«DER EURO WIRD WIEDER STARK UND STABIL SEIN»

Die Nationalbank (SNB) sitzt auf einem Buchverlust von über 6 Milliarden Franken, weil sie die Frankenaufwertung zu bremsen versuchte. Niklaus Blattner* hält die Interventionen dennoch für richtig: Die Politik müsse sich womöglich daran gewöhnen, dass ihr die SNB keine Gewinne mehr ablieferte.

VON PATRIK MÜLLER

Herr Blattner, wie gefährlich ist die Aufwertung des Frankens zum Euro?
Zunächst ist zu sagen, dass eine dauernde, leichte Frankenaufwertung in der Geschichte nichts Besonderes ist. Als vor gut zehn Jahren der Euro eingeführt wurde, befürchtete man, dass wir relativ starke Aufwertungen werden verdauen müssen – was nicht eintraf. Aufwertungen an sich sind etwas Positives, denn die «Terms of Trade» verbessern sich: Für die Güter, die wir exportieren, bekommen wir mehr ausländische Güter.

Zurzeit spricht man aber nur über die Nachteile der Frankenstärke.
Das ist typisch, ja. Eigentlich ist es normal, dass sich der Franken stetig etwas aufwertet, weil unsere Wirtschaft produktiver und weil unsere Inflation tiefer ist. Problematisch sind sehr schnelle, krasse Aufwertungen, die auf einen Vertrauensverlust gegenüber einer anderen Währung zurückzuführen sind. Nicht die Aufwertung an sich, sondern das Tempo und die Begründung der Aufwertung bereiten also Sorgen. Die Frage ist: Haben wir es mit einer vorübergehenden Aufwertung zu tun? Oder bleibt der Franken dauerhaft so stark?

Wie lautet Ihre Antwort?
Ich gehe eher von vorübergehenden Kursbewegungen aus. Es ist kaum vorstellbar, dass die EU den Euro fallen lässt. Das hätte weltpolitisch gravierende Konsequenzen. Der Euro ist für die Europäische Union existenziell, sie unternimmt deshalb alles, dass die Mängel – insbesondere die Überschuldung der Staatshaushalte – korrigiert werden. Das heisst: Der Euro bleibt mit hoher Wahrscheinlichkeit, er wird nach einer gewissen Zeit wieder stark und stabil sein. Gestützt auf diese Annahme, macht es Sinn, dass die Nationalbank auf den Devisenmärkten interveniert, um die Kursbewegung in Grenzen zu halten.

Die Nationalbank hat aber seit Jahresanfang über 6 Milliarden Franken Buchverlust auf ihren gigantischen Devisenbeständen erlitten. Ihre Interventionen sind hochriskant!
Eine Nationalbank ist keine Geschäftsbank. Leider vergisst man allzu oft – auch in der Politik –, dass es der Auftrag der Nationalbank ist, die Preisstabilität sicherzustellen. Und nicht etwa Gewinne abzuliefern an Bund und Kantone. Man hat sich daran gewöhnt, aber vielleicht muss sich das für die Zukunft ändern. Ich gehe von folgendem Langfristszenario aus: Wir haben beim Franken eine Aufwertungstendenz als Trend – und in Krisensituationen wie jetzt Ausreisser nach oben. Diese Ausreisser kann die Nationalbank begrenzen, und das hat halt seinen Preis, doch der ist es wert für das volkswirtschaftliche Wohlergehen.

Devisenkäufe haben für die Nationalbank nicht nur ein Verlustrisiko, sondern könnten der Schweiz auch eine hohe Inflation bescheren.
Je mehr Franken man ins System pumpt, umso grösser werden die Schwierigkeiten nach Ende der Turbulenzen sein, das Geld wieder herauszunehmen. Misslingt dies, gibts Inflation. Diese Gefahr besteht weltweit, aber es ist das erklärte Ziel aller Institutionen, die Inflation nicht über die Ufer laufen zu lassen. Der Schock der grossen Inflation der Zwanzigerjahre in Deutschland wirkt bis heute nach. Er ist eine wichtige Motivation für die harte Haltung der Deutschen Bundesbank während Jahrzehnten und auch der aktuellen deutschen Politik.

Inflation kann ein Mittel sein, die Staatsschulden zu entwerten – und die sind in vielen Ländern rekordhoch.
Solche Versuche gab es historisch immer wieder, aber sie erwiesen sich überall als falsch. Inflation führt zu grossen Umverteilungen in einem Land. Für die Schweiz besteht ohnehin kein Grund, zu inflationieren – die Staatsschulden sind bescheiden. Unser Problem könnte jedoch sein, dass mit einer erhöhten Geldversorgung die Kreditnachfrage wieder explodiert – wenn der Aufschwung kommt. Man erinnert sich an die Immobilienblase der Neunzigerjahre.

Werden die Zinsen in der Schweiz noch eine Weile tief bleiben?
Ich gehe davon aus. Für weiterhin tiefe Zinsen spricht die Frankenaufwertung. Der Monetary Conditions Index zeigt, dass die aktuelle Aufwertung ähnlich wirkt wie eine Zinserhöhung – nämlich restriktiv. Wenn die Nationalbank Aufwertungen toleriert, ist anzunehmen, dass sie umso weniger bei den Zinsen ansetzt.

Zinserhöhungen würden den Franken noch stärker machen.
Richtig. Umgekehrt kann man sagen: Sollte die Aufwertung erfolgreich gebremst werden, dann ist eher mit Zinserhöhungen zu rechnen. Das ist ein Wechselspiel.

Steckte die Nationalbank je schon in einer so schwierigen Situation wie heute?
Ich kann mich an keine schwierigere Phase erinnern: erst die Finanzkrise mit ihren Folgen auch für den Kreditmarkt, jetzt die Schuldenkrise der Staaten mit ihren Folgen für die Währungen. Die Geldpolitik wird immer wichtiger, weil die Finanzpolitik der Regierungen aufgrund der hohen Schulden weniger handlungsfähig ist.

Kann die Schweiz langfristig eine eigene Währung behalten und muss sie irgendwann in den Euro-Raum?
Die Idee, dass man auf der ganzen Welt am Schluss nur noch zwei oder drei verschiedene Währungen hat, die wird jetzt extrem getestet, und es sieht sehr schlecht aus. Unterschiedliche Währungen sind für die Volkswirtschaft ein Vorteil. Sonst würden nicht viele Länder darüber nachdenken, aus dem Euro auszutreten. Der Franken hat Zukunft.

*Niklaus Blattner (66) war von 2003 bis 2007 Vizepräsident des Nationalbankdirektoriums. Zuvor war er Professor für Nationalökonomie an der Universität Basel und Chef der Schweizerischen Bankiervereinigung.

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