Von Patrick Züst aus San Francisco und Patrik Müller

Es war ein Coup, der international für Schlagzeilen sorgte: Die kleine Schweizer Firma Stadler aus Bussnang TG bekam im vergangenen August den Zuschlag, um Züge ins Silicon Valley (Kalifornien) zu liefern. Vor zwei Monaten sagte Firmen-Inhaber Peter Spuhler zur «Schweiz am Sonntag»: «Für uns ist der Auftrag aus dem Silicon Valley eine riesige Chance. Wir können die schweren, dieselbetriebenen Züge durch leichte Doppelstocktriebzüge ersetzen. Wenn wir diesen Auftrag technisch und terminlich korrekt abwickeln, wird der Effekt im Markt riesig sein.»

Heute sind die Züge im Silicon Valley, dem Tal der neuen und innovativen Technologien, ein bizarrer Anachronismus. Während Firmen wie beispielsweise Facebook und Google in ihren futuristischen Labors an der nächsten digitalen Revolution arbeiten, wirkt der sogenannte Caltrain, der von San Francisco durch das Silicon Valley bis nach San Jose führt, wie ein Überbleibsel aus einer früheren Epoche. Die Dieselzüge sind schwerfällig, langsam und meist verspätet.

16 Doppelstock-Züge bestellt
Sollte es ausgerechnet einem Unternehmen aus der fernen Schweiz gelingen, die Amerikaner in die eisenbahntechnische Neuzeit überzuführen, wäre das mehr als ein PR-Coup für Stadler. Und eigentlich sah alles so aus. Im vergangenen August erhielt Stadler den Auftrag, 16 neue Doppelstock-Züge für 551 Millionen Dollar zu liefern. Der häufig belächelte Caltrain soll elektrisch und damit endlich modern werden. Das Projekt schien unter Dach und Fach, bis vergangene Woche die Trump-Regierung das ganze Vorhaben infrage stellte. Die Subventionen, welche die kalifornischen Abgeordneten damals mit dem Transport-Departement unter Barack Obama vereinbart hatten, wurden von den Republikanern nämlich überraschend verweigert. Zumindest bis auf weiteres.

Es geht um 647 Millionen Dollar, die der Staat zur Erneuerung der kalifornischen Zuglinie beisteuern soll. Offiziell werden diese Gelder nur zurückgehalten, um vorher das Budget des Projekts nochmals zu prüfen. In Kalifornien wird aber befürchtet, dass die neue republikanische Regierung das Aus für die Modernisierung des Caltrains bedeuten könnte. Die Partei von Donald Trump ist nämlich dafür bekannt, dass sie, wenn immer möglich, auf Strassen statt auf Schienen setzt. Hier plant er gigantische Infrastruktur-Investitionen.

Stadler teilt dazu gegenüber der «Schweiz am Sonntag» mit: «Das Projekt Caltrain ist durch regionale, staatliche und bundesstaatliche Gelder finanziert. Eine Zusage der bundesstaatlichen Mittel aus dem Budget des Department of Transportation (DOT) steht bisher aus. Sie war für Anfang März in Aussicht gestellt, verzögert sich nun aber aufgrund des Regierungswechsels und der damit einhergehenden Neubesetzung der Spitzenpositionen im DOT.» In der Thurgauer Firmenzentrale erwartet man, dass das Projekt zeitverzögert fortgesetzt wird: «Wir gehen davon aus, dass die vollumfängliche Finanzierungszusage im Rahmen des Federal Budget bis Ende des zweiten Quartals 2017 erteilt wird.» Stadler führe im Auftrag des Kunden alle Projekttätigkeiten weiter. «Sie sind durch die bereits freigegebene Finanzierung bis zu einem vertraglich festgehaltenen Kostendach gedeckt.»

Unterschriftensammlung gestartet
Weit weniger gelassen reagierten Vertreter aus Kalifornien auf die Verzögerung der Gelder. Die demokratische Kongressabgeordnete Jackie Speier setzt sich seit Jahren für die Modernisierung des Caltrains ein und bezeichnet ihn als essenziellen Teil des Silicon Valley: «Dieser Entscheid bedroht jetzt einen fundamentalen Bestandteil unserer Wirtschaftsregion», erklärt sie. Und auch die Geschäftsleitung von Caltrain zeigt sich besorgt: In einem Statement schreibt die Firma, dass mehrere Verträge bis zum 1. März unterzeichnet werden müssen, weil es ansonsten zu Bussen und Kostenerhöhungen komme. Diese könnten die Durchführbarkeit des Projekts gefährden.

Unterdessen wurde auf der Website des Weissen Hauses eine Petition für das Gewähren der Caltrain-Subventionen lanciert, die in den vergangenen sechs Tagen rund 6500 Unterschriften gesammelt hat. Im Fokus stehen die 9600 zusätzlichen Jobs, die das Projekt schaffen würde.

Der Widerstand gegen die Modernisierung des Caltrain kommt von den republikanischen Kongressabgeordneten aus Kalifornien. Bereits vor einem Monat hatten sie das Transport-Departement in einem Brief aufgefordert, die Subventionen vorerst nicht abzusegnen.

Damit wollten die Republikaner aber nicht primär die Modernisierung des bestehenden Caltrains verhindern, sondern vor allem die stark umstrittene neue Hochgeschwindigkeitslinie schwächen, die derzeit zwischen Los Angeles und San Francisco gebaut wird.

Vor allem wegen der hohen Kosten von geschätzten 64 Milliarden Dollar kämpfen Politiker aus diversen Bundesstaaten seit Jahren gegen dieses Vorhaben an. Weil auch die modernisierte Caltrain-Linie in die neu gebaute Route integriert würde, handle es sich dabei nicht um zwei unabhängige Projekte, so die Republikaner.

Wie es weitergeht mit dem Caltrain und mit den Doppelstockzügen von Peter Spuhler, ist unklar. Bereits vor zwei Monaten hatte der Unternehmer in der «Schweiz am Sonntag» ein Fazit gezogen, ohne zu wissen, was ihm und seiner Firma mit Donald Trump noch bevorstehen würde. Damals sagte er: «Die Amerikaner sind sehr stark, was IT betrifft. Aber bei der Eisenbahn sind sie nicht gerade innovativ.»

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