Auch die Raiffeisen-Bankengruppe ist im Geschäft mit vermögenden US-Kunden involviert. Das zeigt ein Dokument, welches detailliert die Kundenstruktur der Genossenschafts-Bank darstellt und dem «Sonntag» vorliegt.

Aus diesem Dokument geht hervor, dass Raiffeisen insgesamt 218 US-Kunden zählt (siehe Tabelle). Raiffeisen teilt ihre US-Kunden in vier Vermögensklassen ein: 30 Kunden haben Anlagevermögen von über 500 000 US-Dollar. Insgesamt kommen sie auf Vermögenswerte von 35 Millionen US-Dollar. Bei 26 US-Kunden liegt die Anlagespanne bei 250 000 und 500 000 US-Dollar, bei 58 Kunden zwischen 100 000 und 250 000. 104 US-Kunden haben weniger als 100 000 Franken angelegt. Insgesamt verwaltet Raiffeisen Depotwerte von 58 Millionen Dollar.

Der US-Kunde mit dem grössten Vermögen – das geht auch aus der Aufstellung hervor –, verfügt über Depotwerte von 5,8 Millionen Schweizer Franken bei Raiffeisen. Der zweitbeste Kunde kommt auf 2,9 Millionen Franken. Zusätzlich haben vier weitere Kunden Anlagevermögen von über einer Million Franken. Bei allen Kunden handelt es sich um natürliche Personen, also Menschen aus Fleisch und Blut, und keine Firmen oder Investmentfonds.

Damit ist klar, auch die drittgrösste Bankengruppe der Schweiz hat ein Problem mit Amerika-Kunden. Das US-Justizministerium (DoJ) ermittelt gegen elf Schweizer Banken wegen Verdachts auf Beihilfe zu Steuerhinterziehung von US-Steuerpflichtigen, unter anderem gegen die Credit Suisse, Julius Bär und die Kantonalbanken von Zürich und Basel. Diesen Freitag hat das DoJ mit Wegelin erstmals eine Bank angeklagt.

Bisher hat Raiffeisen stets abgestritten, selbst aktiv im grenzüberschreitenden Vermögensverwaltungsgeschäft mit den USA zu sein. Pierin Vincenz, Chef von Raiffeisen Schweiz, sagte am Freitagabend in der «Arena» des Schweizer Fernsehens: «Wir als Raiffeisen sind natürlich nicht aktiv in diesem Geschäft exponiert gewesen.»

Das entspricht offensichtlich nicht der Wahrheit. Raiffeisen bestätigt gegenüber dem «Sonntag» die Existenz amerikanischer Kunden. «Vereinzelt haben US-Kunden den Kontakt zu Raiffeisen gesucht», sagt Raiffeisen-Sprecher Franz Würth.

Die US-Kunden hätten zu verschiedenen der 328 Raiffeisenbanken in der Schweiz eine Kundenbeziehung, sagt der Sprecher. «Die US-Kunden haben den Kontakt zu ihrer Raiffeisenbank vor Ort selbst gesucht.» Diese Kunden hätten einen Bezug zur Schweiz. Warum Raiffeisen diese Kunden überhaupt aufgenommen habe, kann die Bank nicht erklären.

Würth betont, dass sich Raiffeisen «nie aktiv» um US-Kunden bemüht habe. Es würden bis heute keine Kontoeröffnungsunterlagen oder Kontoauszüge auf Englisch existieren. Die Bank unterhalte auch keinen spezialisierten USA-Desk, wo ein Team sich um die Kunden kümmern würde.

Die Genossenschaftsbank hat den Schweizer Behörden die Existenz amerikanischer Kunden nie mitgeteilt. «Raiffeisen hat keiner Behörde Zahlen geliefert», bestätigt Würth. Jetzt sind die US-Kunden für Raiffeisen zur Belastung geworden. Der Sprecher kündigt an, dass sich die Bank entschieden hat, «sich von diesen US-Kunden zu trennen».

Erst letzte Woche gab Raiffeisen die Übernahme der Notenstein Privatbank bekannt, der umgetauften Bank Wegelin & Co. ohne USA-Geschäft. Die Akquisition wurde unter grösstem Zeitdruck und ohne Anhörung der 328 unabhängigen Raiffeisenbanken durchgepaukt.

Die Raiffeisenbanken sind im Unterschied zu einer Grossbank als Netzwerk organisiert. Die einzelnen Genossenschaften sind unabhängig. Gemeinsam betreiben sie Raiffeisen Schweiz in
St. Gallen als zentrale Koordinationsstelle. Pierin Vincenz ist Chef dieser Zentralbank, die neun Milliarden an der Gruppenbilanz von insgesamt 151 Milliarden Franken hält.

Bei manchem Bankleiter stiess die Übernahme auf Kritik. Einer, der sich öffentlich dazu geäussert hat, ist Erwin Scherrer, Verwaltungsratspräsident der Raiffeisenbank Wil. «Es wird eine breite Diskussion nötig sein», kündigte er im «St. Galler Tagblatt» an. Er fordert die gemeinsame Formulierung einer neuen Strategie für die drittgrösste Bankengruppe der Schweiz. Das soll demnächst geschehen. Bereits vor dem Kauf von Wegelin war eine Grundsatzdiskussion geplant.

In einem internen Diskussionspapier zum Notenstein-Kauf versucht die Führung der Raiffeisen-Zentrale aufkommende Ängste durch den Wegelin-Kauf zu zerstreuen. Die zentrale Besorgnis, dass die einzelnen Raiffeisenbanken und in letzter Konsequenz der einzelne Genossenschafter für Notenstein haftbar gemacht werden könne, kann dabei nicht vollständig ausgeräumt werden.

Zwar heisst es im Papier, dass der «Genossenschafter in keinem Fall für die Notenstein AG haftet» und dass ein finanzieller Durchgriff auf die Raiffeisenbanken ausgeschlossen ist». Doch an anderer Stelle heisst es auch, dass eine Haftung von Raiffeisen Schweiz als Muttergesellschaft von Notenstein explizit «nicht ausgeschlossen» ist.

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