Eine Woche nachdem bekannt wurde, dass der US-Industrieriese General Electric die Energiesparte des französischen Elektrotechnikkonzerns Alstom übernehmen will, schaltet sich der Bundesrat ein. Er will verhindern, dass die drei Standorte Baden, Birr und Oberentfelden im Kanton Aargau unter die Räder geraten.

Diese Befürchtung wird genährt durch die weitreichenden Versprechungen, die General-Electric-Chef Jeffrey Immelt am Dienstag in einem Brief an den französischen Staatspräsidenten François Hollande gemacht hat. Darin schreibt er, die Mitarbeiterzahl in Frankreich werde nach der Übernahme steigen, «speziell im Bereich der hoch qualifizierten Ingenieure und in der Produktion». Den Alstom-Geburtsort Belfort, wo General Electric bereits eine Dampfturbinenfabrik betreibt, will Immelt zum Europa-Hauptsitz des thermischen Kraftwerksgeschäfts machen. Zudem würden die Hauptsitze für die vier Geschäftsbereiche Dampfturbinen, Wasserkraft, Stromnetze und Windkraft in Frankreich angesiedelt und die bestehenden Zentren für Forschung und Entwicklung in Nancy und Grenoble ausgebaut.

Für die Schweiz bedeutet das nichts Gutes. Immelt verliert kein Wort darüber, wie es mit dem weltweiten Hauptsitz für thermische Kraftwerke weitergehen soll, der sich heute in Baden befindet. Von dort wird fast die Hälfte des gesamten Konzernumsatzes gesteuert. Gefährdet sind auch das Forschungszentrum in Baden und die Produktionsstandorte in Birr und Oberentfelden, wo insgesamt fast 6400 Mitarbeiter beschäftigt werden, darunter 2300 Ingenieure.

Im Bundeshaus und im betroffenen Kanton Aargau leuchten die Alarmlampen. Denn Alstom ist für den Industriestandort Schweiz einer der wichtigsten, im Aargau sogar der grösste private Arbeitgeber. In einem Vorstoss, den er am Montag einreicht, fordert deshalb der Aargauer SP-Nationalrat Max Chopard den Bundesrat dazu auf, sich mit einer aktiven Industriepolitik für den Erhalt von Arbeitsplätzen einzusetzen und nicht nur zuzuschauen, wie sich der französische Staat für Stellen und Standorte in Frankreich starkmacht.

Damit rennt Chopard offene Türen ein. Gemäss Recherchen hat Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann diese Woche persönlich bei Alstom interveniert. Und zwar bei seinem Vor-Vorgänger Joseph Deiss, der seit einem Jahr als Verwaltungsratspräsident von Alstom Schweiz amtet. Alstom bestätigt die Gespräche. «Bundesrat Schneider-Ammann ist es wichtig, dass die Spitzentechnologie in der Schweiz bleibt», sagt sein Sprecher Ruedi Christen.

Der Aargauer Volkswirtschaftsdirektor Urs Hofmann intervenierte ebenfalls bei Deiss. Er sagt: «Wir sind in sehr intensivem Kontakt mit Alstom und Bundesrat Schneider-Ammann. Weitere Kontakte zu Alstom erfolgen in den nächsten Tagen in Absprache mit dem Bund.»

Die Schweizer Politiker wollen aber nicht nur bei Alstom anklopfen, sondern auch direkt bei General Electric. «Wir wollen General Electric in den nächsten Wochen aufzeigen, dass eine Verlegung von Baden nach Frankreich mit enormen Risiken und Kosten verbunden ist», sagt Hofmann. Eine Verlagerung von Arbeitsplätzen von der Schweiz nach Frankreich wäre in der Tat nicht einfach zu bewerkstelligen, da das ganze Knowhow, das ursprünglich von Brown Boveri aufgebaut wurde, im Aargau konzentriert ist. Zudem würde die Zusammenarbeit mit ABB in Baden gekappt: Dort läuft ein grosses Forschungsprojekt für neue Stromspeicherarten. In die Waagschale geworfen werden soll auch die Nähe zu den Zürcher Universitäten.

Bei den Rettungsbemühungen nimmt Alt-Bundesrat Joseph Deiss offenbar eine zentrale Rolle ein. Dass ausgerechnet in dieser heissen Phase ein ehemaliger Aussen- und Volkswirtschaftsminister und Präsident der UNO-Vollversammlung Alstom Schweiz präsidiert, könnte sich als Glücksfall erweisen. Kaum ein Schweizer Wirtschaftsvertreter ist auf dem politischen Parkett besser vernetzt als Deiss. Er ist perfekt bilingue, hat damit einen guten Draht zu Frankreich. Spätestens seit seiner Zeit als Dozent an der Universität Cambridge kennt der ehemalige Volkswirtschaftsprofessor aber auch das angelsächsische Wirtschaftsgebaren.

Innerhalb des Alstom-Konzerns hat Deiss einen gewichtigen Fürsprecher für den Standort Schweiz. Im Verwaltungsrat von Alstom Schweiz sitzt Philippe Cochet, der Chef der thermischen Kraftwerkssparte. Er dürfte sich dafür starkmachen, dass an der Brown-Boveri-Strasse in Baden, wo Cochet arbeitet, nicht die Lichter ausgehen. Zunutze machen dürfte sich Deiss auch, dass er zusammen mit Laurent Dassault im Verwaltungsrat von Kudelski sitzt. Dieser ist der Sohn des Industriellen und Politikers Serge Dassault – und der wiederum verfügt über beste Kontakte zu General Electric.

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