Der Traum von der grossen Freiheit platzte in Wallisellen. Der Zürcher Zeltbauer und Outdoor-Händler Spatz bedeutete für Pfadfinder und Camping-Freaks Abenteuer. Ende Januar ging er in Konkurs – ein Jahr nach dem Umzug vom Zürichberg an den Stadtrand. Der starke Franken und die ausbleibende Laufkundschaft machten dem Traditionsgeschäft den Garaus.

Der Aufschrei ist gross, denn in einem Spatz-Zelt erlebten Tausende Pfadi ihre erste Nacht in der freien Natur, und so mancher Begossene eines verregneten Campingsommers fand unter dem Baumwolldach der Zürcher Firma Zuflucht. Nur wenigen muss man darum erklären, dass ein Spatz-Zelt aus einem über Aluminiumstangen gespannten rehbraunen Baumwollstoff besteht, der, einem Hausdach ähnlich, ein weisses Innenzelt schützt.

Das Spatz-Zelt sieht nicht nur aus wie aus den 30er-Jahren. Die Schnittmuster haben sich tatsächlich kaum verändert, seit Hans Behrmann mit Pfadi-Kollegen die ersten Zelte schneiderte. Für den Eigenbedarf. Die Gruppe nannte sich nach ihrer Abteilung «Sparta-Zelt-Fabrik». Der Begriff «Fabrik» war damals ein Jux, der aber ein paar Jahre später ernsthaft umgesetzt wurde. Behrmann kaufte 1935 seinen Kollegen Stoffbahnen, Faden und Schnüre für 200 Franken ab und machte sich selbstständig. Er hatte nach einem Auslandaufenthalt keine Stelle gefunden. Aus dem Pfadi-Spin-off wurde nach und nach tatsächlich eine Fabrik.

In den 60er-Jahren sassen bis zu zehn Frauen an Nähmaschinen im Obergeschoss des Spatz-Ladens an der Hedwigstrasse 25 am Fuss des Zürichbergs, erinnert sich Richi Vogel, der zu dieser Zeit dort eine kaufmännische Lehre machte. «Vor dem Laden parkierten am Samstag Autos mit Berner und Walliser Nummern.» Spatz lockte aus der ganzen Schweiz Kundschaft an. Grund dafür war das Aufkommen der Campingbewegung. Zeltbauer gab es nicht viele. «Und an die Spatz-Qualität kam niemand heran», ist Vogel bis heute überzeugt. Seine Mutter vernähte Zelte in Heimarbeit.

Als Lehrling Vogel in den 1980er-Jahren in die Geschäftsleitung aufrückte, waren die goldenen Jahre für die Spatz-Zelte bereits vorbei. In Asien produzierte Nylon- und Polyesterzelte unterboten die Preise der von der Alustange bis zum Baumwolltuch in der Schweiz gefertigten Spatz-Zelte um ein Vielfaches. «Deutsche Zeltbauer liessen sich von uns beraten, bevor sie in Asien bestellten», erinnert sich Vogel. An der Beratung verdienten die Zürcher nichts. Die Konkurrenz von Marken wie Jack Wolfskin oder Vaude aber spürten sie. Das war typisch Spatz. Die Zeltbauer waren mehr Pfadi als Kapitalisten. «Wichtiger als das Kapital sind die Menschen, die für das Unternehmen arbeiten», hiess der erste Grundsatz im Spatz-Leitbild.

Tatsächlich musste man beim Anblick des Hauses an der Hedwigstrasse 25 an die Utopie des englischen Frühsozialisten Robert Owen denken: Im Erdgeschoss der Laden, im Obergeschoss die Produktion – und das Kapital besitzen die Arbeiter. Es fehlte nur noch die Wohnkommune. 1989 wandelte Gründer Behrmann das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft um. Pro Dienstjahr gab es eine Aktie, der Rest kam in einen Pool. Als er zehn Jahre später starb, ging sein Anteil an die Firma über.

Der Niedergang hatte da schon begonnen. Ratterten in den 1960er-Jahren noch zehn Nähmaschinen gleichzeitig, waren es jetzt nur noch fünf. Längst verkaufte Spatz neben den Zelten und Schlafsäcken aus Eigenproduktion auch importierte Artikel, vom Campingstuhl bis zum Eispickel. Flaggschiff blieb aber das Spatz-Zelt. Kunden schwören, dass sie 50 Jahre halten. Dafür hatten sie ihren Preis. Ein Zelt für acht Personen kostete über 2000 Franken. Diesen Preis leisteten sich vor allem Pfadi-Gruppen, welche die Zelte über Jahrzehnte nutzten und instand hielten.

Die Pfadi und der Spatz gehörten zusammen wie Marge und Homer Simpson, bis im Jahr 2008 die Firma Hajk, die der Pfadibewegung Schweiz gehört, das Spatz-Zelt kopierte und 500 Franken billiger anbot. Der starke Franken und die Konkurrenz im Outdoor-Geschäft mögen dem Spatz die Kassen gelehrt haben. Die Spatz-Kopie aus holländischem Stoff, genäht in Tschechien, hat ihm das Herz gebrochen.

Der Rest war freier Fall. Ein neuer Geschäftsführer kam und ging . Zuletzt verkauften die Mitarbeiter ihre Firma. Käufer Marc Jansen gab dem Spatz ein neues Logo, zog mit Laden und Produktion um nach Wallisellen und überwarf sich mit langjährigen Mitarbeitern. Die Aufhebung des Mindestkurses durch die Nationalbank vor einem Jahr schoss den schon trudelnden Spatz ab.

Nun, nach dem Konkurs, steigt die Nachfrage. Der Verkauf von Spatz-Zelten sei um 20 Prozent gestiegen, sagt Flaviano Medici von Hajk, der das Orginal noch immer führt. Die Nostalgiker kaufen sich das letzte Stück Freiheit aus Baumwolle und Aluminium.

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