Wenige Blocks hinter der weitläufigen Anlage der Hochschule MIT sind die Holzstufen zu den Veranden der Einfamilienhäuser abgetreten, blättert der Lack von den Fassaden.

Was wie eine verschlafene amerikanische Vorstadt anmutet, ist in Tat und Wahrheit Teil des Gravitationszentrums der weltweit grössten Life-Sciences-Szene. Ein paar Blocks weiter, auf der Tangente zwischen den Hochschulen MIT und Harvard haben unzählige Start-ups und grosse Pharmafirmen alte Lagerhallen umfunktioniert, neue, höhere Bauten errichtet. Von den oberen Etagen reicht der Blick über den Charles River auf das Stadtzentrum Bostons, wo sich gleich mehrere der landesweit renommiertesten Krankenhäuser befinden.

Es ist der perfekte Mikrokosmos, um an der nächsten Innovation für den Gesundheitsmarkt zu arbeiten. Das wissen auch Schweizer Start-ups. Immer mehr von ihnen schlagen die Brücke nach Boston, um von dort aus den weltweit lukrativsten US-Gesundheitsmarkt zu erschliessen. Hier, so scheint es, gibt es von allem mehr: Investoren, Geld, Kunden, Partner, Kontakte.

Zugang zum grössten Life-Sciences-Cluster der Welt

«Wir haben hier Zugang zum grössten Life-Sciences-Cluster der Welt und sind nahe bei unseren Kunden», sagt Piero Zucchelli. Der gebürtige Italiener ist Gründer und CEO des Genfer Startups Andrew Alliance. Der ehemalige Cern-Physiker hat einen Roboter entwickelt, der eine der mühsamsten Handarbeiten in den Forschungslabors übernimmt: das Pipettieren. Andrew, so heisst der Roboter, füllt flink beliebige Flüssigkeiten in die kleinen Vertiefungen der Plexiglasplatten, wie sie Medikamentenforscher im Labor für Tests verwenden. Das alleine ist keine neue Erfindung. Aber Andrew sei, anders als seine Mitstreiter, mit zehn Kilogramm sehr viel kleiner und zehn Mal günstiger, sagt Zucchelli. Ein Verkaufsargument, das zu überzeugen scheint. Laut eigenen Angaben steht der smarte Helfer bereits bei den meisten der zwanzig grössten Pharmafirmen im Labor. Der wesentliche Treiber dafür war die Expansion in die USA. «Die meisten unserer Kunden sind hier», so Zucchelli.

Nicht nur die Kunden, sondern auch die Investoren sitzen hier sozusagen vor der Haustür. Auf der Suche nach Kapital, um die Marktlancierung von Andrew zu finanzieren, holte Zucchelli den Bostoner Wagniskapital-Fonds Omega an Bord. Dieser verwaltet ein Vermögen von einer Milliarde Dollar.

Um im US-Markt weiter zu wachsen, hat Andrew Alliance am Rande von Cambridge in einem unscheinbaren Klinkerbau kürzlich ein grösseres Büro bezogen. In den weiss gestrichenen Räumen ist Roboter Andrew zu Demonstrationszwecken im Einsatz. Am neuen Ort ist genügend Platz für die wachsende Verkaufsmannschaft vorhanden. Der Ausbau in Boston bedeute nicht, dass man in der Schweiz kürzertrete. Die Forschung und Entwicklung sowie die Produktion blieben weiter in der Westschweiz, sagt Zucchelli.

Kapital folgt der Expertise

«Die simple Eleganz der Technologie hat uns bei Andrew Alliance überzeugt», sagt Richard Lim, Partner bei Omega. Deshalb sei man bei der Firma eingestiegen und habe die kommerzielle Schaltzentrale nach Boston gebracht. Lim steht am Fenster und schaut auf die Häuserschlucht, die sich von seinem Büro aus präsentiert: «Denn der beste Unternehmer hat nur Erfolg, wenn sein Umfeld ihn unterstützt.» Das biete Boston mit seinem dichten Netz an Akademien, Spitälern, Pharma und Start-ups. Selbst aus dem Silicon Valley kämen deshalb häufiger Life-Sciences-Firmen nach Boston.

Folglich sei auch die Dichte der Wagniskapital-Geber sehr hoch, sagt Lim. Der Bostoner hat die Biotech-Szene hier schon miterlebt, als sie vor gut 25 Jahren noch in den Kinderschuhen steckte und als «Wilder Osten» galt. «Das Kapital folgt der Expertise», sagt er. Und die sei heute ganz klar hier in Boston. In den USA werden im Quartal etwa 35 neue Life-Sciences-Start-ups gegründet, sagt Christopher Viehbacher, Präsident der von Ernesto Bertarelli finanzierten Firma Boston Pharmaceuticals und Chef des BertarelliInvestmentfonds Gurnet Point Capital. «Die meisten davon sitzen hier in Boston. Entsprechend hoch ist auch die Dichte an Investoren. Sie stehen im nahen Kontakt zu vielen Firmen, verfolgen ihre Entwicklung hautnah und wissen so, wann der Einstieg entlang des eigenen Risikoprofils am günstigsten ist.» Die Summe an Wagniskapital stand 2015 mit 2,1 Milliarden Dollar auf Rekordniveau. Damit flossen knapp 30 Prozent des gesamten Wagniskapitals im Land in den Bundesstaat Massachusetts, in dem Boston liegt (siehe Box).

Geldfluss

Im Jahr 2015 flossen 2,1 Milliarden Dollar Wagniskapital nach Boston. Das entspricht 30 Prozent des gesamten Wagniskapitals in den USA. Auch das «National Institutes of Health» spricht hohe Summen für die Biotech-Szene in Boston: 2015 flossen 2,4 Milliarden Dollar für Projekte in den Bundesstaat Massachusetts, zu dem Boston zählt. Nur Kalifornien erhielt mit 3,5 Milliarden noch mehr.

Tiefgreifender Wandel

Im Stadtteil Cambridge, da wo die Holzveranda-Häuser dicht nebeneinanderstehen, liegt das schlichte Klinkergebäude mit Glasaufbau wie ein Findling da. Der Schweizer Staat hat den Bau errichtet, als er 2000 die erste Aussenstelle von Swissnex, der Schweizer Organisation für Wissenschaftsaustausch, gründete. Vor 20 Jahren war Cambridge alles andere als ein vibrierender Biotech-Hotspot, keine besonders gute Gegend in Teilen um das MIT, sagt Felix Moesner, Chef von Swissnex Boston. Heute sieht das anders aus: Ein eng gestrickter Teppich aus Start-ups erstreckt sich vom Harvard Square in breiter Fläche stadtwärts bis zum Charles River und in die Innenstadt. «Die Wagniskapital-Geber wollen meistens im 30-Meilen-Radius investieren», so Moesner. «Das heisst, die Firmen müssen in der Nähe sein.» Deshalb sei es für Schweizer Start-ups, die hier für die Expansion ihres Geschäfts Kapital aufnehmen wollen zentral, hier eine Niederlassung aufzubauen. Die mehrheitlich vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) finanzierte Swissnex hilft beim Brückenschlag. «Wir nehmen die Start-ups an die Hand, bieten ihnen unser Netzwerk, damit sie im US-Markt erfolgreich wachsen können», so Moesner. In der Schweiz hagelt es dafür regelmässig Kritik.

Es heisst, Swissnex helfe dabei, Wissen und Firmen aus der Schweiz abzuziehen. Dem entgegnet Moesner: «Unser Ziel ist es, dass diese Firmen ihren Fokus in der Schweiz aufrecht halten.» Der Erfolg der Start-ups sei schlussendlich auch ein Gewinn für die Schweiz. Bislang kamen über das Start-up-Förderprogramm Venture-Leaders 246 Schweizer Firmen in die USA. Etwa einen Viertel davon seien Life-Sciences-Start-ups.

Die Angst vor dem Brain-Drain bei Start-ups in der Schweiz sei weitgehend unbegründet, sagt Michael Sidler, der mit Redalpine einen der wenigen Wagniskapital-Fonds in der Schweiz leitet und die Branche kennt. «Langfristig fliessen Wissen und Business wieder zurück in die Schweiz.» Mit seinem Fonds investiere er nur in Start-ups, die internationale Ambitionen hätten. Gerade Life-Sciences-Firmen benötigten eine US-Strategie und Präsenz auf den wichtigsten Gesundheitsmarkt.

Zurück im südlichen Hafenviertel Bostons liegt das Büro von One Drop Diagnostics. Nur einen Steinwurf von dem Ort entfernt, an dem für Gründer Luc Gervais und sein Team aus Neuenburg die US-Expansion 2014 begann. Hier, in einer ehemaligen Munitionshalle aus dem Zweiten Weltkrieg, ist die Kreativszene eingezogen. Entlang der Fabrikmauern stehen farbige Container-Cafés, von denen der Blick auf ein haushohes Schiff fällt, das im Dock auf der anderen Strassenseite liegt. In der oberen Etage der Fabrikanlage befindet sich der Start-up-Accelerator Mass- Challenge. Nach eigenen Angaben ist die Start-up-Schmiede der grösste Accelerator weltweit, gemessen an der Anzahl Alumni, die das Programm durchlaufen haben. Einer davon ist Luc Gervais. «Für uns war immer klar, dass wir mit unserer Erfindung nach Amerika kommen müssen, auf den weltweit grössten Gesundheitsmarkt», denkt Gervais zurück.

Labor für ins Weltall

Der Franko-Kanadier promovierte an der ETH Lausanne im Bereich Micro-Engineering. Er hat einen Biochip in Miniaturformat entwickelt, der mit nur einem Tropfen Blut diagnostische Tests, etwa für Herzpatienten oder Diabetiker, durchführen kann. Über das Partnernetzwerk von MassChallenge kam Gervais mit der US-Behörde für Raumfahrt Nasa in Kontakt. Diese testet seinen Biochip nun in der Weltraumstation ISS. «Entnehmen Sie einem Astronauten im schwerelosen Raum mal Blut, das ist ziemlich schwierig.» Zudem müssten alle Proben erst auf die Erde, um analysiert zu werden. «Mit unserem Chip können Astronauten die Tests aus einem Blutstropfen im All ausführen.»

Aber auch in Neuenburg bleibe die Zeit nicht stehen. Gervais’ Entwicklungseinheit arbeitet dort am «Neode», dem EPFL-Park für Mikro- und Nanotechnologie, an der Zertifizierung des Biochips. Dieser wird in der Schweiz hergestellt und soll bald vorerst in Europa auf den Markt kommen.