Kein Schweizer Unternehmer hat ein sozialistisches Denkmal auf dem Betriebsgelände. Ausser Peter Spuhler. Eine Bronzetafel aus DDR-Zeiten erinnert auf dem weitläufigen Fabrikareal des Thurgauer Bahnunternehmers im Ostberliner Bezirk Pankow an die Errungenschaften des Proletariats. Drei Segmente der Berliner Mauer stehen vor dem Bürogebäude. Ein Überbleibsel jenes Mauerabschnitts, der zwischen 1961 und 1989 das Werksgelände entzweischnitt.

Mit 1300 Mitarbeitern ist Spuhler einer der Grossen auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt. 2001 begann seine Stadler Rail in Pankow mit 204 Mitarbeitern. Heute sind es sechsmal mehr Beschäftigte. Sie fertigen in vier Werken in und um Berlin Strassenbahnen für den Weltmarkt und Regional- und Schnellzüge für Deutschland.

Schweizer Firmen wie Stadler Rail spielen im Osten Deutschlands eine bedeutende Rolle. Die Schweiz ist hinter den USA jenes Land, das hier am meisten investiert. Konzerne wie ABB, Novartis und Swatch, aber auch viele mittelständische profitieren von den hohen Fördergeldern, tiefen Löhnen und der Nähe zu Osteuropa. Allein in Sachsen, das den Aufschwung mit einer klugen Wirtschaftspolitik am weitesten vorangetrieben hat, sind 118 Schweizer Industriefirmen angesiedelt, die 9000 Jobs bieten.

In Chemnitz beispielsweise, dem früheren Karl-Marx-Stadt, produzieren 235 Mitarbeiter des Schweizer Oerlikon-Konzerns Textilmaschinen, auf denen Chemiefasern hergestellt werden, darunter solche für den Kunstrasen im Berner Stade de Suisse. Zu DDR-Zeiten hiess das Unternehmen VEB Spinn- und Zwirnereimaschinenbau und beschäftigte über 1000 Mitarbeiter.

Doch auf dem freien Weltmarkt war es nicht konkurrenzfähig. «Technologisch hinkten wir den nicht-sozialistischen Ländern 15 Jahre hinterher», sagt Produktionsleiter Ingo Meier. «Unsere Produkte waren im Prinzip tot.»

Alles musste nach der Wende auf Vordermann gebracht werden, von den Produkten über die Fabrikhallen bis zur Vermarktung. Die Technologie wurde eins zu eins vom Mutterwerk in Westdeutschland übernommen. «Bis Mitte der Neunzigerjahre hatten wir schwer zu kämpfen», sagt Meier. Seit 1997 ist das Unternehmen in den schwarzen Zahlen, der Exportanteil stieg auf 75 Prozent.

Wie die Oerlikon-Fabrik ist Chemnitz gegenüber vor zwanzig Jahren nicht wiederzuerkennen. Die Industrie brummt, die einst darniederliegende Altstadt ist saniert, neue Einkaufszentren ziehen Kunden an. Die Arbeitslosenrate ist auf vergleichsweise tiefe 8 Prozent gesunken, seit 2009 steigt nach Jahren des Niedergangs die Bevölkerungszahl. Chemnitz gehört zu den wachstumsstärksten Orten Deutschlands und nennt sich nun stolz «Stadt der Moderne». Nur eine überdimensionierte Marx-Büste erinnert an die DDR.

In der Boom-Town ist auch die St. Galler Industriegruppe Starrag vertreten. 425 Mitarbeiter stellen hier Werkzeugmaschinen für die Auto-, Flug- und Energieindustrie her. Ihre Chemnitzer Firma heisst Heckert, benannt nach einer der wichtigsten Ikonen des deutschen Kommunismus, Fritz Heckert. Statt kommunistischer Losungen des DDR-Regimes hängen in der Fabrik nun Parolen wie «Qualität zahlt sich aus».

Im Gegensatz zu anderen Firmen blühte Heckert schon zu DDR-Zeiten, war einer der Vorzeigebetriebe, der mit seinen 4500 Mitarbeitern auch den Westen belieferte. «Es war ein modernes Unternehmen, das grundsolide Maschinen für die Exportmärkte herstellte», sagt Geschäftsführer Eberhard Schoppe. Das Problem waren jedoch die Absatzmärkte. Die westlichen waren zur Wende noch nicht genügend erschlossen, die osteuropäischen gerieten nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Wirtschaftssystems in die Krise. Heckert befand sich nach der missglückten Übernahme durch eine marode süddeutsche Firma am Rand des Abgrunds.

Dann kam der Schweizer Unternehmer Walter Fust. Er kaufte Heckert und brachte die Firma wieder auf Erfolgskurs. In seiner Ära ist die Mitarbeiterzahl von 190 auf 425 gestiegen. Starrag öffneten sich dank Heckert viele Türen in Osteuropa, Eberhard Schoppe umgekehrt ist froh, «dass Starrag als Schweizer Unternehmen grundsolide finanziert ist», wie er sagt.

Zur Wiedervereinigung versprach der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl den Ostdeutschen «blühende Landschaften». Doch zuerst kam stattdessen der Abschwung, die massenhafte Abwanderung, eine hohe Arbeitslosigkeit. Eberhard Schoppe übt harte Kritik an der Art, wie die Wiedervereinigung vollzogen wurde, nämlich als kalte Übernahme des Ostens durch den Westen. «In der Nachwendezeit war die Tendenz zu stark ausgeprägt, DDR-Firmen an Wettbewerber zu übertragen. Sie wurden zu häufig von den Investoren als verlängerte Werkbank missbraucht.» Die Folge, so Schoppe: «Häufig werden in einem Aufschwung die Mutterstandorte weiter ausgebaut, und im Krisenfall werden die weiter entfernten Standorte eher liquidiert.»

Gerade wegen dieser Erfahrung sind die Schweizer Unternehmer in Ostdeutschland wohlgelitten. Ihre zurückhaltende Art kontrastiert mit dem zuweilen nassforschen Auftreten der Westdeutschen. «Die Schweizer begegnen uns auf Augenhöhe», sagt Jens Weinhold, Oerlikon-Geschäftsleitungsmitglied in Chemnitz. «Das kann man nicht von allen Westdeutschen behaupten.»

Selbst in Mecklenburg-Vorpommern, dem wirtschaftlichen Sorgenkind, ist nun eine zaghafte Re-Industrialisierung zu beobachten. Auch hier drehen Schweizer Unternehmen am Rad. Nestlé hat unlängst den Bau einer Kaffeekapsel-Fabrik bei Schwerin bekannt gegeben. 450 neue Stellen entstehen. Der Aufschwung Ost ist da.

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