Berge, Schnee und urchige Chalets dominieren das Image des Schweizer Tourismus. Die Touristen zieht es allerdings nicht in die Alpen, sondern in die Bettenburgen der Städte. Eine Auswertung der Tourismusdaten des Bundes zeigt: Auch dieses Jahr gehören die klassischen Tourismusregionen – Graubünden, Wallis und Tessin – zu den Verlierern, während Basel, Zürich mit seiner Flughafenregion und die Region um Luzern zu den Gewinnern gehören.

Mit Blick auf die Logiernächte der ersten zehn Monate zeichnet sich in Graubünden ein Minus von 2,1 Prozent ab, das Wallis verzeichnet 0,7 Prozent weniger Übernachtungen. Die Region Zürich legt hingegen um 1,7 Prozent zu, ein Plus von knapp 3 Prozent verzeichnet die Region Luzern-Vierwaldstättersee. Überflieger Basel kann ein Plus von 3,4 Prozent mehr Übernachtungen ausweisen. Damit setzt sich ein langjähriger Trend fort. In den letzten fünf Jahren hat Zürich um etwa 16 Prozent zugelegt, während Graubünden und das Wallis je etwa 12 Prozent ihrer Logiernächte verloren. Im Jahr 2012 überholte die Region Zürich erstmals Graubünden. 15 Prozent aller Logiernächte wurden 2013 in der Umgebung der Limmatstadt gebucht. Noch 2009 waren es zwei Prozent weniger.

«Zürich und die Flughafenregion profitieren von der Funktion als Wirtschaftszentrum des Landes mit vielen geschäftlichen Übernachtungen», sagt Urs Wagenseil, Professor für Tourismus an der Hochschule Luzern. Andererseits seien dort in den letzten Jahren viele Hotelbetten neu gebaut worden. Ähnliches gelte für andere Städte, wo beispielsweise neue Messeinfrastrukturen und Ausstellungen entstanden seien. Orte, die mehr vom klassischen Geschäft abhängig seien, litten stärker unter der wirtschaftlichen Entwicklung im Euroraum, in Osteuropa oder Russland. So seien die verhaltene wirtschaftliche Situation und die Stärke des Frankens mitschuldig an der Entwicklung in klassischen Tourismusregionen.

«Die Währungssituation mit dem starken Franken hat uns mittelfristig sicher am meisten zu schaffen gemacht», sagt denn auch Gieri Spescha von Graubünden Tourismus. «Wir können noch so gute Qualität produzieren und liefern, gegen währungsbedingte Preisunterschiede von 30 Prozent und mehr ist der Spielraum sehr eingeschränkt.»

Bezogen auf das Jahr 2014 habe ihnen auch die schlechte Witterung einen Strich durch die Rechnung gemacht, da Graubünden nicht auf einen substanziellen Anteil aus wetterunabhängigen Übersee-Märkten zählen könne. Fürs nächste Jahr sei er vorsichtig optimistisch. In Zukunft, so sagt es Spescha, sei aber weiter mit einer Verlagerung hin zu den urbanen Zentren zu rechnen; das bestätige eine Studie des Instituts BAK Basel. «Der boomende Städtetourismus, gepaart mit einem starken Geschäfts- und Kongresstourismus, und der laufende Ausbau von Kapazitäten versetzen die urbanen Zentren gegenüber den Bergregionen in einen deutlichen Wettbewerbsvorteil.»

Optimistisch blickt das Tessin in die Zukunft. Zwar hat auch die italienischsprachige Schweiz in den letzten Jahren deutlich Logiernächte eingebüsst. Aber: Das Tessin steht vor einer Revolution mit dem Namen Alptransit. So sagt es Omar Gisler von Ticino Turismo. Mit dem Gotthard-Basistunnel werde das Tessin zum Naherholungsgebiet des Mittellandes. Das sei eine grosse Chance. Gleichzeitig würden Mailand und Como noch mehr zur direkten Konkurrenz des Tessins. Durch die zeitliche Verkürzung der Reise könnten sich aber auch viele Deutschschweizer überlegen, gleichentags wieder nach Hause zurückzukehren. «Das Tessin muss deshalb unbedingt in die Infrastruktur auch für Schlechtwetterangebote investieren», sagt Gisler. In Lugano öffnet nun im September das Kultur- und Kunstzentrum LAC seine Pforten, welches «vergleichbar mit dem KKL in Luzern» sei. Bereits vor einigen Monaten wurden zudem Wasserparks in Rivera und Locarno eröffnet.

441 Hotels gibt es noch im Tessin, zwischen 1994 und 2014 gingen fast 200 verloren. Andererseits floriert die Immobilienbranche; anstelle von Hotels wurden Ferienwohnungen erstellt. Im Raum Lago Maggiore gebe es 9000 Hotel-, aber 49 000 Zweitwohnungs-Betten, sagt Gisler. Diese zählten aber nicht in die Statistik der Logiernächte. Das Tessin sei denn auch nicht in einer Krise, sondern in einem Strukturwandel: «Viele Betriebe haben investiert und modernisiert und ernten nun die Früchte», sagt er. «Von diesen Hoteliers hören wir nur selten Klagen.»

Dem Tourismusland Schweiz steht ein weiteres hartes Jahr bevor. Er rechne mit einem nur kleinen Wachstum, sagt Tourismus-Professor Urs Wagenseil. «Im Vergleich mit Europa und der Welt dürfte es unterdurchschnittlich ausfallen, die Schweiz verliert also Marktanteile.» In klassischen Tourismusregionen könnte die Negativ-Entwicklung weitergehen. Daran schuld sei einerseits die makro-ökonomische Situation, andererseits schlafe die Konkurrenz nicht. Das touristische Produkt der Schweiz sei gut, aber attraktive Angebote fänden sich mittlerweile auch anderswo. Immerhin: Zumindest in Märkten mit starker Währung punktet die Schweiz. Stand Ende Oktober verzeichnete die Schweiz 6 Prozent mehr Logiernächte von US-Amerikanern und Engländern als im Vorjahr. Nicht zuletzt mögen die Schweizer ihr Land: Sie übernachteten 6,3 Prozent häufiger im eigenen Land – und polierten die Bilanz so etwas auf.

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