Diese Woche markierte einen weiteren Tiefpunkt in der Geschichte von Charles Vögele. Der Modekonzern musste einen Verlust von 61,8 Millionen Franken bekannt geben – deutlich mehr, als von Analysten erwartet worden war. Immer weniger Branchenkenner glauben, dass das Unternehmen langfristig eine Überlebenschance im Alleingang hat. Betrug der Aktienkurs 2011 noch 70 Franken, so sind es heute ganze 6.15 Franken.

Umso brisanter ist deswegen die Erkenntnis, dass es vor einigen Monaten erfolglose Verhandlungen mit der deutschen Modekette Adler gab. Dies haben Recherchen ergeben. Unklar ist, wie weit fortgeschritten die Gespräche waren. Adler-Sprecherin Katrin Schreyer sagt, es habe keine «konkreten Verhandlungen» gegeben, und eine Übernahme von Vögele sei ««zum gegenwärtigen Zeitpunkt» nicht geplant. Doch die «Schweiz am Sonntag» weiss aus zwei unabhängigen Quellen: Ziel war ein Zusammenschluss mit dem Schweizer Kleiderkonzern. Bei Charles Vögele heisst es, man nehme grundsätzlich zum Thema Verkaufsgespräche keine Stellung.

Eine Fusion hätte von aussen betrachtet durchaus Sinn machen können. Adler hat eine etwas ältere, vor allem weibliche Kundschaft und bewegt sich im tiefen bis mittleren Preissegment. Damit ist die Ausrichtung quasi deckungsgleich mit jener von Charles Vögele. Adler, in Private-Equity-Besitz, beschäftigt 4200 Mitarbeitende und setzte im vergangenen Jahr 566 Millionen Euro um. Im Gegensatz zu Vögele konnten die Deutschen ihren Umsatz zuletzt steigern. Insgesamt zählt Adler 178 Filialen, davon 153 im Heimmarkt und den Rest in Österreich, Luxemburg – und in der Schweiz.

Expansionsgelüste von Adler
Adler sucht hierzulande seit längerem das Wachstum. 2011 eröffnete die erste Filiale in Wilen TG. Dabei blieb es lange Zeit. Erst vergangenen März folgte eine zweite Filiale in Chur GR. Mit Charles Vögele hätten es die Deutschen auf einen Schlag auf 165 Filialen gebracht. Hinzugekommen wären 600 Charles-Vögele-Shops in Deutschland, Zentral- und Osteuropa und in Benelux-Ländern.

Im Ausland erwirtschaftet Vögele zwei Drittel des Umsatzes von 803 Millionen Franken. Mehrheitsaktionär von Adler ist die Steilmann-Gruppe. Sie dürfte der Grund sein, weshalb der Deal platzte. Denn im März ging die Gruppe bankrott und war wohl fortan mit sich selbst beschäftigt. Man erwarte von der Steilmann-Insolvenz «keine nennenswerten Auswirkungen» auf das operative Geschäft oder die Finanzlage, sagt Adler-Sprecherin Schreyer. 42 Prozent der Aktien befinden sich im Streubesitz.

Jemand, der weiterhin an die Führungsmannschaft rund um CEO Markus Voegeli und Präsident Max E. Katz glaubt, ist der Investor Christophe Spadone, der mit seinem Elarof Trust rund 15 Prozent des Konzerns besitzt. Er hielt Charles Vögele nach dem Aussteigen der Aktionärsgruppe Teleios Anfang Jahr, die auch Spadone vertrat, die Stange. Der Walliser ist mit der Sandoz-Erbin Héloïse Spadone de Meuron verheiratet. Die «Bilanz» schätzt das Familienclan-Vermögen auf 8 bis 9 Milliarden Franken.

Teleios habe eine schwierige Beziehung zu dem Management und dem Verwaltungsrat gehabt, sagt Spadone auf Anfrage. Zuvor sei er ein passiver Investor gewesen, doch mit dem Abschied von Teleios habe sich die Bedeutung seines Investments dramatisch geändert und man sei in einen Dialog getreten. «Nichts, was wir bisher gefunden haben, war ein Dealbreaker», sagt Spadone. Die Zielstrebigkeit von Katz und Voegeli habe ihn positiv überrascht.

Obwohl Spadone kein Modemann ist, soll er am 18. Mai an der Generalversammlung in den VR gewählt werden, auf Vorschlag von Präsident Katz, wie dieser an der Bilanzmedienkonferenz betonte.

Ob die Zahlen im ersten Quartal viel besser ausgefallen sind, verrät Charles Vögele erst beim Halbjahresabschluss. Gesamtmarkt-Analysen der Credit Suisse lassen kein Glanzresultat vermuten. Von Dezember bis Februar nahmen die Umsätze im Modehandel gegenüber dem Vorjahr um 4,7 Prozent ab. «Der Bekleidungsdetailhandel steht noch immer unter Druck, und die Aussichten bleiben trüb», sagt CS-Ökonom Andreas Christen. Der nach wie vor starke Franken und der Einkaufstourismus belasteten die Branche ebenso wie die Online-Konkurrenz.

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