Andy Heiz steigt aus dem Helikopter. Soeben ist der Axpo-Manager nördlich von Borkum hundert Kilometer über die offene Nordsee geflogen. Wie alle musste er sich für den Flug in einen steifen Sicherheitsanzug zwängen. Nun zieht 40 Meter unter seinen Füssen das Meer zwischen den hohen Stelzen der Umspann-Plattform hindurch. Gespannt blickt er in die Weite. Rund um ihn ragen Windräder aus dem Meer. Sonst nichts.

Heiz ist verantwortlich für alle Kraftwerke und Netzanlagen, an denen der Staatskonzern beteiligt ist. Zum ersten Mal schaut er sich nun sein neustes Kind an. Es ist ein Stiefkind, Heiz selber ist erst vor einem Jahr von der ABB zur Axpo gestossen. Am kommenden Mittwoch wird das Offshore-Kraftwerk Global Tech 1 (GT1) mit seinen 80 Windrädern und einer maximalen Leistung von 400 Megawatt (MW) eingeweiht. Zuvor will sich Heiz selbst ein Bild von der Anlage machen. Und sie macht Eindruck.

35 Leute sind auf der Plattform stationiert, die sich inmitten der Windräder befindet und auf welcher der Strom gesammelt, transformiert und an den Netzbetreiber übergeben wird. Die Arbeiter sind für zwei Wochen im Dienst, dann dürfen sie für zwei Wochen auf Landurlaub. Die Plattform ist wie ein Schiff. Jeder hat seine Kabine, zum Essen trifft man sich in der Kantine. Das kleine Fitnessstudio werde trotz körperlicher Arbeit rege genutzt, sagt Leiter Thomas Kersting. Viel anderes gibt es nach Feierabend auch gar nicht zu tun.

Für Topmanager Heiz ist das Windkraftwerk eine grosse Sache. 1,8 Milliarden Euro hat das Vorhaben gekostet, an dem die Axpo mit 24,1 Prozent beteiligt ist. Gut eine Milliarde sei über Banken finanziert worden, sagt die Sprecherin der Betreibergesellschaft. Ein Grossteil stamme von staatlichen Instituten. Gemäss ihrem Aktienanteil hat die Axpo demnach 180 Millionen Euro über Eigenkapital in das Vorhaben investiert. Selbst gibt der Stromkonzern keine Auskunft zum eigenen Investitionsvolumen.

Das Projekt war von der deutschen Firma Windreich initiiert worden, die mittlerweile pleite ist. Anleger werfen Windreich vor, die eigene Finanzlage falsch dargestellt zu haben. Auch die Basler Bank Safra-Sarasin musste sich als Hausbank Klagen anhören.

Für die Axpo sei die Investition aufgrund nicht deklarierter Kosten zum Verlustgeschäft geworden, schrieb die «Handelszeitung» mit Verweis auf Gerichtsunterlagen. Mittlerweile habe man sich mit Windreich aussergerichtlich geeinigt, sagt Medien-Chefin Catherine Mettler, ohne Details zu nennen. «Wir haben nichts mehr offen.»

Auch der Bau verlief nicht reibungslos. Er verzögerte sich um ein Jahr, weil der Netzbetreiber Tennet nicht für den Anschluss bereit war. Und ein Kraftwerk ohne Steckdose macht wenig Sinn. Für die Zeit der Verspätung erhielten die Eigentümer Zahlungen vom Staat. «Das erste Geld nahmen wir schon ein, bevor das erste Windrad drehte», sagt Heiz.

Ohne staatliche Unterstützung läuft im Windstrom-Geschäft wenig. Das Abenteuer in der Nordsee lohnt sich für die Axpo nur, weil sie auf Subventionen zählen kann. Der Staat garantiert ihr während der ersten acht Jahre einen Preis von 19,4 Cent (21 Rappen) pro Kilowattstunde (kWh). Knapp fünf weitere Jahre lang liegt der Tarif bei 15,4 Cent. Bis dann muss die Investition amortisiert sein, denn danach gibts nur noch den Marktpreis. Und der liegt derzeit bei 3 bis 4 Rappen pro kWh.

An einem durchschnittlichen Tag produziere die Anlage 4,8 Millionen kWh, sagt Heiz. Das ist Strom für eine halbe Million Privathaushalte oder eine Million Euro Umsatz. Ein Viertel davon gehört der Axpo, sie vermarktet den Strom selbst. Erzielt sie am Markt einen guten Preis, erhält sie mehr als die 19,4 Cent. Ist der Marktpreis tief, verdient sie weniger – ein Fördermodell, das es so in der Schweiz nicht gibt. Dabei können die Aargauer trumpfen, denn der Handel ist ihre Spezialität.

Von all dem bekommen die muskelbepackten Männer, die in der Nordsee auf der Plattform arbeiten (es gibt kaum Frauen) wenig mit. Ihre Welt ist eine andere als die der Stromhändler in Dietikon ZH. In Überlebensanzüge gekleidet, fahren sie mit dem Schiff von Windrad zu Windrad, um dort selbst bei meterhohen Wellen in den Mast zu klettern, der sie zu den Turbinen hoch oben über dem Meer führt. Die Dimensionen sind immens: 40 Meter lang sind die drei Beine, die den Mast unter Wasser verankert halten, 900 Tonnen wiegt ein einzelnes Windrad-Fundament. Darüber sind in 92 Metern Höhe die Rotoren montiert. 116 Meter Durchmesser hat ihr Wirkungskreis. Das ist so lang wie ein grosses Fussballfeld. Mit eigens konstruierten Schiffen wurden diese Anlagen in den letzten Jahren ins Meer gepflanzt.

Warum aber investiert die Axpo hier, weit draussen im Meer, in Kraftwerke, deren Strom nie bei den Eigentümern in der Schweiz ankommen wird? Ganz einfach, findet Heiz. «Bei den heutigen Preisen lohnen sich Investitionen in Schweizer Projekte nicht.» Auch der Ausbau der Wasserkraft, lange die gute und günstige Energie, sei mittlerweile auf Unterstützung angewiesen. «In der Schweiz setzen wir primär auf die Optimierung der bestehenden Anlagen und den Ausbau der Kleinwasserkraft.»

Investiert wird im Ausland, und dort vor allem in Wind. Kapazitäten von über 170 MW besitzt die Axpo bereits in Deutschland, Frankreich und Italien, 160 Megawatt hat sie vor kurzem über die deutsche Firma Volkswind dazugekauft. Und 100 Megawatt kommen nun von GT1. Bei voller Auslastung produzieren diese Windräder gemeinsam mehr Strom als ein Atomreaktor vom Typ Beznau oder Mühleberg.

In der Regel investiert die Axpo an Land. «GT1 ist unsere einzige Offshore-Investition, und das soll auch so bleiben», sagt Heiz. «Wir wollen erst mal Erfahrungen sammeln.» Künftige Investitionen würden über die Volkswind abgewickelt. Diese besitzt bewilligte Projekte für 460 MW und hat Pläne für zusätzliche 2500 MW in der Schublade. Bei Vollauslastung – was allerdings selten vorkommt – produzieren diese Kraftwerke mehr Strom als alle Schweizer AKW.

Anders als in der Schweiz, wo es kaum Windkraftwerke gibt, ist im nördlichen Europa Goldgräberstimmung aufgekommen. Die Küstengebiete sind aufgeteilt, auch an Land sind die besten Parzellen vergeben. Und verbaut. Vergangenes Jahr produzierten die Windräder in Deutschland halb so viel Strom wie die dortigen AKW. In der Schweiz werden sie nicht einmal separat ausgewiesen. «Aufgrund der Regulierung und der Geografie lohnt sich Windstrom in der Schweiz nicht im grösseren Rahmen», sagt Heiz. Potenzial sieht er im Ausbau mit Fotovoltaik.

Wie viele der Windstrom-Vorhaben in den kommenden Jahren umgesetzt werden, hänge davon ab, wie sich die Förderung entwickle, sagt Heiz. Selber wolle die Axpo weniger in den Betrieb von Kraftwerken als in deren Bau investieren. «Das Entwickeln und Bauen solcher Geschäfte ist deutlich lukrativer als die Investition in bereits existierende Kraftwerke. Darauf setzen wir.»

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