Welche Kompetenzen muss ein Bundesrat mitbringen? Das ist beim Bund nirgendwo vorgegeben. Kompetenzen – das ist auch bei den drei Kandidaten, welche die SVP zur Wahl vorschlägt, ein untergeordnetes Thema. Das Profil von Thomas Aeschi, Norman Gobbi und Guy Parmelin bleibt diffus: Der eine ist gut ausgebildet, verfügt aber über keinerlei Führungserfahrung, der andere kann kaum einen Satz Englisch sprechen und der dritte kennt die Deutschschweiz nur vom Hörensagen und ist mit Rassismusvorwürfen konfrontiert.

Was die drei auszeichnet, ist das SVP-Parteibuch und der Umstand, dass sie von einer SVP-internen Findungskommission zu «offiziellen» Kandidaten gekürt wurden – der ausgebootete SVP-Ständerat Hannes Germann sprach von einem «abgekarteten Spiel». Die Parlamentarier und die Bevölkerung müssen hoffen, dass der Gewählte, der immerhin eine der wichtigsten Funktionen in unserem Staat übernimmt, dann irgendwie ins Amt hineinwachsen wird. Manchmal geht das gut, oftmals auch nicht. Die Bundesratskandidaten sind eine Black Box.

Für den Personalberater Philippe Hertig ist das ein ernsthaftes Problem. Er ist Partner der Schweizer Personalberatung Egon Zehnder, einem der weltweit erfolgreichsten Vermittler für Spitzenmanager und Verwaltungsräte mit über 400 Beratern in insgesamt 69 über den Globus verteilten Standorten. Der Profi, der seit 17 Jahren für Egon Zehnder arbeitet und während Jahren das Schweizer Geschäft leitete, wundert sich, nach welchen Kriterien die Kandidaten ausgewählt werden.

«Das Anforderungsprofil eines Bundesrats lässt sich mit dem eines Geschäftsleitungsmitgliedes vergleichen», sagt er im Gespräch am Stammsitz von Egon Zehnder, einer schmucken Villa beim Zürcher Toblerplatz im Zürichbergquartier. Hertig ist der Meinung, dass sich auch Bundesratskandidaten einem professionell geführten Assessment unterziehen sollten, wie dies in der Geschäftswelt üblich sei. In einem solchen Verfahren wird als Erstes ein Eignungsprofil erstellt. Dieses klärt diverse Punkte ab: die Erfahrung eines Kandidaten oder einer Kandidatin, die Führungskompetenzen, die Persönlichkeit, das individuelle Entwicklungspotenzial und ob er oder sie in ein bestehendes Gremium passt.

«Doch was geschieht? Genau das Gegenteil», sagt Hertig. Man suche einen Kandidaten, der primär einer Partei passe. «Um Fehlbesetzungen zu vermeiden, braucht es ein Mindestanforderungsprofil für Bundesräte», sagt der Personalberater. Was muss ein Bundesrat können? Hertig unterscheidet zwischen Erfahrung, Führungskompetenzen und Persönlichkeit und zählt mehrere Punkte auf.

Zunächst muss jeder Bundesrat über ein Mindestmass an relevanter Erfahrung verfügen. Die Arbeit eines Bundesrats ist vergleichbar derjenigen eines Geschäftsleitungsmitglieds eines Privatunternehmens. Oft führt ein Bundesrat Abteilungen mit mehreren tausend Mitarbeitern. Es wäre undenkbar in der Privatwirtschaft, dass jemand ohne Führungserfahrung einen solchen Job bekäme. Weiter gehört die Erfahrung im Umgang mit unterschiedlichen Interessensgruppen, sogenannten Stakeholders, zum notwendigen Rüstzeug.

Zudem muss jeder Bundesrat gewisse Führungskompetenzen zeigen. Die Erstellung eines Kompetenzprofils gehört in der Privatwirtschaft zum Standard. «Haben Sie je ein Anforderungsprofil für Bundesräte gesehen?», fragt Hertig. Er schlägt folgende drei Bundesrats-Kernkompetenzen vor:

> Strategisches Denkvermögen: Die Aufgaben eines Bundesrats sind komplex. Von ihm wird verlangt, dass er sich in kurzer Zeit in sehr schwierige Dossiers einarbeiten und anschliessend eine langfristige Richtung aufzeigen kann. Darüber hinaus muss ein Bundesrat seinem Departement und letztlich auch der Schweiz eine strategische Orientierung geben. Um das zu erreichen, muss ein Kandidat über ausgeprägtes analytisches, konzeptionelles Denkvermögen verfügen.

> Mitarbeiter-Führungskompetenz: Die Führung eines Departements mit mehreren tausend Mitarbeitern verlangt einen spezifischen Führungsstil. Hierbei sind die Einbindung der Mitarbeiter und somit ein partizipatives und integratives Verhalten besonders wichtig. Folglich soll erfasst werden, welchen Führungsstil ein Kandidat besitzt. Delegiert er Verantwortung? Kann er seine Mitarbeiter motivieren? Oder geht er mit ihnen um wie ein Diktator?

> Teamwork und Zusammenarbeit: Der Bundesrat ist eine Kollegialbehörde. Da versteht es sich von selbst, dass ein Kandidat mit Gleichgestellten gut zusammenarbeiten können muss. Auch ausserhalb des Kollegiums muss er mit den verschiedensten Anspruchsgruppen umgehen können. Er braucht einen guten Draht zur Öffentlichkeit und den Medien und muss über ein feines Sensorium verfügen, was die Bevölkerung bewegt.

Schliesslich sollten auch Persönlichkeitsmerkmale definiert werden: Der Kandidat braucht ein Höchstmass an Integrität und Unabhängigkeit, aber auch an Glaubwürdigkeit und Charakterstärke. Hinzu kommen Belastbarkeit, Überzeugungsvermögen und Kommunikationsstärke.

Jeder Kandidat hat seine Stärken und seine Schwächen, das ist bei Managern so und auch bei Bundesräten. «Es wäre wünschenswert, wenn es ein Mindestanforderungsprofil für Bundesratskandidaten gäbe», sagt Hertig. Dann könnte das Parlament zumindest einen bewussten Entscheid fällen. «Es wäre dann eine professionellere und bessere Wahl.»

Hertig bemängelt zudem den Auswahlprozess. Bis jetzt läuft es so: Die Parteien stellen in einer undurchsichtigen Vorausscheidung einen oder mehrere Kandidaten auf. Danach gibt es Hearings, in denen Parlamentarier anderer Parteien Fragen stellen können. Dann schreitet die Vereinigte Bundesversammlung zur Wahl. Der Personalberater könnte sich vorstellen, dass in Zukunft der Bundeskanzler den Vorselektionsprozess führt und ein parteiübergreifendes Gremium Kandidaten gemäss dem Mindestanforderungsprofil auf Herz und Nieren prüft. Dieses könnte neben den offiziellen weitere Kandidaten nominieren. Dass eine Partei wie die SVP nicht offizielle Kandidaten automatisch ausschliessen wolle, hält Hertig für äusserst bedenklich.

Personalberater Hertig ist überzeugt: «Die Politik könnte viel von der Privatwirtschaft lernen: Mit besserer Führungskräfteselektion bekommen wir auch eine bessere Schweiz.»

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