In den Augen der Nationalbank gehört die Raiffeisen-Gruppe mit 305 genossenschaftlich organisierten Banken zum Klub der systemrelevanten Banken. Raiffeisen wird nun ähnlich hart angefasst wie UBS, CS und die ZKB. Raiffeisen rechnete mit diesem Entscheid.

Wie Recherchen zeigen, tauschte sie sich mit der ZKB aus und kramte alte Überlegungen hervor, die sie einst verworfen hatte. Sie hat eine Task-Force gegründet, die Konzepte erarbeiten muss, wie die Bank im Krisenfall Eigenkapital beschaffen kann und wie sie organisatorisch abgewickelt wird, ohne dass die Schweizer Wirtschaft deshalb Schaden nimmt. Der Bank stehen vier Möglichkeiten offen:

> Aktiengesellschaft. Analog zum Modell der Rentenanstalt, die sich in eine börsenkotierte Aktiengesellschaft (heute Swiss Life) wandelte, könnte auch Raiffeisen die Rechtsform ändern. Damit könnte sie im Krisenfall in nahezu unbegrenztem Umfang neues Eigenkapital aufnehmen. Die Umwandlung wäre jedoch ein harter Bruch mit der Vergangenheit. Es ist kaum denkbar, dass die 1,8 Millionen Genossenschafter einem solchen Schritt zustimmen würden. Deshalb wird diese Idee in der Zentrale in St Gallen auch nicht verfolgt.

> Holding-Struktur. Pläne für eine Bildung einer Holding wurden bereits vor über 10 Jahren verfolgt, später jedoch wieder verworfen. Nun liegen sie wieder auf dem Tisch der Task-Force. In einer neu zu gründenden «Raiffeisen Holding AG» könnten Gruppengesellschaften eingebracht werden. Dazu könnte die Raiffeisen-Zentrale gehören (die jetzt eine Genossenschaft ist und in eine AG gewandelt würde), das neu gegründete IT-Joint-Venture mit Avaloq (eine AG) sowie Gruppenbeteiligungen wie Notenstein (100 Prozent) oder Minderheitsbeteiligungen wie Helvetia oder der Karten- und Kreditabwickler Aduno. Die Holding wäre eine Aktengesellschaft, die von den 305 Genossenschaften gehalten wird, die ihren Status als Genossenschaften behalten würden. Damit könnte Raiffeisen ihre DNA als Genossenschaft einigermassen retten. Die Holding wäre kapitalmarktfähig und könnte in der Krise neues Eigenkapital auftreiben. Das klingt einfach, doch bei genauerer Betrachtung ergeben sich erhebliche Probleme: Was geschieht mit der Beistandspflicht unter den Genossenschaftsbanken? Wenn eine Genossenschaftsbank und damit Aktionärin der Holding in Schwierigkeiten gerät und von der Holding mit Kapital versorgt werden müsste? Was sagen dann Aktionäre der Holding, die keine Bank sind und nur an Dividenden interessiert sind?

> Modell WIR Bank. Wie Raiffeisen ist auch die WIR Bank eine Genossenschaft, mit dem kleinen Unterschied jedoch, dass sie die Mitgliedschaft vom Kapital getrennt hat. Zwar kann nur Genossenschafter werden, wer mindestens zehn Anteilscheine besitzt. Umgekehrt können diese aber frei gehandelt werden, ohne dass der Käufer automatisch Genossenschafter wird. So sind sie etwa auf der Handelsplattform OTC-X der Berner Kantonalbank gelistet. Mit einer Dividende wie bei Unternehmensanleihen sorgt die Bank dafür, dass ihre Anteilscheine für zinsgetriebene Investoren interessant sind. Immer wieder hat sich die WIR Bank auf diesem Weg Kapital besorgt. So stieg das Genossenschaftskapital auch 2013 um fünf Prozent auf zuletzt 18,6 Millionen Franken an. Laut Recherchen wäre dies das präferierte Modell der Raiffeisen-Spitze. Doch ob sie damit bei der Finma durchkommt, steht auf einem anderen Blatt.

> Zurück auf Feld eins. Viele Bankleiter von kleineren Genossenschaften fragen sich schon lange: Was bringt eigentlich der Wachstumskurs unter Obergenossenschafter Pierin Vincenz? Ein Wachstum, das ihnen jetzt die Systemrelevanz eingebrockt hat? Nichts. Würde die Leitung in St. Gallen die kleinen Genossenschaften ernst nehmen, müsste sie einfach das Wachstum zurückfahren. Sie könnte sich auch aufteilen in eine Nord-, Süd-, Ost- und Westraiffeisen. Damit wäre wohl auch die Systemrelevanz vom Tisch.

Der Kern des Problems ist: Raiffeisen ist schwach kapitalisiert, um es freundlich auszudrücken. Derzeit übertrifft sie die Mindestvorgabe von 14,8 Prozent Gesamtkapitalquote mit einem Wert von 15 Prozent nur noch haarscharf. Diese Anforderungen steigen mit der Systemrelevanz. Interne Berechnungen zeigen, dass sie den Kapitalaufbau nicht aus eigener Kraft erreichen kann, indem sie in den nächsten Jahren sämtliche Gewinne von jährlich 600 bis 700 Millionen Franken einbehält. Raiffeisen geht davon aus, dass sie zusätzlich 200 Millionen Franken auf dem Kapitalmarkt beschaffen muss. Es ist ungewiss, ob das reicht. Für Akquisitionen bliebe dann kein Geld mehr übrig.

Raiffeisen versucht seit längerem, zusätzliches Kapital aufzunehmen. Diesen Frühling scheiterte die Gruppe damit, sich über Partizipationsscheine Kapital zu beschaffen. Mit seinem Urteil von Ende April beendete das Bundesgericht den Versuch aus dem Jahr 2012, für 300 Millionen Franken Partizipationsscheine auszugeben.

Letztes Jahr beschritt sie einen radikalen Weg: Sie schuf eine bisher in der Schweiz nicht bekannte Form von Hochrisiko-Obligationen, die sich im Krisenfall (aus Anlegersicht) in Nichts auflösen, und daher quasi als Eigenkapital angerechnet werden können. Die nachrangige Tier-1-Anleihe, die man auch als Killerbond bezeichnen könnte, verliert ihren Wert, sobald die Kapitalquote unter 5,125 Prozent fällt. Vom Wesen nach handelt es sich dabei um einen Coco- oder Bail-In-Bond, wie ihn Grossbanken herausgeben. Nur dass der Gläubiger im Krisenfall keine Aktien, sondern rein gar nichts bekommt. Die Raiffeisen-Anleihe zahlt einen Coupon von 3 Prozent. Laut Bankenkennern wird damit das hohe Ausfallrisiko in keinster Weise entschädigt. Der Titel müsste mit 12 bis 15 Prozent rentieren, sagt ein Banker. Zum Vergleich: Grossbanken-Cocos zahlen 6 bis 8 Prozent.

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