Urs Rohner klebt an seinem Sessel. Bis 2021 will der Verwaltungsratspräsident oberster Lenker der Credit Suisse bleiben, wie er im vertrauten Kreis jüngst sagte. Bleibt er tatsächlich so lange, dann wird er am Schluss zehn Jahre an der Spitze der CS gestanden sein.

Ob es dann die CS in ihrer heutigen Form noch gibt, ist eine andere Frage. Denn wenn er und sein Konzernchef Tidjane Thiam weitermachen wie in den letzten Monaten, wird bis 2021 nicht viel übrig sein von der einstigen Kreditanstalt, der zweitgrössten Bank der Schweiz. Sie wird verkauft, wegfusioniert oder zu einem Krümel ihrer ursprünglichen Grösse schrumpfen.

Rohner liege viel daran, in Ehren abtreten zu können, sagen Vertraute. Das scheint zumindest aus heutiger Perspektive reines Wunschdenken. Was musste er sich schon alles anhören? Er, der belächelte Medienmanager, der im Banking von niemandem ernst genommen wird. Der Wirtschaftsjurist, der im US-Steuerstreit den Amerikanern die Stirn bieten wollte und so alles vermasselte. Viel Support hatte er in seiner Bank noch nie. Heute, nach den jüngsten Turbulenzen, dürften seine Beliebtheitswerte auf dem absoluten Nullpunkt sein.

Rohners Problem ist, dass er keine Überzeugungen besitzt. Er sagt mal das, wenig später sagt er das Gegenteil. Zum Beispiel zur Eigenkapitalausstattung: Lange Jahre wiederholte er das Mantra, dass die CS die bestkapitalisierte Bank der Welt sei. Als im Juni 2012 die Nationalbank das Gegenteil feststellte, zeigte sich Rohner uneinsichtig und kritisierte die «wenig glückliche» Kommunikation der SNB. Er liess die Öffentlichkeit wissen, dass man mit dem Eigenkapitalaufbau zufrieden sei. Nur einen Monat später folgte die Spitzkehre: «Wir waren uns im Verwaltungsrat und Management schnell einig, dass das Thema (Eigenkapital) vom Tisch muss.» Kleinlaut kündigte er den Aufbau von 15,3 Milliarden Franken an. Tafelsilber wie der Üetlihof und andere Immobilien wurden für über eine Milliarde Franken verhökert.

Ein Jahr später lobte Rohner in einem Interview die inzwischen aufgepolsterte Eigenkapitaldecke der CS: Total habe die Bank über 100 Milliarden Franken, die zur Deckung von Verlusten bereitstünden. Das sei mehr als das Doppelte des UBS-Verlustes während der Krise. «Es ist daher äusserst unwahrscheinlich, dass unsere Bank jemals in existenzielle Probleme geraten könnte.» 2015 war die Decke dann wieder zu dünn. Der Verwaltungsrat kündigte eine Kapitalerhöhung um 6 Milliarden Franken an. Zudem soll der Teilverkauf des Schweizer Geschäfts weitere Milliarden in die Kassen bringen. Nur kurz darauf tauchten wieder Zweifel an der Kapitalstärke der CS auf. Urs Rohner sagte sichtlich genervt in einem Interview: «Offen gestanden teile ich diese Auffassung nicht. Aber Sie können auch den Weltuntergang als Basis nehmen für Ihre Prognosen.

Nun, seit dieser Woche wissen wir: Die CS hat wieder ein Eigenkapitalproblem. Sie kürzt die angekündigten Investitionen und fährt auf dramatische Weise Positionen in der Investmentbank herunter. Das Ganze wirkt überhastet, ohne Plan und Kontrolle. Doch damit nicht genug: Ein Analyst der UBS schrieb diese Woche, dass der CS bis 2018 5 Milliarden Franken fehlen. Mal schauen, was Rohner dazu sagen wird. Bisher schweigt er.

Inkonsistent sind Rohners Aussagen auch betreffend die Strategie der Bank. Im Herbst 2012 kündigte die UBS an, ihre Investmentbank radikal zu verkleinern. Man kam zum Schluss, dass mit den festverzinslichen Anlagen unter den verschärften regulatorischen Vorschriften keine Profite mehr zu erzielen sind. Oswald Grübel, der frühere CS-Chef und Sanierer der UBS, sagte damals, das Investmentbanking der CS beschäftige in Anbetracht der «Ertragsmöglichkeiten in Zukunft 3000 bis 5000 Angestellte zu viel».

Urs Rohner schlug die Ratschläge in den Wind. Zum Strategiewechsel der UBS sagte er trocken: «Wir haben in diesem Bereich eine andere Marktposition und deshalb auch eine andere Sicht.» Und weiter: «Diese Leute verkennen, dass das Kapitalmarktgeschäft entscheidend für das Funktionieren effizienter weltweiter Märkte und wichtig ist für eine global ausgerichtete Volkswirtschaft wie die Schweiz.»

Es ist exakt dieses Kapitalmarktgeschäft, das unter der Führung von CEO Thiam nun zum Schafott geführt wird. Die CS wird in diesem Herzstück des Investmentbankings innert weniger Jahre vom Marktführer zum Non-Valeur. Unter Brady Dougan wäre das nicht zu machen gewesen. Urs Rohner wird sicher die richtigen Worte finden, diese jüngste Strategieumkehr zu erklären.

Urs Rohner ist der Lenker der Credit Suisse seit bald fünf Jahren. Der Aktienkurs brach in dieser Zeit um über 60 Prozent ein. Auch der von ihm geholte Hoffnungsträger Tidjane Thiam brachte die Wende nicht. Im Gegenteil: Die Aktie verlor seit seinem Amtsantritt 45 Prozent. Während die Aktionäre bluten, zahlt sich Rohner ein Millionengehalt aus. 2015 waren es 3,2 Millionen Franken – als einziger Verwaltungsrat bezog er den gesamten Betrag in Cash. Er verzichtete auf Aktien. Seit er Präsident ist, nahm er insgesamt 21,4 Millionen Franken ein. Der mit Abstand grösste Teil davon in bar – vom Kursverlust, den er zu verantworten hat, ist er kaum betroffen.

Trotzdem scheint er die Unterstützung der wichtigsten Aktionäre zu haben. So etwa von David Herro, Anlagechef und Vize-Chairman von Harris Associates, einer grossen US-Fondsgesellschaft mit über 100 Milliarden Dollar Kundengeldern. Mit 5,17 Prozent ist Harris der viertgrösste Aktionär der Grossbank. 2013 ist der Investor aus Chicago eingestiegen. Damals lag der Kurs bei 28 Franken. Diesen Freitag schloss er bei 13.82 Franken. Somit haben die Fonds von Harris rund eine Milliarde Franken verloren. Trotzdem scheint der Fondsmanager zu Rohner zu halten: «Ja, wir unterstützen ihn», sagt Herro auf Anfrage der «Schweiz am Sonntag».

Auch zur jüngsten Strategieänderung findet Herro nur lobende Worte: «Diese Neuigkeiten sind gut. Wir begrüssen einen schnelleren Rückbau des Nicht-Kerngeschäfts und einen grösseren Fokus auf das Kerngeschäft», sagt er. Durchhalteparolen sind das. Leise Kritik gibt es zum Schluss doch noch. Auf die Frage, ob die Bank nun auf Kurs sei, meint Herro: «Absolut – das hätte man schon vor zwei Jahren machen sollen.»

Wie schafft Rohner das, dass ihn Investoren unterstützen, die eine Milliarde und mehr verloren haben? Selbst intime Kenner können sich keinen Reim darauf machen. Plausibel sei, dass die grossen Investoren zum Teil mit speziellen Anlagevehikeln ruhiggestellt werden. Dazu gehören unter anderem Cocos, die einen Zins von 8 bis 9 Prozent abwerfen – Traumrenditen in der heutigen Zeit, die über manchen Kursverlust hinwegtrösten mögen.

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