Drücken Detailhändler wie die Migros die Fleischpreise der Bauern, um ihre eigenen Margen zu erhöhen? Das warf Bauernpräsident Markus Ritter dem Migros-Chef Herbert Bolliger vor. Bolliger hatte zuvor in der «Schweiz am Sonntag» die Bauern angegriffen: Der von ihnen durchgesetzte Protektionismus sorge dafür, dass die Preisdifferenz zum Ausland weiter steige.

Wer hat recht? Die «Schweiz am Sonntag» rechnete nach.

> Die Schweizer Bauern erhalten für ihr Schlachtvieh einen Preis, der im Schnitt gut doppelt so hoch ist wie der Preis, den Bauern im benachbarten Ausland erhalten. Beispiel Schwein: Micarna kauft derzeit Schweine zum Preis von 3.45 Franken franko Schlachthof pro Kilo Schlachtgewicht. In der EU beträgt dieser Preis derzeit rund 1.25 Euro, das heisst rund 1.50 Franken. Also weniger als die Hälfte.

> Nur 60% des Schweins sind «verbrauchsfertiges» Fleisch. 40% sind Schwarten und Knochen etc., die müssen zu EU- bzw. Weltmarktpreisen verkauft werden, weil nicht mehr dafür bezahlt wird. Das aber heisst, dass sich wegen des hohen Schweizer Anschaffungspreises für das ganze Schwein der Preis für «edle» Stücke zusätzlich stark erhöht.

> Beispiel: Micarna zahlt zum aktuellen Preis 180 Franken mehr für ein 90-kg-Schwein als ein deutscher Betrieb. Diese 180 Franken muss Micarna also auf die 60% «gutes Schwein» aufrechnen. Bei 56 kg «gutem Schwein» macht das über 3 Franken pro Kilo.

Das gleiche, teils noch krassere Bild bietet sich bei Rind und Kalb. Aber das sind erst die Rohstoffkosten. Dazu kommen weitere preistreibende Faktoren:

> Kostenniveau. Ruedi Hadorn, Direktor des Schweizer Fleischfachverbands SFF, sagt: «Auch die Lohn- und Infrastrukturkosten sind hierzulande massiv höher.» Für ihn ist klar: «Der entscheidende Faktor ist das allgemeine Kostenniveau in der Schweiz, liegt doch der Kostenunterschied zum umliegenden Ausland gerade auch im Fleischbereich durchschnittlich bei Faktor 1,8 bis 2.»

> Essgewohnheiten. Hadorn nennt es die «Teilstücke-Problematik»: Konsumenten bevorzugten zuletzt tendenziell immer mehr «gute» Teilstücke wie Filet oder Plätzli, während Innereien oder selbst Siedfleisch weniger gefragt sind. Wenn diese Teile nicht mehr verkauft werden können, verteuern sich die «edlen» Stücke noch weiter.

> Regulierung. Hadorn stellt fest, dass die Schweiz als Drittstaat und wohl auch aus eigenem Perfektionismus heraus EU-Regeln etwa zur Tierhaltung oder Hygiene oft strenger umsetzt und kontrolliert als die EU selbst.

Dass die Margen der Migros nicht jenseitig sein können, beweisen die Bauern gleich selbst. Sie verkaufen das Fleisch im Hofladen zu einem teilweise höheren Preis als der Detailhandel. Es ist der Bauernverband SBV, der diese Direktverkaufspreise auf der Website empfiehlt. Beispiel Hackfleisch, Rind oder Schwein. Der SBV empfiehlt 16 bis 18 Franken pro Kilo. In der Migros Bern kostet Hackfleisch Rind 18 Franken, derzeit in Aktion die Hälfte. M-Budget-Hackfleisch gemischt Rind/Schwein kostet 9.50 Franken. Oder Landjäger: Die Migros verlangt für das Kilo 18 Franken. Der SBV empfiehlt 25 bis 28 Franken.

SBV-Sprecherin Sandra Helfenstein sagt, dass die Fachorganisationen die Direktvermarkterpreise festlegen. «Aber es ist richtig, dass diese oft praktisch gleich hoch sind wie die Preise im Detailhandel. Die Erklärung dafür ist, dass die Bauernfamilien mit dem Direktverkauf auch Kosten verbinden, die gedeckt werden müssen: für das Hoflädeli, den Marktstand, den Kühler oder das Personal, das bedient.»

Fakt ist: Die Bauern profitieren kräftig vom hohen Schweizer Preisniveau.

Die Bauernlobby macht in Bern massiv Druck, will sogar noch mehr Abschottung an der Grenze. Die Migros will das Gegenteil. Jürg Maurer, Leiter Agrarpolitik bei der Migros, warnt: «Wir sind überzeugt, dass das Verharren im Status quo keine zukunftsträchtige Lösung ist. Die Land- und Ernährungswirtschaft sollte sich vorwärtsbewegen. Der Bauernverband bewirkt aber mit seiner Abschottungsstrategie das Gegenteil.»

Befürchtung: Irgendwann müssen wir wegen des internationalen Drucks über zunehmenden Freihandel (Stichworte USA - EU) dieselben schmerzlichen Erfahrungen wie beim Bankgeheimnis machen. Wenn die Preise dann schlagartig einbrechen, sind die Leidtragenden vor allem die Bauern.

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