Frau Bundesrätin, Sie wollen den Schweizer Luftraum von Grund auf neu gestalten. Weshalb?
Doris Leuthard: In den letzten Jahren sind im bereits dichten Luftraum neue Luftfahrt-Geräte wie Drohnen dazugekommen. Damit sind auch neue Fragen aufgetaucht. Hat es für diese Maschinen Platz im Luftraum? Müssen wir sie regulieren, oder dürfen sie völlig frei umherfliegen? Zudem ist die Zahl der Luftraumverletzungen zuletzt stark gestiegen.

Nämlich?
Im vergangenen Jahr gab es beim Bundesamt für Zivilluftfahrt rund 350 Meldungen, das sind 50 Prozent mehr gegenüber dem Vorjahr. 117 davon wurden allein am Flughafen Zürich verzeichnet. Wir haben gesehen, dass sich Sicherheitsfragen stellen, wenn die Komplexität und die Engpässe zunehmen. Deshalb möchten wir das Ganze grundsätzlich angehen, anstatt nur Pflästerlipolitik zu betreiben. Das wäre der falsche Ansatz.

Sie sprechen von einem Jahrhundertprojekt. Was sind die nächsten Schritte?
Es ist in der Tat ein Jahrhundertprojekt, ein sehr ambitiöses Projekt, da alle Akteure ihren Anspruch geltend machen werden. Das ist nachvollziehbar. Jeder hat seine Berechtigung, von der Hobbyfliegerei bis hin zur Geschäftsfliegerei und den Linienflügen. Auch das Militär spielt eine wichtige Rolle. All diesen Vertretern müssen wir gerecht werden. An oberster Stelle steht aber die Sicherheit. Wir müssen das Ganze im Auge behalten.

In Sachen Luftraumsicherung gibt es auch auf EU-Ebene seit Jahren Projekte, wie Fabec und den Single European Sky. Warum wagen Sie nun den Alleingang?
Fabec ist praktisch im Koma, da passiert nicht mehr viel. Trotzdem hoffen wir natürlich nach wie vor auf eine europäische Lösung, zumal auch andere Staaten die Dringlichkeit dieser Diskussion anerkennen.

Sie haben am Luftfahrtkongress in Zürich die Unpünktlichkeit der Flüge am Flughafen Zürich angeprangert. Wie gross ist dieses Problem?
Das hat in den letzten Jahren zugenommen. Das schadet der Reputation des Flughafens Zürich und hat auch Konsequenzen für die Bevölkerung, weil sich die Verspätungen bis in den späten Abend hineinziehen. Ich verstehe den Ärger der Anwohner, wenn die Nachtruhe nicht eingehalten wird, da Flüge zu spät starten und landen. Eine Ausnahme darf nicht zur Regel werden. Wer von den Bürgerinnen und Bürgern Verständnis für die Luftfahrt erwartet, muss die Gewissheit geben, dass sich die Branche an die Regeln hält. Es ist wichtig, Vertrauen zu schaffen.

Der Flughafen Zürich klagt über Engpässe in Spitzenzeiten. Man könnte aber auch sagen: Der Flughafen vergibt zu viele Slots.
Aus seiner Sicht können es wahrscheinlich nie zu viele sein (lacht). Die Wirtschaft wünscht sich eine möglichst gute Anbindung ans Ausland mit vielen Direktverbindungen. Die Slot-Vergabe ist von den verfügbaren Kapazitäten abhängig. Aufgrund höherer Sicherheitsanforderungen gingen diese zurück. Der SIL 2 schafft mit dem Bise- und Nebelkonzept die Grundlage, die Situation zu verbessern. Wir haben die klare Erwartung, dass damit die Pünktlichkeit verbessert wird und sich die Situation mit den Verspätungen verbessert. Das schuldet man der Bevölkerung.

Müsste der Flughafen mehr Marge einbauen und auf Wachstum verzichten?
Es ist ja vor allem die Passagierzahl, die zunimmt, nicht unbedingt die Anzahl Flugbewegungen. Wichtig ist nun, vorwärts zu machen mit dem SIL2 und so die Grundlage zu schaffen für Infrastruktur und Betrieb. Ich hoffe, dass der Bundesrat in einem Jahr darüber entscheiden kann.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper.