Peter Voser gelang diesen Donnerstag eine beeindruckende Bühnenperformance. An seiner ersten Generalversammlung als Präsident des Industriekonzerns ABB vermittelte er den Eindruck, dass da einer wahrhaft stolz auf sein Unternehmen ist. Voser hatte das Publikum im Griff. Gleichzeitig liess er keinen Zweifel daran aufkommen, dass er ABB die Strategie vorgibt, nicht ein aktivistischer Investor.

«Wir schaffen langfristig Werte und stehen nicht für kurzfristige Gewinnmaximierung. Hinter dieser Maxime stehen der Verwaltungsrat und das Management geschlossen», sagte Voser gegen Ende seiner Rede. Es war eine klare Ansage an die Adresse des Finanzinvestors Cevian, der ABB zuletzt mit einer Beraterstudie zu Verkäufen hatte drängen wollen.

«ABB arbeitet mit Innovationen und Technologien, deren Ausreifung und Markteinführung viele Jahre benötigt», sagte Voser zur «Schweiz am Sonntag». «Daher werden wir uns nicht einfach nur auf das nächste Quartal konzentrieren.» Von Cevian sprach Voser nicht. Die Botschaft war dennoch klar. Hier die ABB, die für «Pionier- und Unternehmergeist» steht; dort der Finanzinvestor, der das schnelle Geld will.

Der schwedisch-schweizerische Cevian hält mittlerweile 6 Prozent an ABB. Kürzlich gab der Investor mit Sitz in Pfäffikon SZ den renommierten Beratern von Boston Consulting einen brisanten Auftrag, sie sollten allfàllige Käufer für sämtliche ABB-Divisionen in einer Studie auflisten. Damit sollte ABB-CEO Ulrich Spiesshofer unter Druck gesetzt werden, der nur für die Division Stromnetze eine Überprüfung angeordnet hatte.

Spiesshofer soll persönlich gekontert haben, indem er Bostons Arbeit für einen aggressiven Investor in Gesprächen mit befreundeten CEOs kritisierte. Boston zog sich darauf vom Projekt zurück.

An der GV gab Voser klar zu verstehen, sich die strategische Agenda nicht diktieren zu lassen. «Wir fokussieren auf die Implementierung der Strategie und auf eine Verschlankung des Unternehmens, was gerade in turbulenten Zeiten wichtig ist.» Das sei keine kurzfristige Ausrichtung, sondern eine langfristige. «Darin war die ABB schon immer stark, und das wird auch so bleiben.»

Da war der Präsident den Job los
ABB sei zu gross, zu unübersichtlich geworden, bekam der Konzern von Cevian zu hören. Voser hatte auch auf diese Kritik eine Antwort. «Grösse an sich ist für mich keine Bewertungsgrundlage. Weil sie eigentlich gar nichts aussagt, ob das nun die Zahl der Mitarbeiter, die Zahl der Geschäftsteile oder was auch immer ist.» Entscheidend sei, wie die Mitarbeiter in den einzelnen Einheiten auf die Kunden zugingen und wie sie ABBs Innovationsstärke zum Tragen brächten.

Cevian trat in der Schweiz bislang höflich, aber bestimmt auf. Der Blick nach Deutschland verrät jedoch die ruppigen Seiten. Als das Investment in den Baukonzern Bilfinger nicht nach Wunsch lief, waren Konzernchef, Finanzchef und Präsident ihre gut bezahlten Jobs los. Der neue CEO hielt kein Jahr durch.

Unter Zeitdruck setzen lässt sich Voser dennoch nicht. «Ich möchte das nochmals ganz klar sagen und damit auch unserem CEO den Rücken stärken: Wir haben uns bei der Überprüfung keinen Zeitplan auferlegt. Wir machen das so, wie wir es für richtig halten», sagte Voser über die Division Stromnetze. Wenn die Zeit reif sei, werde man mit den Investoren über die Strategie sprechen. «In den letzten zwei Jahren hat die Strategieeinführung gute Resultate ergeben. Auf dieser Schiene machen wir weiter.»

Vosers Rückendeckung für Spiesshofer kommt nicht von ungefähr. Cevian-Vertreter hatten wiederholt versucht, einen Keil zwischen die beiden ABB-Aushängeschilder zu treiben. Voser sei der Gewährsmann für eine bessere Zukunft; Spiesshofer habe in seinen zweieinhalb Jahren an der Spitze zu wenig geliefert.

Spiesshofer wirkte an der Generalversammlung gelöster als auch schon. Es schien ihm eine Genugtuung zu sein, dass die Kosten deutlich gesenkt wurden. Auf die Frage, ob dafür Druck durch Cevian nötig gewesen sei, antwortete er: «Das Wichtigste ist, dass man sich als Management ständig selbst Druck macht.» Man gebe selber Gas. «Da brauchen wir keinen Druck von aussen.»

Der CEO hält den Konzern keineswegs für überdimensioniert. «Wir sind bereit für neue Übernahmen.» 2015 habe man einen Stopp eingelegt, weil man viele interne Hausaufgaben zu erledigen hatte. «Das haben wir erfolgreich hinter uns gebracht.» Im Herbst werde über die Umsetzung der Strategie informiert. Zur Überprüfung der Netzsparte gebe es ein Update. Schon heute zeichne sich indessen ab: «Die Verknüpfung unserer verschiedenen Bereiche wird durch die digitalisierte Industrie einen Schub bekommen.»

Cevians Reputation hat gelitten
Derweil steht Cevians eigene Reputation auf der Kippe. Mit den prominentesten Investitionen verdient er zwar Geld. Cevian hat jedoch den Anspruch, ein Unternehmen operativ auf ein Toplevel hieven zu können und nicht bloss mit dem Verkauf von Unternehmensteilen schnelle Kasse zu machen. Beim wichtigsten Investment in der Schweiz in den Logistikkonzern Panalpina hinkt man dem Vorbild Kühne + Nagel weit hinterher.

«Geduld» erfordere Panalpina, hiess es nach der Veröffentlichung der Quartalszahlen diese Woche in der Finanzpresse. Ein desillusionierter Analyst schrieb: Panalpina bleibe ein mehrjähriger Restrukturierungsfall. Bereits seit 2013 habe der Markt die ursprünglich hohen Erwartungen mehrfach heruntergeschraubt. In Deutschland gelingt beim Baukonzern Bilfinger der Turnaround nicht. Die Aktie des Stahlkonzerns Thyssenkrupp ist vor allem dank Gerüchten im Hoch, die Stahlsparte werde bald mit jener eines Konkurrenten zusammengeschlossen. Ob es dazu kommt, ist alles andere als klar.

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