben wir unser Bestes, um unabhängig zu bleiben.

Klopfen bei Ihnen oft Konzerne an, die Kambly übernehmen möchten? .
Ja, das kommt immer wieder vor. Eine so gute Marke ist attraktiv. Aber dann sage ich jeweils: «Keep your dollars, I keep my passion.»

Ist das der Unterschied zwischen dem Unternehmer und dem Manager? .
Der Planungshorizont eines Managers ist der Quartalsbericht, derjenige des Unternehmers ist sein ganzes Leben – und das seiner Nachfolger. Der Unternehmer hat eine Idee, eine Vision. Für seine Werte setzt er sich mit seinem Namen ein – auch bei Misserfolg. Das ist die wahre Verantwortung. Wenn ein Manager einen Misserfolg verursacht, dann geht er einfach – oft noch mit einem goldenen Fallschirm. Das hat mit Verantwortung gar nichts zu tun.

Nerven Sie sich über die Manager, die mit ihren Fehlern und Boni die Schlagzeilen beherrschen? .
Nein, ich nerve mich nicht. Aber sie sind ein Spiegel für den Zustand, in welchem ein Mensch, die Wirtschaft oder gar die Gesellschaft steckt. Und dieser Spiegel ist auch immer ein Wegweiser. Nach all diesen Vorkommnissen wüssten wir eigentlich, was wir zu tun hätten. Wenn ich zu schnell laufe und mein Herz nicht Schritt hält, dann sollte ich etwas langsamer werden. Wenn ich den Kopf anschlage, dann sollte ich wohl etwas besser aufpassen.

Viele wollen die Zeichen nicht sehen und kassieren Boni und goldene Fallschirme. .
Menschen, deren Streben nur auf eigenen übermässigen Geldvorteil gerichtet ist, sind eigentlich zu bedauern.

Wieso? .
Wer etwas nimmt, das er nicht verdient hat, lädt Schuld auf sich.

Die Frage ist doch, ob diese Manager auch ein Schuldbewusstsein haben? .
Das kann man ihnen nur wünschen. Nur indem man auf sein Gewissen hören lernt, kann man sich entwickeln. Jeder Mensch muss seinen Lehrgang selbst erkennen und gehen. Egoisten schwingen manchmal obenauf, aber langfristig gesehen korrigiert sich das wieder.

Braucht es jetzt nicht strengere Regeln, wie sie zum Beispiel die Abzocker-Initiative vorschlägt? .
Ich bin gegen diese Initiative. Es braucht selbstverständlich gewisse Regeln, aber mit zu vielen machen wir alles kaputt. Wenn man beim Fussball keine Regeln hat, dann herrschen die Gesetze des Dschungels. Wenn wir aber jeden einzelnen Schritt vorschreiben, dann ist es kein Fussballspiel mehr. Für mich ist klar: Unternehmer und Manager müssen einen Beitrag leisten zum nachhaltigen Gedeihen von Wirtschaft und Gesellschaft. Denn Wohlstand ist eine Voraussetzung für Frieden und Freiheit.

Sie haben mal gesagt, wer Jeremias Gotthelfs «Ueli»-Romane gelesen hat, braucht keine Managerliteratur. Wie meinen Sie das? .
In den «Ueli»-Romanen vertrinkt der junge Knecht, der den Sinn des Lebens nicht erkennt, seinen Wochenlohn. Gotthelf zeigt wunderbar auf, wie dieser Knecht, Ueli, zu einem bewussten Menschen wird. Am Schluss ist Ueli Meister und führt einen blühenden Hof. Diese Botschaft – der Goldfaden, der sich durch Gotthelfs Werk zieht – ist zeitlos. Die Kulisse mag sich ändern. Die Essenz, was ein guter Mensch ist, die bleibt.

Management by Gotthelf also? .
Es muss nicht immer Gotthelf sein. Auch Dante, ein schönes Goethe-Gedicht oder Platon erzählen dasselbe. In seinem Buch «Der Staat» beschreibt Platon, was ein guter Führer ist. Da können Sie die gesamte Managementliteratur entsorgen – für zwanzig Seiten Platon!

Was ist denn gute Führung? .
Gute Führung ist, wenn die führungsverantwortliche Person weiss, was es heisst, zu dienen, und wenn ihre Angestellten an ihrem Vorbild und ihren klaren Werten als Menschen wachsen können, wenn sie von ihr lernen können. Der Anfang jeder guten Führung ist Wahrhaftigkeit und Respekt – wer das nicht hat, wird nie ein guter Chef.

Werden Sie Ihren eigenen Ansprüchen gerecht? .
Ich gebe mir Mühe, jeden Tag zu wachsen und besser zu werden. Auch ich bin ein Lehrling. Vieles, was ich über Führung sage, habe ich übrigens von meinem Grossvater gelernt.

Ihr Grossvater hat vor bald 100 Jahren per Handschlag mit dem Grossvater des heutigen Dorfmüllers einen Vertrag abgeschlossen. Das ist heute nicht mehr möglich. .
Doch, der Vertrag von damals gilt noch immer! Was nützt ein schriftliches Dokument, wenn die Menschen nicht die richtige Gesinnung haben? Vertrauen besteht zwischen Menschen, nicht zwischen Papieren.

Sie können doch in der heutigen globalisierten Welt nicht nach Australien gehen und dort einen Vertrag per Handschlag besiegeln. .
Das stimmt. Aber ich bin bei jedem wichtigen Vertragsabschluss persönlich dabei und schicke nicht irgendwelche Rechtsvertreter mit dicken Musterverträgen und rechthaberischen PowerPoint-Präsentationen. Ich steige selber ins Flugzeug, schaue meinem Partner in die Augen, und dann besiegeln wir das Geschäft per Handschlag. Natürlich wird auch etwas auf Papier festgehalten. Aber der die Gleichsicht und das Vertrauen besiegelnde Handschlag ist und bleibt das Wichtigste.

Das funktioniert nicht in allen Ländern. .
Nein. Aber in allen Kulturen geht es um das gegenseitige Vertrauen. In einigen Ländern wird sogar nur so gearbeitet. Dort lachen sie über Manager, die mit ihren Anwälten antraben. Wenn Sie nach China gehen und die vertraglichen Details Punkt für Punkt durchdiskutieren möchten, dann müssen Sie gar nicht erst dorthin. Dann ist Ihr Geschäft zum Tod verurteilt.

Und in Europa? .
Auch in unseren Nachbarländern passen wir unser Geschäftsmodell immer der Kultur des Landes an. In Deutschland muss man wissenschaftlich unterlegte Konzepte präsentieren. In Frankreich braucht es eine begeisternde Idee. Und in Italien geht es ums stimmige Ambiente, um Amicizia und Amore: «When in Rome, do as the Romans do.»

Und als Trubschacher treffen Sie immer den richtigen Ton? .
Wir Schweizer haben einen Vorteil. Wir sind die grosse kulturelle Vielfalt auf kleinem Raum gewohnt. Deshalb fällt uns der internationale Kontakt oft leichter als Menschen aus anderen Ländern, in denen nur eine Sprache gesprochen wird. Die treten im Ausland zum Teil wie Trampeltiere auf. Wir Schweizer bewegen uns auf dem internationalen Spielfeld eher wie ein sanfter Schmetterling.

Die Emmentaler gelten nicht als sehr weltoffen. Sind Sie die Ausnahme? .
Der Emmentaler ist ein äusserst langfristig orientierter Mensch. Die Natur hat ihn gelehrt, mit langen Zyklen zu leben. Häufig gibt es lange Winter. So entstand eine Art zu denken, die vorsichtig ist gegenüber schnellem Wandel. Man wirft dem Berner immer wieder Bedächtigkeit vor. Das stimmt nicht ganz. Er ist bedachtsam – und auch nachhaltig. Das ist ein grosser Unterschied.

Wie viel trägt das Auslandgeschäft zu Ihrem Umsatz bei? .
Rund die Hälfte, und dieser Anteil wird noch wachsen. Wir exportieren heute in rund 50 Länder und jedes Jahr kommen drei bis vier neue Länder hinzu.

Auch in diesem Jahr? .
Ja, wir wollen vor allem in Asien die Marke weiter aufbauen. Wir werden noch dieses Jahr in Thailand, Vietnam, Indonesien, Malaysia und auf den Philippinen Kambly-Guetzli verkaufen, als Super-Premium-Marke. In China sind wir seit längerer Zeit am stillen Aufbau, zwar sehr fokussiert auf die allerbesten Läden in den grössten Agglomerationen, aber allein Schanghai ist dreimal grösser als die Schweiz. Da bieten sich uns grosse Absatzchancen an.

Wie wichtig ist das Schweizer Kreuz auf der Verpackung? .
Wir tragen die Schweizer Fahne mit Achtung, Freude und Stolz in die Welt hinaus. Seit 100 Jahren produzieren wir alles in der Schweiz. Wir beziehen die Rohstoffe wenn immer nur möglich aus der Schweiz und vorzugsweise aus der Region. Das Kreuz ist auch ein Zeichen der Authentizität: Zwei Drittel unserer Mitarbeiter stammen aus einem Umkreis von 15 bis 20 Kilometern, alle Forschung und Entwicklung, alle Investitionen und die ganze Wertschöpfung erfolgen ausschliesslich in der Schweiz.

Spielt diese Authentizität wirklich eine so wichtige Rolle für Ihre Kunden in Schanghai oder in Sydney? .
Auf jeden Fall. Es gibt für jedes Produkt eine Ursprungskompetenz. Sie können sich ja auch keine Blutorange aus Norwegen vorstellen, einen Porsche aus dem Kosovo oder eine Uhr aus Uganda. Im Alpenraum gibt es die wunderbarsten Traditionen von Gebäck, Schokolade und Kuchen. Auch ein Australier sehnt sich nach diesen Traditionen, denn dort haben sie in dieser Hinsicht – sorry – nichts zu bieten.

Gut möglich, dass Kambly das Schweizer Kreuz bald nicht mehr tragen kann. Denn der Bundesrat will dies nur noch Lebensmitteln erlauben, die gewichtsmässig aus 80 Prozent Schweizer Rohstoffen bestehen. .
Die Swissness-Vorlage verfolgt zwei gute Ziele: Die Marke Schweiz soll gestärkt und der Missbrauch der Flagge unterbunden werden. Aber es kann doch nicht sein, dass jemand, der wie wir seit 100 Jahren in der Schweiz produziert und sich bemüht, alle Rohstoffe so weit wie möglich in der Schweiz zu beziehen, sich nicht als Schweizer Marke bezeichnen darf. Das ist ein absurder Bürokratenvorschlag!

Könnten Sie denn nicht noch mehr Rohstoffe aus der Schweiz beziehen? .
Die Haselnüsse für unsere Guetzli würden sicher auch im Emmental wachsen, aber doch nicht in dieser Qualität und Menge, wie wir sie brauchen! Das gäbe einfach nicht das gleich gute Guetzli.

Was würde es für Sie bedeuten, wenn die Swissness-Vorlage in der jetzigen Form durchkäme? .
Es gäbe ein riesiges Gewürge. Wir müssten weiterhin ausländische Haselnüsse beschaffen und könnten dann nicht mehr mit dem Schweizer Kreuz werben. Das ist doch alles unnötig. Wir alle wollen liberalisierte Märkte. Aber diese Vorlage ist purer Protektionismus.

Die Bauern sind aber für die Vorlage. .
Nicht alle! Doch viele Bauern haben noch nicht realisiert, welch verheerende Auswirkungen diese Vorlage für sie hätte. Wir möchten unseren Landwirten jeden Tag so sehr helfen wie nur möglich. Wenn die Vorlage unbesehen durchkäme und ein Hersteller auf das Schweizer Kreuz wegen ein paar notwendiger ausländischer Rohstoffe verzichten müsste, dann wäre die Versuchung doch gross, auch den Rest der Rohstoffe im Ausland zu beziehen.

Auch für Sie? .
Wir nicht. Aber weshalb sollte dann ein Grosskonzern weiterhin noch bei den Schweizer Bauern einkaufen? Jetzt geben sich die Konzerne noch Mühe. Aber wenn die Swissness-Vorlage durchkäme, dann wäre das für die Schweizer Landwirtschaft eine Riesenkatastrophe. Ich denke jedoch, dass vernünftige Menschen sie noch vernünftig umgestalten werden.

Wie hat sich eigentlich die Krise auf Ihr Geschäft ausgewirkt? .
Die meisten Kunden gönnen sich auch in der Krise ein feines Guetzli. Aber die Währungsschwankungen haben uns sehr geschmerzt, vor allem die Schwäche des Pfunds, des Dollars und der osteuropäischen Währungen. Aber als langfristig denkender Emmentaler lasse ich mich durch solche kurzfristigen Schwankungen nicht beirren.

In der Schweiz können Sie aber kaum mehr zulegen. .
Zwar ist der Markt gesättigt, doch wachsen wir seit Jahren stetig. Der Umsatz 2009 blieb stabil auf dem Vorjahresniveau, und weil der Gesamtmarkt leicht geschrumpft ist, konnten wir in der Schweiz weiter Marktanteile gewinnen.

Ihre Guetzli stehen bereits in den Denner-Regalen. Wird es Kambly-Produkte irgendwann bei Lidl und Aldi geben? .
Nein. Sie werden Kambly weltweit nie in einem Hard-Discounter finden.

Die Migros hat vor kurzem zusätzliche Markenartikel ins Sortiment aufgenommen. Bald auch Kambly? .
Nachdem die Migros seit 70 Jahren erfolgreiche Markenprodukte kopiert hat, folgt man jetzt offenbar dem Wunsch der Konsumenten, die das Original bevorzugen.

Wer macht denn die besten Kambly-Kopien? .
Wir haben mal aus Jux anonym die besten Confiseure der Schweiz beauftragt, unsere Guetzli zu kopieren.

Wie war das Resultat? .
Die Guetzli waren auch gut, aber keines so wie unsere.

Welche Guetzli-Überraschungen planen Sie für das 100-Jahr-Jubiläum? .
Wir haben drei Klassiker neu lanciert, aus drei Generationen, und die allererste Bretzeli-Dose meines Grossvaters «en miniature» exklusiv fürs Jubiläumsjahr neu aufgelegt.

Sie erfinden also nichts Neues? .
Doch, jedes Jahr gibts Innovationen. Wir haben drei Emmentaler Hausspezialitäten lanciert, drei Sablé-Guetzli – mit Butter, ganzen Haselnüssen und Doppelrahm-Niddletäfeli aus dem Emmental. Das kann keine Grossmutter besser machen.

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