VON PATRIK MÜLLER

Sein Umzug von Bayern in die Schweiz löste 2003 in Deutschland ein mittleres Erdbeben aus. Theo Müller musste sich «Steuerflüchtling» schimpfen lassen, weil er auswanderte, um der Erbschaftssteuer zu entkommen. Sogar der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder schaltete sich ein. Der inzwischen 70-Jährige liess sich in Erlenbach am Zürichsee nieder, in einer Traumvilla mit Blick in die Alpen – mit seiner Ehefrau und zwei seiner insgesamt neun Kinder.

Doch Anfang 2009 folgte der Schock: Das Zürcher Stimmvolk schaffte die Pauschalsteuern ab. Deshalb müssen nun rund 140 reiche Ausländer im Kanton ganz normal Steuern zahlen. Vor der Abstimmung hatte Theo Müller mit dem Wegzug gedroht: «Vielleicht müsste ich dann nach Schwyz umziehen», sagte er der «SonntagsZeitung».

Gemäss Recherchen des «Sonntags» liess der erfolgreiche Unternehmer – er baute die Firma seines Vaters von 4 auf 4500 Mitarbeiter aus – mögliche Standorte im Kanton Schwyz prüfen. Doch jetzt entschied er sich, in Erlenbach zu bleiben. Offiziell äussern mag sich seine Pressestelle zu dieser «Privatangelegenheit» nicht. Der knappe Kommentar von Firmensprecher Alexander Truhlar: «Es waren die Medien, die dauernd über einen möglichen Wegzug spekulierten.»

Warum bleibt Müller nun doch? Zusammen mit Steuerberatern der Firma KPMG fand er eine Lösung, sodass die Goldküstengemeinde auch ohne Pauschalierung für ihn ein Steuerparadies bleibt. «Theo Müller zahlt nun sogar noch weniger Steuern als vorher», sagt ein Vertrauter zum «Sonntag» und fügt hinzu: «Alles ist ganz legal.»

Wie ist dies möglich? Bei KPMG will man sich mit Berufung auf das Steuergeheimnis nicht äussern. Der Gemeindeschreiber von Erlenbach, Hans Wyler, sagt: «Bei Steuerzahlern dieser Kategorie macht der Kanton die Einschätzung. Aber es ist klar, dass solche Leute gute Steuerberater haben, und gerade bei Holdings gibt es legale Wege, die Steuern zu optimieren.»

Ein Grund für das Steuerwunder von Erlenbach könnte darin liegen, dass Theo Müller sich aus dem operativen Tagesgeschäft seines Unternehmens zurückgezogen hat – und deshalb wohl keinen Lohn mehr bezieht. Allerdings: Auch Dividenden gelten als Einkommen, und Müller hält nach wie vor 100 Prozent der Anteile seines Unternehmens. Dividenden werden aber zu einem tieferen Satz besteuert als der Lohn.

Hinzu kommt ein zweiter Grund, der bislang in der Debatte über Pauschalsteuern kaum beachtet wurde: Deren Abschaffung bezieht sich in Zürich nur auf die Gemeinde- und Kantonssteuern. Die stark progressive direkte Bundessteuer hingegen – faktisch eine Reichtumssteuer – kann von Ausländern weiterhin umgangen werden. Das gilt auch für (Dividenden-)Einkommen. Robert Huber, Medienbeauftragter des Kantonalen Steueramts Zürich, bestätigt: «Im Kanton Zürich ist bei der direkten Bundessteuer die Pauschalbesteuerung weiterhin möglich.»

Ein Fragezeichen indes bleibt: die Vermögenssteuer. Die Zeitung «Welt» schätzt Müllers Vermögen auf rund 2 Milliarden Franken. Auf einem solchen Vermögen müssen in Erlenbach 11 Millionen Franken Steuern bezahlt werden. Im schwyzerischen Wollerau wären es nur 2,1 Millionen. Es bleibt rätselhaft, wie man in Erlenbach dieses «Problem» lösen kann.

Theo Müller ist nicht der Einzige, der Zürich treu bleibt. Bloss 10 bis 15 Prozent der 140 pauschalbesteuerten Ausländer zogen bis Ende September weg, wie Recherchen zeigen. Im Abstimmungskampf malten FDP- und SVP-Politiker das Schreckgespenst einer «Massenabwanderung reicher Ausländer» an die Wand.

Doch Robert Huber vom Steueramt sagt: «Einen Exodus haben wir bisher nicht festgestellt.» Für eine definitive Bilanz sei es aber noch zu früh. Denn bis zum 31. Dezember 2010 sei es für Pauschalbesteuerte, die innerhalb der Schweiz umziehen, noch möglich, ihren alten Wohnsitz zu behalten.

Theo Müller nimmt derweil zunehmend am Zürcher Wirtschaftsleben teil. So besucht er regelmässig Veranstaltungen des Liberalen Instituts. Kürzlich outete er sich in der «NZZ» als geläuterter Anhänger der direkten Demokratie: Er sei Volksabstimmungen anfangs skeptisch gegenübergestanden. Allerdings habe er festgestellt, dass die Schweizer Form der Demokratie besser funktioniere, als vermutet habe, sagte er. Müller, so scheint es, hat das Pauschalsteuer-Votum des Zürcher Volks nach anfänglichem Ärger verkraftet.


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