Frau Botschafterin, Sie sind seit 100 Tagen in Berlin. Was hat Sie in Ihrem neuen Amt am meisten überrascht?
Christine Schraner Burgener: Es gab nur freudige Überraschungen. Das Verhältnis zwischen Deutschland und der Schweiz ist besser und enger, als ich dachte.

Wie spüren Sie das?
Ich bekomme immer wieder zu hören, dass die Schweiz in vielem ein Vorbild ist. Man lobt die direkte Demokratie und will mehr über sie erfahren. Und natürlich schwärmen viele vom Ferienland Schweiz, wobei ich da oft auf die hohen Preise angesprochen werde: Die Deutschen sind sehr direkt – viele sagen mir, sie könnten sich unser Land nicht mehr leisten und würden jetzt nach Österreich in die Skiferien gehen.

Und dann versuchen Sie, diese Leute umzustimmen?
Sicher! Ich stehe in engem Kontakt mit Schweiz Tourismus. Zurzeit versuchen wir, den Deutschen aufzuzeigen, dass sich die Schweiz auch mit dem Auto wunderbar bereisen lässt. Deutschland ist eine Auto-Nation, und ich fahre inzwischen auch ein deutsches Modell. Allerdings reise ich in Deutschland häufig mit dem Zug zu Terminen, was Staunen auslöst, ebenso, wie wenn ich innerhalb von Berlin das Velo nehme.

Sie sind in offizieller Mission mit dem Velo unterwegs?
Zum Auswärtigen Amt nehme ich manchmal das Velo. Das führt jedoch dazu, dass man mich nicht anhand des Auto-Kontrollschilds identifizieren kann und ich mich dann ausweisen muss. Als ich einmal meinen Ausweis nicht dabei hatte ...

... da wurden Sie abgewiesen?
Nein. Ich habe eine Karte für die Kantine des Bundeskanzleramts, und die genügte. Velofahren sehe ich als Luxus. In Bangkok, wo ich zuletzt sechs Jahre Botschafterin war, wäre das zu gefährlich gewesen.

In Bangkok haben Sie sich die Stelle mit Ihrem Mann geteilt, dieses Job-Sharing sorgte international für Schlagzeilen. Vermissen Sie nun den täglichen Austausch mit Ihrem Mann?
Das Job-Sharing gab es nur am Anfang. In den letzten drei Jahren nicht mehr, da arbeitete mein Mann in Myanmar. Wir lebten zuletzt also räumlich getrennt, darum bin ich froh, dass wir in Berlin wieder am selben Ort wohnen.

Waren Sie in Thailand allein mit Ihren Kindern in der Botschaft?
Ja. Unsere Tochter ist inzwischen 19, unser Sohn wird 17. Es ging gut, aber mein Mann fehlte uns in dieser Zeit schon. Ich habe seit dieser Erfahrung noch mehr Respekt vor Alleinerziehenden.

Alle paar Jahre ziehen Sie als Botschafterin in ein anderes Land. Das ist nicht gerade familienfreundlich.
Wir haben Glück mit unseren Kindern. Die Umzüge haben sie nie gestört. Als Eltern waren wir von unserem Beruf immer begeistert und haben nur positiv davon erzählt, das hat wahrscheinlich abgefärbt. In Bangkok dauerte der Schulweg für die Kinder je nach Verkehr eine oder zwei Stunden, und sie haben nie gejammert.

2010 mussten Sie aus der Botschaft fliehen, als es in Bangkok zu bürgerkriegsähnlichen Szenen kam.
Es fielen Schüsse direkt vor unserer Wohnung. Zugegebenermassen war das für unsere Kinder sehr belastend, der Sohn schlief danach eine Zeit lang schlecht.

Seit Sie in Berlin sind, ist die Flüchtlingskrise das grosse Thema der deutschen Politik. Wie nehmen Sie die Stimmung in der Bevölkerung wahr?
Einerseits ist die Hilfsbereitschaft nach wie vor ausgesprochen gross, andererseits spürt man auch Ängste vor einer Veränderung der Kultur. Vor allem in östlichen Ländern wie Sachsen. Eine Million Flüchtlinge in einem Jahr – das ist schon eine sehr grosse Zahl.

Was bekommen Sie als Schweizer Botschafterin zu hören?
«Ihr habt dieses Problem bei euch ja nicht!», heisst es oft. Ich widerspreche dann. Denn die Schweiz hat schon länger ihre Erfahrungen mit grösserer Anzahl von Asylgesuchstellenden gemacht. Sie hat rund 100 000 Menschen im Asylprozess: Im Verhältnis zur Bevölkerung ist das mit der Million in Deutschland vergleichbar. Die Schweiz hat schon vor drei Jahren Massnahmen ergriffen, die in Deutschland nun auf grosses Interesse stossen.

Welche Massnahmen?
In Deutschland dauern die Asylverfahren sehr lange, die Schweiz hat sie erfolgreich verkürzt und kennt ein 48-Stunden-Verfahren. Das ist das Thema Nummer eins, über das deutsche Politiker mit mir diskutieren wollen. Bundeskanzlerin Merkel persönlich lobte die Schweiz bei ihrem Besuch in Bern.

Vor allem dafür, wie bei uns die Verteilung der Flüchtlinge geregelt ist.
Ja, daher stiess auch unsere Lösung mit den Auffangzentren auf Interesse. Die EU kam dann auf die Idee der sogenannten Hotspots. Deutschland interessiert sich aber auch für die Ausländerintegration. Wenn ich mit Deutschen über diese Themen spreche, staunt man oft, dass wir einen Ausländeranteil von fast 25 Prozent haben.

Das weiss hier kaum jemand?
Das ist den wenigsten bewusst. Manchmal höre ich dann die Antwort: «Ihr bürgert halt sehr zurückhaltend ein.» Worauf ich entgegne, dass der Ausländeranteil sogar bei 33 Prozent läge, wenn man die übrigen Einwohner mit Migrationshintergrund dazuzählen würde. Das erwähne ich auch, wenn ich den Deutschen erkläre, warum die Masseneinwanderungsinitiative angenommen wurde.

Deutschland hat nun seine Asylpolitik verschärft, etwa gegenüber den Afghanen. Wie wird sich das auf die Schweiz auswirken?
Zwei Tage nach der Ankündigung Deutschlands wurden in der Schweiz bereits mehr Flüchtlinge aus Afghanistan registriert. Die Informationen verbreiten sich wegen der Smartphones und der sozialen Medien äusserst schnell. Doch es wird sich auch die Tatsache schnell herumsprechen, dass die Schweiz sehr schnelle Asylverfahren kennt und nicht grosszügiger ist als Deutschland.

Wie erklären Sie sich Angela Merkels Offenherzigkeit und ihre Willkommens-Signale?
Persönlich glaube ich, dass sie aus Menschlichkeit so gehandelt hat. Vielleicht hängt das mit ihrer eigenen Geschichte und Herkunft zusammen.

Die Kanzlerin gilt als kalkulierend und nicht als emotional.
Sie macht auf mich den Eindruck einer rationalen und gefühlsbetonten Frau.

Diese Woche wurde Merkel vom US-Magazin «Time» zur «Person des Jahres» gewählt. Was zeichnet diese Frau aus?
Angela Merkel wirkt auf mich total geerdet und mit sich im Reinen. Wer mit sich im Reinen ist, hat die Kraft, fast alles zu bewältigen. Diesen Eindruck macht sie auf mich. Und mir scheint, dass sie sich nicht zu oft aufregt, sondern Kraft aus dem Positiven schöpft.

Aber steht die Kanzlerin, wenn es in Brüssel um die Masseneinwanderungsinitiative geht, auf der Seite der Schweiz?
Bei ihrem Besuch in der Schweiz kam sie mir als Freundin der Schweiz rüber, oder wie sie selber so schön gegenüber unserer Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga gesagt hat, als «Schwester». Natürlich wird es ihr in erster Linie um den Schutz der Interessen Deutschlands und der EU gehen, nämlich das Prinzip der Personenfreizügigkeit nicht anzutasten. Wir hoffen aber auf eine konstruktive Unterstützung Deutschlands bei der Lösungsfindung.

Das ist der springende Punkt: Die Interessen der Schweiz und Deutschlands EU widersprechen sich, wenn die Masseneinwanderungsinitiative umgesetzt werden soll.
Nicht zwingend. Deutschland müsste sehr wohl ein Interesse an einer Lösung haben: Die Schweiz ist ein wichtiger Handelspartner und zweitwichtigste Investorin in der EU, und jeden Tag kommen 56 000 deutsche Grenzgänger in die Schweiz. Wir sind in vielerlei Hinsicht miteinander verflochten – wirtschaftlich, aber auch zum Beispiel in der Bildung, Forschung und Energie.

Der Bundesrat schlägt als Kompromiss eine Schutzklausel vor. Kommt diese in Deutschland durch?
Das kann man noch nicht abschätzen. Der Bundesrat versucht sein Bestes, um den Volkswillen umzusetzen und gleichzeitig die bilateralen Verträge mit der EU zu erhalten.

Damit Sie in Berlin Ihren Beitrag dazu leisten können, müssen Sie sich vernetzen. Wie tun Sie das?
Die Strukturen und Zuständigkeiten sind in Deutschland relativ einfach zu verstehen; in Thailand war die Einarbeitung viel schwieriger. Ich habe mit meinem Team eine Liste mit den 200 wichtigsten Persönlichkeiten zusammengestellt, die ich treffen muss. Nun bin ich fast durch (lacht).

Welche Namen stehen auf dieser Liste?
Minister, Staatssekretäre, Vertreter der Länder, Abteilungsleiter im Auswärtigen Amt, Bundestagsabgeordnete, Parteipräsidenten, Wirtschaftsvertreter. Ich besuchte auch mehrere Bundesländer, Grenzkantone und natürlich unsere Generalkonsulate in Stuttgart, München und Frankfurt.

Neben der Migration bleibt die Fluglärmverteilung ein Hauptproblem der deutsch-schweizerischen Beziehungen. Wann wird es endlich gelöst?
Man wartet jetzt die Wahlen in Baden-Württemberg vom März ab. Ziel ist es, dass man wieder miteinander redet. Bern möchte den Staatsvertrag nicht wieder öffnen. Ich sprach bereits mit Ministerpräsident Kretschmann, und ich werde Waldshut und Jestetten besuchen – vielleicht auch dort übernachten, um zu hören, ob es wirklich so schlimm ist mit dem Lärm. Mein Elternhaus steht in der Anflugschneise im Kanton Zürich, daher weiss ich auch, dass das Lärmempfinden sehr subjektiv ist. Letztlich sehe ich meine Rolle als Brückenbauerin. Die Politik wird in Bern gemacht.

Dort ist Verkehrsministerin Doris Leuthard zuständig. Sie haben mit ihr in Zürich zusammen Jus studiert. Sind Sie befreundet?
Ja, es ist in all den Jahren eine tiefe Freundschaft entstanden.

Stehen Sie sich auch politisch nahe?
In vielem, ja, auch wenn wir in anderen Parteien sind. Ich bin Mitglied der SP. Für mich spielt die Partei im Beruf aber keine Rolle. Ich vertrete die Schweiz und bin keine Politikerin.

Warum sind Sie dann Parteimitglied?
Ich trat der SP zu einer Zeit bei, als ich nur 50 Prozent berufstätig war und mich für eine politische Tätigkeit in der Stadt Bern interessierte. Daraus wurde dann allerdings nichts, weil ich bald meinen Traumjob angeboten bekam: Ich wurde stellvertretende Chefin der Direktion für Völkerrecht.

Ihr Vorgänger in Berlin, Tim Guldimann, ist seit kurzem SP-Nationalrat. Sie sind 52 – dieser Weg stünde auch Ihnen noch offen.
Das kann ich mir nicht vorstellen. Mein Beruf gefällt mir zu gut. Aber ich habe nie einen nächsten Schritt geplant, das hat sich immer ergeben.

Die SVP wirft den Schweizer Diplomaten vor, unser Land in die EU führen zu wollen. Stimmt das in Ihrem Fall?
Nein. Meine persönliche Haltung darf keine Rolle spielen, denn ich vertrete das, was der Bundesrat will. Der EU-Beitritt ist heute kein Thema. Persönlich habe ich auch keine Mühe damit, das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative zu erklären. Das ist Teil meines Berufes.

Ihr Beruf ist eine Männerdomäne, die Schweiz hat nur 17 Botschafterinnen. Woran liegts?
Die Frauen holen langsam auf. Als Micheline Calmy-Rey Aussenministerin wurde, rekrutierte sie beim diplomatischen Nachwuchs zu 50 Prozent Frauen. Das wirkt sich mit einer zeitlichen Verzögerung aus.

Didier Burkhalter hat die Frauenquote aber wieder abgeschafft.
Eine Quote gab es ja nie. Seit 2013 wurden jeweils mehr Frauen als Männer rekrutiert, und auch 2016 werden sieben Frauen und fünf Männer ihre diplomatische Ausbildung beginnen. In zehn Jahren werden wir in den oberen Chargen der Diplomatie ein ziemlich ausgeglichenes Verhältnis haben.

In Ihrer Botschaft müsste man schon fast eine Männerquote einführen: Sie haben eine Stellvertreterin, und die Abteilungen Politik, Medien, Wirtschaft und Handel sowie die Kanzleiabteilung werden von Frauen geleitet.
Das habe ich nicht so geplant, sondern ist eher Zufall. Aber als ich in Bern gearbeitet habe, habe ich auch bewusst Männer im Sekretariat engagiert (lacht).

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