Ende Jahr hätten auf den Linien St. Gallen–Genf, Romanshorn–Brig und Zürich– Luzern die ersten Doppelstockzüge von Bombardier rollen sollen. Die Passagiere hätten von einer 10 Prozent kürzeren Fahrzeit profitiert. Doch daraus wird nichts. Es kommt zu zwei Jahren Verspätung. Davon geht ein Jahr auf die Kappe von Bombardier.

Damit wird die grösste Rollmaterialbeschaffung in der Geschichte der SBB zu einem Debakel für den kanadischen Hersteller. Vor drei Jahren hatte er noch über den 1,9 Milliarden schweren Auftrag gejubelt, nun droht ihm eine horrende Konventionalstrafe. Über deren vertraglich festgelegte Höhe haben die SBB und Bombardier Stillschweigen vereinbart. «Das ist eines der bestgehüteten Geheimnisse der Branche», sagt Michaela Stöckli, Direktorin des Bahnindustrieverbandes Swissrail.

Doch nun kann es «Der Sonntag» lüften. Laut einem Insider steht in den Offertunterlagen, dass der Hersteller für jeden um eine Woche verspäteten Zug eine Strafe von 0,5 Prozent des Stückpreises bezahlen muss. Abzüglich von Einmalkosten für die Projektierung beläuft sich der Stückpreis auf rund 30 Millionen Franken. Damit beträgt die Konventionalstrafe pro Zug und Woche rund 150 000 Franken. Bei einem Jahr Verspätung bedeutet diese eine Strafzahlung von 7,8 Millionen Franken pro Zug oder insgesamt 460,2 Millionen Franken.

Bereits sprechen mehrere Branchenangehörige von einer weiteren Verzögerung. Diese belaufe sich auf bis zu vier Jahre, bestätigen sie einen Bericht der «Handelszeitung» von dieser Woche. Damit droht Bombardier eine noch viel höhere Konventionalstrafe. Laut einer zuverlässigen Quelle wurde sie vertraglich auf 40 Prozent des Stückpreises beschränkt. Damit kann sie bis zu 708 Millionen Franken betragen.

Die SBB und Bombardier streiten ab, dass sich die Auslieferung um bis zu zwei weitere Jahre verzögert. «Aktuell liegen uns keine Informationen bezüglich zusätzlichen Lieferverspätungen vor», sagt SBB-Sprecher Christoph Rytz. «Deshalb gehen wir von den kommunizierten Ablieferungsterminen aus.» Vor einem Jahr hatten die SBB bekannt gegeben, dass die neuen Züge «bis zu zwei Jahre verspätet» und «voraussichtlich erst Ende 2015 zum Einsatz» kommen.

Eine möglicherweise entscheidende Nuance anders tönt es allerdings von Bombardier-Sprecher Andreas Bonifazi. Er sagt: «Wir gehen heute davon aus, dass die ersten Züge Ende 2015 zum Einsatz kommen werden.» Damit ist eine weitere Verspätung nicht ausdrücklich ausgeschlossen.

Bonifazi sagt, Bombardier versuche, mit Zweischichtbetrieb und Sonderschichten im deutschen Werk Görlitz die Verspätung zu verkürzen. «Bombardier setzt alles daran, so schnell wie möglich auf den vertraglichen Plan zurückzukommen.» Es sei aber schwer abschätzbar, wie viel aufgeholt werden kann – und damit auch, wie hoch die Strafzahlung schliesslich ausfallen wird. «Wie schnell wir aufholen können, hängt nicht nur von uns ab, sondern von verschiedenen Stakeholdern.»

Bereits gab es erste Gespräche zwischen den SBB und Bombardier über die Höhe der Konventionalstrafe. «Welche Kosten aus der Verzögerung entstehen und wer für diese aufkommen muss, ist Gegenstand laufender Verhandlungen zwischen SBB und Bombardier», lässt die Bahn verlauten. Bei Bombardier haben unterdessen bereits zwei Projektleiter entnervt gekündigt.

Ein Jahr der Verzögerung geht auf das Konto der SBB. Sie hatte viele Zusatzwünsche von Interessenverbänden erfüllt, etwa nach mehr Platz für Velos und Gepäck. Das führte zu vier Monaten Verzögerung. Acht Monate gehen auf ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts zurück. Es verpflichtete die SBB nach langem Streit, pro Zug ein zusätzliches Behindertenabteil samt rollstuhlgängiger Toilette einzubauen. Für ein Jahr der Verspätung trägt aber Bombardier die Verantwortung. Bei der Berechnung der Wagenkasten unterlief dem Hersteller ein schwerer Konstruktionsfehler.

Leidtragende werden die Passagiere sein. Denn die SBB wollten mit den neuen Intercity-Doppelstöckern die heute auf der West-Ost-Achse verkehrenden Doppelstock-Schnellzüge ersetzen, die ab 1997 beschafft wurden. Diese wiederum sollten noch älteres Rollmaterial auf anderen Strecken ersetzen. Nun sind die SBB gezwungen, ihre alten Züge aufzumöbeln, um den Reisenden in der Übergangszeit ein Mindestmass an Komfort zu bieten.

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