Zöliake ist nicht lustig. Chronische Müdigkeit, Zahnschäden oder Blutarmut sind nur einige der Symptome, die Menschen erleiden, die Gluten nicht ertragen. Die Proteine sind in verschiedenen Getreidesorten enthalten. Wer auf sie verzichten muss, kann kein normales Brot essen, auch keine Pizza oder Nudeln.

Die Zahl der Betroffenen ist seit Jahren stabil. Doch die Verkäufe von glutenfreien Produkten haben in den letzten Jahren rasant zugenommen. Und nicht nur das: Auch den Milchzucker Lactose scheinen immer weniger Schweizer zu vertragen.

Über 6 Prozent der neu in der Schweiz eingeführten Lebensmittel waren im vergangenen Jahr als glutenfrei gekennzeichnet. Noch vor fünf Jahren lag dieser Anteil bei knapp 2,5 Prozent, wie Zahlen des Marktforschers Mintel zeigen. Im gesamten Markt mit allergenfreien Produkten wurden in den letzten Jahren Traum-Umsätze erreicht: Die Migros verzeichnete bei ihrer Allergie-Linie «aha!» in den letzten drei Jahren Wachstumsraten von jeweils 20 Prozent. Bei Coop wuchs der Markt mit allergenfreien Lebensmitteln seit 2006 um nie weniger als 15 Prozent. Zusammen setzten die beiden Grossverteiler im letzten Jahr bereits allergenfreie Produkte im Wert von über 200 Millionen Franken ab.

Das hat auch mit falschen Vorbildern zu tun. Promis wie Gwyneth Paltrow oder Miley Cyrus propagieren den Ernährungsstil, der gesunden Menschen nichts bringt, aber immerhin zum Zeitgeist passt. Wer bei Ex Libris online nach einem simplen Kochbuch sucht, dem wird schon lange nicht mehr der «Tiptopf» empfohlen, sondern «Flexi-Carb» oder «BodyReset». In Deutschland, so berichtete die ARD vor kurzem, kaufen bereits 7 Prozent der Konsumenten glutenfrei ein – obwohl, wie hierzulande, nur etwa 1,7 Prozent der Bevölkerung an Zöliakie oder Glutensensitivität leiden.

Lactose-intolerant wiederum ist etwa jeder sechste Schweizer – was allerdings nicht heisst, dass die Betroffenen auf sämtliche Milchprodukte verzichten müssen. Im Vergleich dazu: Bei der Migros kauft fast die Hälfte der Konsumenten zumindest gelegentlich allergenfrei ein. Gewisse glutenfreie Produkte wie Müesli, Riegel oder Reiswaffeln würden von einem breiten Publikum gekauft und nicht nur von Betroffenen, sagt Sprecherin Martina Bosshard. Der eigene Industriebetrieb Jowa hat in Huttwil BE eine Produktionsstätte aufgebaut, die ausschliesslich glutenfreie Produkte herstellt. Ein Geschäft mit dem Lifestyle? Nein, sagt Bosshard. «In unserer Kommunikation richten wir uns klar an Personen mit einer Allergie oder Intoleranz.»

Der Markt mit glutenfreien Produkten sei einer der wenigen, die noch wachsen, sagt Sebastian Fischer, Inhaber des unabhängigen Ladens «Mr. & Mrs. Glutenfree» am Zürcher Kreuzplatz. Dass die Grossverteiler ihr Sortiment an glutenfreien Produkten stark ausgebaut haben, helfe auch ihm. Fischer denkt nun über eine Expansion nach. «Wir werden immer wieder angefragt, ob wir offen für Franchise-Nehmer wären», sagt er. Er wolle eine Expansion aber vorsichtig angehen. Die Konkurrenz schläft nicht: Vor zwei Monaten eröffnete in Dietikon ZH «Libergy», ein Laden voller allergenfreier Produkte. Schon zur Eröffnung strömten über 1000 Leute in den Laden.

Teuer, fett und trendig
Gesundheitlich ist der Nutzen für nicht betroffene Menschen zumindest umstritten. Glutenfreie Produkte sind häufig kalorienhaltiger, weil der Weizen irgendwie ersetzt werden muss – oft durch Fett. Lactose wiederum ist kein notwendiger Nahrungsbestandteil. Ohne fehlt den Menschen nichts; ohne Milchprodukte hingegen sehr wohl. Allergen-Produkte sind zudem deutlich teurer als herkömmliche Produkte. Die Barilla-Spaghetti-Klassiker «No 5» kosten bei der Migros Fr. 3.80 pro Kilogramm, die glutenfreie Variante aus der Eigenproduktion Fr. 7.80. Eine Standard-UHT-Milch kostet bei Coop Fr. 1.30 pro Liter, die lactosefreie Variante mit Fr. 1.90 pro Liter fast 50 Prozent mehr.

In seinem Laden in Zürich, schätzt Sebastian Fischer von «Mr. & Mrs. Glutenfree», hätten 90 Prozent der Kunden gesundheitliche Probleme wie Zöliakie. Beim Rest könne man zwar keine Krankheit diagnostizieren. Diese Kunden fühlten sich aber besser, wenn sie glutenfrei ässen. Das Wachstum des Marktes erklärt Fischer auch damit, dass in den letzten Jahren das Bewusstsein für die Erkrankung gestiegen sei. In immer mehr Restaurants gebe es etwa glutenfreie Speisen. «Früher nahmen Leute mit Zöliakie im Restaurant vielleicht einen Salat, heute fragen sie nach glutenfreien Alternativen», sagt Fischer. Im Gegensatz zu England oder Skandinavien sei die Schweiz nach wie vor unterversorgt, hole aber schnell auf.

Das Allergen-Geschäft bleibt ein Wachstumstreiber im Detailhandel. Und wenn darunter Konsumenten sind, welche die teure Spezialnahrung unter Lifestyle abbuchen, so helfen sie damit zumindest den echten Kranken: Diese profitieren von grösseren Sortimenten und tieferen Preisen.

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