Bevor die Nationalbank (SNB) nächste Woche ihre geldpolitische Lagebeurteilung vornimmt, wird sie von der Wirtschaft zunehmend in die Pflicht genommen. Gemäss Heinz Karrer, Präsident von Economiesuisse, ist der Frankenkurs für viele Unternehmen zur Überlebensfrage geworden. «Ich bin mir aber sicher, dass sich die SNB dieser Situation bewusst ist und alle Möglichkeiten, die ihr zur Verfügung stehen, auch prüfen wird.» Valentin Vogt, Präsident des Arbeitgeberverbandes, erwartet ebenso Taten. «Ich bin überzeugt, dass die SNB im Rahmen ihren Möglichkeiten einen Beitrag leisten wird, die massive Überbewertung des Frankens zu korrigieren.»

Namhafte Schweizer Ökonomen hielten sich bislang mit Kritik an der Aufhebung des Mindestkurses zurück. Nun kommt der Leiter der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH, Jan-Egbert Sturm, zu einem ernüchternden Fazit.

Herr Sturm, die Industrie ist unter Druck. Zuletzt forderten Spitzenvertreter die SNB auf, über die Bücher zu gehen. Was sagen Sie dazu?
Jan-Egbert Sturm: Ich habe viel Verständnis für die Sorgen der Industrie. Der Franken ist nach wie vor deutlich überbewertet. Damit hat die SNB, so zumindest meine Vermutung, nicht gerechnet, als sie den Mindestkurs aufhob.

Wie meinen Sie das?
Vor der Aufhebung ging die SNB von einer bestimmten Entwicklung aus. Der Frankenkurs würde erst überschiessen, sich danach allmählich abschwächen und sich auf einem erträglichen Niveau einpendeln. Irgendwo zwischen 1.10 und 1.20 Franken pro Euro. Davon sind wir vier Monate nach der Aufhebung des Mindestkurses weit entfernt. Wir müssen wohl eher froh sein, wenn der Kurs in die Nähe der 1.05 Franken bleibt.

Hat sich die SNB verrechnet?
Die Überlegungen, dass das Überschiessen sich schnell abschwächen würde, haben sich bislang als falsch erwiesen.

Wie können Sie wissen, was sich die SNB damals gedacht hat?
Sie hat dies in verschiedenen Reden dargelegt. Der Negativzins zum Beispiel wurde eingeführt, um das Zinsniveau in der Schweiz generell nach unten zu drücken. So wollte die SNB die alte Zinsdifferenz zum Ausland wiederherstellen, wie es sie vor der Krise gab. Private Investoren würden so in der Schweiz weniger Zins erhalten als im Ausland und darum mehr Kapital ins Ausland tragen. Dieser Kapitalexport hätte helfen sollen, den Franken zu schwächen. Das hat bislang nicht so funktioniert, wie es sich die SNB wahrscheinlich erhofft hatte. Die Folgen werden nun allmählich klarer.

Und die wären?
Es wandern gewisse Tätigkeiten aus der Schweiz ab, die zum aktuellen Kurs in der Schweiz nicht mehr profitabel sind. Bei einem vernünftigen Frankenkurs hätten diese hier überleben können.

Droht eine Deindustrialisierung?
Deindustrialisierung ist ein grosses Wort. Die Industrie wird nicht komplett aus der Schweiz verschwinden. Aber die Situation ist ernst. Ich höre von vielen Unternehmen, die sich gezwungen fühlen, eher im Ausland zu investieren als in der Schweiz. In den unteren Hierarchiestufen werden zwar noch Investitionen in der Schweiz diskutiert, aber von der Spitze wird ein Veto eingelegt. Man solle doch schauen, ob sich diese Projekte nicht im Ausland umsetzen lassen.

Ist das Schlimmste überstanden?
Der erste Schock wird bis Mitte dieses Jahres verdaut sein. Jedoch sind damit sicherlich noch nicht alle Umstellungen bei den Firmen erfolgt. Die Effekte auf Investitionen und Beschäftigung lassen typischerweise länger auf sich warten und werden viel schleichender sichtbar.

Welche Folgen hat das für den Arbeitsmarkt?
Vor dem Ende des Mindestkurses erwarteten wir für 2015 ein Wirtschaftswachstum von 1,9 Prozent. Gemäss unserer Sommerprognose ist dieses Jahr nur ein Wachstum von 0,4 Prozent möglich. Das wäre eine Wachstumseinbusse von 1,5 Prozent. Auf die Beschäftigung umgerechnet bedeutet das, dass wir am Ende dieses Jahres rund 40 000 Stellen weniger haben, als es mit dem Mindestkurs zu erwarten gewesen wäre.

Sollte die Nationalbank nochmals über die Bücher?
Ich gehe davon aus, dass die SNB ohnehin die Lage laufend neu bewertet und alle Optionen prüft.

Sollte der Mindestkurs wieder eingeführt werden?
Das zu entscheiden, ist Sache der SNB. Solange wir allerdings nicht noch eine weitere deutliche Wechselkursaufwertung sehen, wird es schwierig sein, eine neue Anbindung an eine oder mehrere Währungen einzuführen. Die Entscheidung vom 15. Januar ist nicht einfach zurückzudrehen.

Hätte die SNB stärker im Devisenmarkt intervenieren sollen?
Sie hat sicherlich ihr Möglichstes getan. Es hat offensichtlich nicht in dem Masse geholfen, wie sich dies viele erhofft hätten.

Was kann die SNB denn jetzt noch tun?
Derzeit sieht es so aus, dass wir uns mit dem starken Franken und dessen negativen Folgen abfinden müssen. In der Schweiz ist es leider so, dass sich nicht der Wechselkurs an die reale Wirtschaft anpasst. Es wird wohl eher die reale Wirtschaft sein, die sich auf den Wechselkurs einstellen muss.

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