Es war die Überraschung der Woche – und sie machte international Schlagzeilen: Die Aktionäre der Bank Julius Bär haben an der Generalversammlung den Vergütungsbericht mit 63,9 Prozent abgelehnt. Jetzt äussert sich in der «Schweiz am Sonntag» erstmals der CEO der Bank dazu.

Boris Collardi sagt im telefonischen Gespräch, er selbst sei es gewesen, der «im Oktober oder November letzten Jahres» vorgeschlagen habe, die Aktionäre über den Vergütungsbericht abstimmen zu lassen. Die Anlagestiftung Ethos hatte wiederholt kritisiert, dass Julius Bär nebst Swatch die beiden letzten SMIUnternehmen seien, die bis 2012 keine Konsultativabstimmung zum Vergütungsbericht durchgeführt hatten.

Der 39-jährige Collardi hält es für richtig, dass die Abstimmung stattfand, räumt aber ein: «Wir haben die Situation unterschätzt.» Erst etwa zwei Wochen vor der GV habe man erfahren, «dass die Abstimmung aufgrund des ISS-Votums zu einem Problem führen könnte». Die Institutional Shareholders Services (ISS) ist eine auf Corporate Governance spezialisierte US-Beraterfirma. Viele Grossaktionäre stimmen so ab, wie es ISS empfiehlt. Sie kritisierte die mangelnde Transparenz bei der Berechnung der Boni und auch die Tatsache, dass das Management Zusatzzahlungen für die Integration der Vermögensverwaltung von Merrill Lynch erhalten hat. Die Übernahme ist noch nicht abgeschlossen.

Laut Collardi kam die Kritik von ISS am Vergütungsbericht «sehr spät, sodass wir nicht mehr reagieren konnten». Zwar habe man sich mit wichtigen Investoren ausgetauscht, nachdem die Bank von der Kritik erfahren habe. Collardi sagt, die Gespräche mit den Investoren seien gut gewesen, aber: «Es entstand eine komische Situation: Viele Investoren wollten nicht per se gegen den Vergütungsbericht stimmen, aber es war schon zu spät.» Die Einladung an die GV sei schon verschickt gewesen.

So kam es zum wuchtigen Nein – ohne eine einzige Wortmeldung eines Aktionärs. «Hätten wir die Kritik von ISS schon vor zwei Monaten gekannt, wäre es anders herausgekommen. Aber im Nachhinein ist man immer klüger», sagt Collardi. Von Rücktritt ist bei Julius Bär trotzdem keine Rede. In den USA haben solche Misstrauensvoten der Aktionäre meist personelle Konsequenzen: Bei der Citigroup führte die Ablehnung einer Entschädigung an den CEO zu dessen Rücktritt. In der Schweiz müsste jedoch, wenn schon, der Verwaltungsratspräsident gehen – denn der VR ist zuständig für die Vergütungspolitik. Präsident Daniel J. Sauter liess via Medienmitteilung einzig mitteilen, man werde «geeignete Massnahmen treffen, um an der nächsten Generalversammlung ein positives Abstimmungsergebnis zu ermöglichen».

CEO Boris Collardi wird deutlicher: «Wir wissen jetzt, was die Investoren denken, und arbeiten mit höchster Priorität an einem neuen Kompensations-Framework.» Dieses werde «einfach umzusetzen» sein. Der Warnschuss von der GV ist angekommen: «Wir wollen nie mehr in eine solche Situation kommen.»

Bei Thomas Minder, Wortführer der «Abzocker-Initiative», kommen diese Aussagen indes schlecht an. «Diese Bank hat noch immer nicht kapiert, was abläuft», sagt er. Voraussichtlich gelte nächstes Jahr bereits die Vorgabe seiner Initiative und das bedeute, dass nicht mehr einfach über Berichte abgestimmt werde. «Sondern ganz konkret über die Löhne.» Minder sagt, er gehe davon aus, dass die Verordnung zur Umsetzung der Initiative per 1. Januar 2014 in Kraft sei.

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