Es braucht etwas, bis ein Finanzchef den Bettel hinschmeisst. Vor allem für einen wie Urs Habermacher, lange Jahre bei der Langenthaler Ammann-Gruppe für die Finanzen zuständig. Doch im Januar 2010 kommt es zum Bruch, der Finanzspezialist reicht die Kündigung ein. Das Handelsregister dokumentiert sein Ausscheiden per 21. Januar.

Was war vorgefallen?

Die Firmenleitung unter Johannes Schneider-Ammann arbeitete 2009 daran, die Offshorestruktur auf Jersey aufzulösen und die Gelder in die Schweiz zurückzuholen. Die Situation war angespannt: Die Finanzkrise tobte, der Maschinenindustrie brachen Aufträge weg. Die UBS geriet in den Strudel um unversteuerte US-Gelder. Das Ausland erhöhte den Druck auf die Steueroase Schweiz.

Schneider-Amman kritisierte scharf die bigotte Haltung des Auslandes. In einem Artikel in der «Volkswirtschaft» machte er seinem Ärger Luft: «Europäische Staaten greifen unsere Souveränität an, statt konsequent ihre eigenen Finanzplätze in die Verantwortung zu nehmen», polterte er. «Unlauter ist, dass bei ihnen steuerfrei desertierte Billionen bunkern.» Schneider-Ammann selbst bunkerte eine Viertelmilliarde in einer solchen Steueroase.

Schneider-Ammann war damals Präsident des mächtigen Industrieverbands Swissmem und sass seit 1999 für die FDP im Nationalrat. Swatch-Gründer Nicolas Hayek – Schneider-Ammann war Mitglied des Verwaltungsrats – brachte den Emmentaler als Bundesratskandidaten ins Spiel. Für den Industriellen war klar: Falls er je in den Bundesrat gewählt würde, könnte die Offshore-Struktur auf Jersey zum Reputationsproblem für ihn werden.

Zwei Vertraute berichten gegenüber der «Schweiz am Sonntag» detailliert über die Vorkommnisse zu jener Zeit. Der Unternehmer setzte sich mit Beratern zusammen, die ihm einen Rückzug von Jersey empfahlen. Zu dem Kreis gehörte Anton Affentranger, Chef des Baukonzerns Implenia. Doch einer scherte aus: Finanzchef Habermacher. Er plädierte für die Steuersparstruktur, weil alles legal war. Die Gruppe beschäftigte auf der britischen Kanalinsel Angestellte, die er bei einem Rückzug entlassen musste. Darauf hatte Habermacher keine Lust.

Doch Schneider-Ammann ordnete den Abbruch an. Die Gelder flossen zurück. Wohin? Nahe wäre die Ammann Group Holding gelegen. Doch er entschied sich anders, auch aus steuerlichen Gründen. Er drängte auf eine Domizilgesellschaft, mit der etwa gleich viel Steuern gespart werden könne wie mit einer Offshorestruktur auf Jersey.

Nach langwierigen, aber offenbar korrekten Verhandlungen gaben die Berner Steuerbehörden schliesslich grünes Licht, und Schneider-Ammann gründete im Mai 2009 die Domizilgesellschaft Afinsa AG in Bern, wohin die Jersey-Millionen flossen. «Konsequent wäre gewesen, die Gelder in der Holding zu parkieren», sagen Vertraute. Doch Schneider-Amman wollte die höhere Steuerlast nicht tragen. Dies habe den Finanzchef veranlasst, den Dienst zu quittieren. Es könne nicht sein, dass man sich aus Reputationsgründen von Jersey verabschiedete, sich aber in der Schweiz mit der Gründung einer Domizilgesellschaft ein ähnliches Konstrukt schaffte, sagen Vertraute. Habermann wollte sich auf Anfrage nicht äussern.

Den Finanzchef störte zudem, dass Schneider-Ammann während Jahren das industrielle Kerngeschäft der Gruppe vernachlässigte. Die Ammann-Fabriken in Langenthal schrieben unter seiner Ägide während Jahren Verluste. Das geht aus den Steuerunterlagen hervor. Zwischen 2008 und 2010 generierte die Produktionsgesellschaft keinen Franken Gewinn. Das Kapital der Gruppe schmolz Jahr für Jahr um mehrere Millionen.

Insider sagen, dass der Patron längst fällige Restrukturierungen nicht anpacken wollte. Egal, wie schlecht es lief, Schneider-Ammann hielt zur Belegschaft. Die Ammann-Insider gehen davon aus, dass unter dem eingeheirateten Firmenlenker insgesamt ein dreistelliger Millionenbetrag des Familienvermögens vernichtet wurde. Die Verluste wurden durch Steuerkonstrukte und Finanzgeschäfte teilweise kompensiert. Kritiker sagen, dass die Ammann-Gruppe im Kern eine Finanzgesellschaft mit angegliederter Werkstatt sei.

Besonders erfolgreich war Schneider-Ammann mit einem Investment bei der Implenia seines Freundes Affentranger. Ammann stieg 2008 mit zunächst 3,28, später mit 6,26 Prozent ein, um den Baukonzern gegen einen feindlichen Hedge-Fonds zu verteidigen. Das Family Office, das die Beteiligung verwaltet, stockte auf 16,28 Prozent auf. Letztes Jahr ging die Aktie durch die Decke. Die Ammanns verkauften im Dezember 2013 und strichen einen Gewinn von 30 bis 50 Millionen Franken ein. Als Privatmann versteuerten Johann Schneider-Ammann und seine Frau 2010 ein Einkommen von 1,6 Millionen Franken und ein Vermögen von 76 Millionen Franken.

Nach der Wahl in den Bundesrat übernahm Sohn Hans-Christian die operative Leitung der Ammann-Gruppe. Seither weht ein anderer Wind am Hauptsitz. Der 33-jährige Jungmanager schloss die Sparte Beton und entliess neun Mitarbeiter. Es waren wohl die ersten Entlassungen seit Jahrzehnten in Langenthal.

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