VON BEAT SCHMID

In der Nacht auf Dienstag spitzte sich die Lage in den Atomreaktoren von Fukushima dramatisch zu. Erstmals entwich radioaktives Material in grösseren Mengen. Wie der «Sonntag» erfahren hat, sorgte die Katastrophe in Japan für grosse Hektik bei den Verantwortlichen der Schweizer Stromkonzerne Axpo, BKW und Alpiq. Diese drei Firmen betreiben in der Schweiz die Atomkraftwerke Beznau (Axpo), Leibstadt (Axpo, Alpiq), Gösgen (Alpiq) und Mühleberg (BKW). Und sie planen gemeinsam den Bau weiterer AKWs in der Schweiz.

Am Dienstagmorgen glühten die Drähte zwischen Verwaltungsräten der drei Firmen. Wie zuverlässige Quellen berichten, wollte Axpo-CEO Heinz Karrer angesichts der atomaren Katastrophe sofort das Gesuch für den Bau neuer AKWs zurückziehen und am Dienstag die Öffentlichkeit dazu informieren. Doch nach hitzigen Diskussionen gab Alpiq zu verstehen, dass sie bei diesem gemeinsamen Rückzug nicht mitmachen werde. Darauf knickten auch der Axpo Verantwortliche ein. Ein Axpo-Sprecher wollte sich zu den Vorgängen nicht äussern.

Bereits am Montag hatte Bundesrätin Doris Leuthard bekannt gegeben, die Rahmenbewilligungsgesuche für Ersatz-Atomkraftwerke zu sistieren. Offenbar gab es Befürchtungen von Alpiq-Verwaltungsräten, dass der Rückzug der Energiekonzerne in der Öffentlichkeit nicht verstanden würde. «Es gab die Befürchtung, dass die Anti-Atom-Fraktion das als eine scheinheilige Rückzugsaktion interpretieren und entsprechend ausschlachten würde», sagt eine Quelle.

Axpo-Chef Karrer soll es als «unethisch» empfunden haben, weiterhin am Gesuch festzuhalten. Zudem wollte er den Atom-Gegnern keine Munition liefern, falls diese auf die Idee kommen, eine Volksinitiative für ein AKW-Moratorium zu lancieren. Die Atom-Promotoren wiederum stellten sich auf den Standpunkt, dass mit der Sistierung Leuthards bereits genug kommuniziert worden sei.

Interessant sind die offiziellen Verlautbarungen der Stromkonzerne nach dem Sistierungsentscheid: Die Axpo und BWK würden die Sistierung «unterstützen»; Alpiq dagegen nahm den Entscheid lediglich «zur Kenntnis» und sprach bereits von einer Wiederaufnahme des Bewilligungsverfahrens und einer späteren Volksabstimmung.

Ganz anders bei der Axpo. Beim Energiekonzern sei man in seiner Analyse vielmehr zum Schluss gekommen, dass eine Volksabstimmung schlicht nicht zu gewinnen sei, sagt eine Quelle. Zudem würden die Auflagen der Atombehörde Ensi für künftige Kraftwerke derart verschärft, dass die Energiekonzerne ohnehin ein neues Bewilligungsgesuch stellen müssten. Also könne man die Übung gleich abbrechen.

Völlig offen ist, was mit der gemeinsamen Firma Resun AG geschieht, die die Axpo und BKW für die Planung ihrer Ersatzkraftwerke in Mühleberg und Beznau gegründet haben. Auch Alpiq sollte dem Verbund bis Ende März beitreten.

Zumindest war das die Planung bis zum Erdbeben in Japan.
Für die Axpo scheint die Sache vorläufig gelaufen. Doch was tun? Wie aus dem Umfeld des Verwaltungsrats zu hören ist, wird sie bisher geheim gehaltene Alternativszenarien aus der Schublade ziehen. Diese sind: Bau von zusätzlichen zwei bis drei Gaskraftwerken. Bisher ist ein Kraftwerk in Chavalon im Wallis bewilligt.

Zusätzlicher Bau von Pumpspeicherkraftwerken in den Alpen. Die Idee: Während der Nacht sollen die Speicher mit Strom aus Europa gefüllt werden, die Schweiz liefert dann Spitzenstrom während des Tages nach Europa.

Dazu ist ein massiver Ausbau von Hochspannungsleitungen für die Anbindung des Schweizer Netzes mit dem Ausland nötig. Zudem soll über diese Leitungen Strom norddeutscher Windkraftwerke in die Schweiz geleitet werden.

Das Alternativeszenario hat mehrere Haken: Das Parlament beschloss letzte Woche eine CO2-Reduktion von
20 Prozent im Inland. Aktuell stösst die Schweiz 51 Millionen Tonnen CO2 aus. Statt einer Senkung gäbe es eine Erhöhung um schätzungsweise 13 Millionen Tonnen oder 25 Prozent. Zudem müssten die Bewilligungsverfahren rigoros geändert werden.

Heute gibt es langjährige Verfahren mit Einsprachmöglichkeiten von Gemeinden oder Verbänden. Will die Schweiz die Versorgungssicherheit nicht aufs Spiel setzen, muss der Bund neue, die Volksrechte einschränkende Gesetze erlassen.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!