Die SBB leiden an ihrer Infrastruktur. Der Nachholbedarf ist riesig. Bund und Kantone zahlten 2014 1,7 Milliarden Franken für Infrastruktur-Leistungen. Nichtsdestotrotz mussten die SBB neben den 150 Millionen Franken, welche die Immobilien-Sparte jährlich für die Infrastruktur abdrücken muss, weitere knapp 100 Millionen Franken einschiessen.

Die Infrastruktur-Sparte schloss mit einem Minus ab. Das trug den SBB einen Rüffel vom Eigentümer, dem Bund, ein. Der hatte schon vor der SBB-Bilanzmedienkonferenz am Donnerstag mitgeteilt, dass die SBB die Jahresziele nur teilweise erreicht hätten. Das tun die Bundesbahnen bewusst. Auch in Zukunft seien die SBB bereit, die finanziellen Ziele im Bereich Infrastruktur zu verfehlen, sagte Verwaltungsratspräsident Ulrich Gygi.

Infrastruktur-Mängel sind spürbar, das Verständnis der Kunden ist gering, wenn Züge wegen «Beschädigungen am Gleis» oder «Stellwerkstörungen» ausfallen. Die Investitionen in die Infrastruktur trugen dazu bei, dass die Nettoverschuldung auf 7,7 Milliarden Franken stieg. Wie schwierig die Situation der Infrastruktur ist, zeigt sich auch daran, dass die Zahl der Betriebsstörungen gegenüber dem Pannenjahr 2013 nicht reduziert werden konnte. Dabei verlangt der Bund bis 2016 eine jährliche Reduktion der durch die Infrastruktur verursachten Störungen.

Die roten Zahlen des Infrastruktur-Bereichs sind auch strategisches Kalkül: Die SBB wollen mehr Geld von der öffentlichen Hand. Vor zwei Jahren gleisten die SBB ein Programm mit zusätzlichen Unterhaltsmassnahmen auf, die im Jahr bis 150 Millionen Franken zusätzlich kosten. Dieses Jahr tragen die SBB diese Mehrkosten selbst – durch Kosteneinsparungen und Gewinnreduktion. Im Jahr 2016 soll der Bund in die Tasche greifen. Die Subventionen für Erhalt und Entwicklung der Infrastruktur, die der Bund im Rahmen der sogenannten Leistungsvereinbarung spricht, sollen für das Jahr 2016 erhöht werden.

Diese Forderung wollen die SBB dem Bundesrat und Parlament unterbreiten. Für die vier Jahre ab 2017 zeichnet sich ein neuer Konflikt ab, wollen die SBB doch nochmals deutlich mehr Geld, als der Bund zu zahlen bereit ist. Die Infrastruktur-Abteilung habe den Bedarf für die Leistungsvereinbarung 2017–2020 «fein säuberlich» ausgerechnet, schrieb Gygi in der Personalzeitung, aus der die «Schweizer Eisenbahn-Revue» zitierte. «Der Betrag passt nicht in den vorgegebenen Rahmen, die Abweichung ist beträchtlich», liess er das Personal wissen. Die Differenzen betragen im Moment «einige hundert Millionen Franken», sagt Gygi.

Bis Oktober müssen sich die SBB und der Bund einigen. Zwar hätten sich die beiden bereits angenähert, sagt SBB-Medienchef Stephan Wehrle. Trotzdem werde der Rückstand bei der Erneuerung bis 2016 noch anwachsen. «Wenn alles ideal läuft, erreichen wir bis 2020 eine Stabilisierung.» Momentan beläuft sich der Nachholbedarf auf 2,5 Milliarden Franken; noch einmal 200 Millionen Franken mehr als 2013.

Die Infrastruktur ist nicht das einzige Sorgenkind der SBB. Im Fernverkehr sanken 2014 sowohl die Betriebsleistung als auch die Erträge – was SBB-CEO Andreas Meyer damit erklärt, dass sich der Mix zwischen Fern- und Regionalverkehr im letzten Jahr verschoben habe. Der internationale Fernverkehr wiederum kriselt seit Jahren. 2004 transportierten die SBB 9,2 Millionen internationale Passagiere, 2013 noch 7,5 Millionen. Die Zahlen für 2014 will der Bundesbetrieb nicht mehr offenlegen. Das Jahr sei «herausfordernd» gewesen, sagt Meyer, man könne von einer «stabilen Entwicklung» sprechen. «Wir müssen internationale Angebote künftig noch besser vermarkten», sagt er.

Die Infrastruktur-Versäumnisse der Vergangenheit werden die SBB noch lange begleiten. Das «Unterwegs Zuhause»-Unternehmen muss sich zunehmend über Immobilien, Wohnüberbauungen und Kommerz in den Bahnhöfen finanzieren, Effizienz wird oberstes Gebot. Darüber täuscht der Konzerngewinn von 373 Millionen Franken ebenso wenig hinweg wie die Tatsache, dass für «Feelgood»-Experimente wie den «Kuschelwagen», der seit Freitag verkehrt, noch immer Geld gefunden wird.

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