Die Schweiz wird zur Dosenbier-Nation: Erstmals wurde vergangenes Jahr mehr als ein Drittel allen Bieres in Büchsen verkauft. Auf 33,4 Prozent beziffert der Brauereiverband den Anteil in seiner Statistik. Noch 2004 waren es 16,4 Prozent. Die Zunahme geht zulasten der Mehrwegflaschen und des in Beizen verkauften Fassbiers.

Selbst mittelgrosse Brauereien wie Müller aus Baden, Falken aus Schaffhausen und Locher aus Appenzell setzen mittlerweile auf die Dose, die man früher nur von Importbieren kannte. Um 10 Prozent sei der Dosenabsatz von Müller im vergangenen Jahr gestiegen, sagt Brauerei-Chef Felix Meier. Und dies in einem schrumpfenden Markt. 56 Liter Bier tranken die Schweizer 2013 im Durchschnitt. 1991 waren es noch 71 Liter.

Marcel Kreber, Direktor des Schweizer Brauereiverbands, nennt praktische Gründe: Dosen seien gut stapelbar, liessen sich schneller kühlen und brauchten keine Harassen. «Weil sie kein Licht durchlassen, schützen sie das Bier zudem besser als Verpackungen aus Glas oder Plastik.»

vor allem steht die Dose aber für die Unterwegs-Kultur, welche die Schweiz erfasst hat. Wer ans Seeufer oder Rheinbord grillieren geht, schleppt ungern Glasflaschen mit – und danach wieder nach Hause. Dosenbier werde denn auch hauptsächlich an ein jüngeres Publikum verkauft, sagt Ruedi Signer, Verkaufsleiter der Brauerei Locher, die seit vier Jahren auch Halbliterdosen abfüllt. Viele Brauereien richten das Angebot gezielt auf dieses Publikum aus: Locher verkauft den modern aufgemachten «Brandlöscher» als Dose, Feldschlösschen das alkoholschwere «Stark». Müller hat seine Dose im «Harley-Look» gestaltet.

Die Dose sei nicht mehr Symbol für billig, sondern positiv besetzt, sagt Falken-Chef Markus Höfler. «Dosenbier wird häufig an Grossevents verkauft, bei denen Glas verboten ist. Das sorgt für gute Erinnerungen.» Zudem sei eine «Generation Red Bull» herangewachsen, findet Christian Consoni, CEO von Ramseier. «Die sind es sich gewohnt, aus Büchsen zu trinken.» Ramseier ist hinter Carlsberg und Heineken mit 20 Millionen Liter Bier pro Jahr die drittgrösste Brauerei der Schweiz. Die Tochterfirma der Bauerngenossenschaft Fenaco liefert unter anderem Bier der Eigenmarken von Manor, Spar, Volg und Landi.

Der Boom gilt auch für Süssgetränke. Rivella hat vor einem Jahr eine Dose lanciert, Sinalco vor einem Monat. Coca-Cola profitiert schon seit längerem von einem Dosen-Revival. Und immer wird das «junge Publikum» als Grund genannt. Der Anteil der Dosen am gesamten Getränkesortiment habe sich seit 2005 mehr als verdoppelt, sagt Coop-Sprecher Ramón Gander. Auffällig ist: Oft werden bei Süssgetränken schlankere Formate genutzt, wie sie einst von «Red Bull» etabliert worden waren.

Seit kurzem verkauft Ramseier sogar sauren Most in Halbliterdosen. Ein Produkt, das lange eher mit Bügelflaschen und Schwingerfesten in Verbindung gebracht wurde. Zahlen zum Absatz mag CEO Consoni noch keine nennen. Er spricht aber von einem «Riesenerfolg». Der Markt für Apfelwein sei seit Jahren rückläufig. Diesen Trend habe man «deutlich kehren» können.

Ramseier investiert nun in eine eigene Dosenabfüllanlage, die im Juni in Betrieb gehen soll. Ab dann könne man auch Dosenbier für Landi und Volg produzieren, das bisher aus dem Ausland importiert wurde. 2014 werde Ramseier daher ein deutliches Absatzplus verbuchen können, sagt Consoni. Er hofft, generell Marktanteile von ausländischen Billigbieren zurückzugewinnen, die zur Hälfte in Dosen verkauft werden.

Noch gibt es in der Schweiz nur wenige Dosenabfüllanlagen für Bier. Feldschlösschen hatte ab 1975 quasi das Monopol, Calanda in Chur zog erst 1991 nach. Seit zwei Jahren füllt als Dritter zudem Falken eigene und fremde Büchsen ab – sehr zur Freude der Kleinbrauereien, die zuvor von den ungeliebten Riesen abhängig waren.

Als Einzige nennt Falken konkrete Zahlen: Einst habe man mit 4 bis 6 Millionen Dosen pro Jahr kalkuliert, sagt Brauereichef Höfner. Im Braujahr 2013 waren es dann bereits 9,3 Millionen und für das laufende Geschäftsjahr bis Ende September rechnet er sogar mit 16 Millionen – ein Plus von 70 Prozent. Er zeigt sich optimistisch. «Wir hatten bereits viel schönes Wetter und der Sommer bringt eine Fussball-Weltmeisterschaft.»

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