Es geht mir schlecht», sagt Walter Bosch. Einen Tag nach der Urteilsverkündung des Berner Wirtschaftsstrafgerichts spricht Bosch am Telefon mit ruhiger, besorgter Stimme. Der Schock über das Urteil – ungetreue Geschäftsbesorgung beim Krankenversicherer KPT – wirkt nach. Bosch wurde eine Freiheitsstrafe von 36 Monaten auferlegt, 30 davon sind bedingt und 6 weitere müssen vollzogen werden.

«Mit diesem Ausgang habe ich nie und nimmer gerechnet. An mir wird ein Exempel statuiert», sagt der 71-Jährige. Das Gericht wolle offensichtlich ein Zeichen setzen in der Diskussion um gierige Manager und Verwaltungsräte. Leider habe sich der Fall zum Höhepunkt der Abzockerdebatte ereignet. «Aber in mir haben sie das falsche Exempel. Ich habe nie illegal gehandelt.»

Der Fall: Im Jahr 2010 scheiterte die Fusion der KPT mit der Sanitas. Walter Bosch war Verwaltungsratspräsident und gleiste ein Rückkaufsprogramm von Mitarbeiteraktien auf, das dem Management und dem Verwaltungsrat der KPT hohe Renditen gesichert hätte. 2012 wurden Bosch und sein Vize, Bernhard Liechti, von der Finanzmarktaufsicht angezeigt. Sie hatte festgestellt, dass sich die KPT-Verwaltungsratsmitglieder in unzulässiger Weise bereichert hätten, wenn die Fusion erfolgreich gewesen wäre. Bosch und Liechti hätten je rund 1,7 Millionen Franken kassiert. Die Finma auferlegte Bosch und Liechti ein vierjähriges Berufsverbot.

Für Bosch ist die erstinstanzliche Verurteilung der Tiefpunkt einer bis dahin schillernden Karriere in drei Akten.

> 1. Akt – Bosch, der Journalist: 1965 startete der damals 20-jährige Walter Bosch seine Karriere im Journalismus. Zuvor hatte er sein Studium in Betriebswirtschaftslehre und Nationalökonomie abgebrochen. Als Kulturreporter der mittlerweile verschwundenen Zeitung «Neue Presse» verdiente er 2100 Franken im ersten Monat. Von da an ging es steil aufwärts. Mit 23 Jahren wurde er Feuilletonchef der «Weltwoche», mit 25 Jahren Chefredaktor der Frauenzeitschrift «Annabelle». 1978, im Alter von 34 Jahren, erfolgte die Krönung zum Chef des «Blicks», dann auch der «Schweizer Illustrierten» und schliesslich der Einzug in die Ringier-Geschäftsleitung.

> 2. Akt – Bosch, der Werber: 1987 gründete er die Agentur Bosch & Butz und avancierte zum Branchenstar und Unternehmer. Der «Werber des Jahres 1994» musste sich nicht mehr wie im Journalismus nur um Zeilen kümmern, sondern auch um Finanzen. Der Verkauf der Agentur 1998 an den englischen Starwerber Frank Lowe brachte Bosch und seinem Partner geschätzte 10 Millionen Franken ein.

> 3. Akt – Bosch, der Verwaltungsrat: Als 2001 die Swissair ihr Grounding erlebte, beobachtete Bosch das Drama aus der Ferne. 2003 wurde er in den Verwaltungsrat der Nachfolger-Airline Swiss berufen. Schon vorher hatte er Swiss-Chef André Dosé als Berater unter die Arme gegriffen. 2004 wurde er als Vizepräsident zweitstärkster Mann der Airline. Zudem ergatterte sich Bosch Sitze in den Kontrollorganen von Firmen wie Cablecom, Good News oder Star TV. Das Geld, das er als Werber gescheffelt hatte, investierte er in Start-ups. Im Silicon Valley kaufte er mit Musiker und Yello-Gründer Dieter Meier den Mischpult-Hersteller Euphonix. 2007 erfolgte die Wahl in einen weiteren Verwaltungsrat – in jenen der Berner Krankenkasse KPT.

In all den Jahren hat sich Bosch einen illustren Freundeskreis aufgebaut. Dazu zählen Verleger Michael Ringier, Thomas Held, der ehemalige Chef des Wirtschafts-Think-Tank Avenir Suisse, und insbesondere Ex-SP-Bundesrat Moritz Leuenberger. In Porträts wird Bosch als charmant, aber unnahbar beschrieben, als hervorragender Netzwerker, der gerne im Rampenlicht steht. In einem «Bilanz»-Artikel sagte Dieter Meier einst über seinen Geschäftspartner: «Er bewahrt eine entwaffnende Ruhe auch in schwierigen Situationen und lässt sich nicht von Emotionen leiten.»

Die gloriosen Zeiten sind vorbei. «Das Einzige, was mich jetzt aufrechterhält, ist mein Umfeld, meine Freunde und meine Familie», sagt der in Thalwil ZH lebende Bosch, der verheiratet ist und zwei erwachsene Töchter hat. «Nach dem Schuldspruch habe ich viele besorgte Anrufe erhalten von Freunden, die sich mit mir solidarisch zeigen.»

Boschs Anwälte haben Berufung eingelegt und ziehen das Urteil ans Obergericht weiter. «Ich kämpfe für mein Recht und meinen Ruf», sagt Bosch. Er droht als erster grosser Schweizer Wirtschaftsvertreter in die Geschichte einzugehen, der hinter schwedische Gardinen muss.

Wirtschaftsrechtsprofessor Peter V. Kunz spricht von einem «einmaligen Urteil». Dass das Gericht ein Exempel statuieren wollte, glaubt er nicht. Dafür sei Bosch schlicht zu unwichtig. «Er ist kein Dougan oder Ospel.» Wahrscheinlicher erscheine ihm, dass die Richter sich davon beeinflussen liessen, dass es bei der KPT um eine Krankenkasse ging. «Dabei wären nicht nur Aktionäre, sondern auch Leistungsempfänger geschädigt worden.»

Kunz stellt auch fest, dass sich die Stimmung zu Themen wie der Entschädigung von Verwaltungsräten und Managern verschärft habe. «Noch vor zehn Jahren wären Bosch und Liechti möglicherweise mit einem milderen Urteil davongekommen.» Bosch sagt, er sei zur KPT-Zeit stets von einer Heerschar von Rechtsberatern umgeben gewesen. «Auch deshalb bin ich mir absolut keiner Schuld bewusst.»

Gerichtspräsidentin Barbara Lips sah es anders. Walter Bosch habe seine Bedeutung masslos überschätzt und aus egoistischen Gründen gehandelt. Es sei den beiden Herren darum gegangen, «sich selber zu bereichern». Die Tatsache, mit welcher Nonchalance mit Geldern einer Krankenkasse umgegangen wurde, sei «erschreckend».

Mildernd sei, dass beide nicht vorbestraft sind, sagte Lips. «Aber Reue zeigen sie nicht.»

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper