Am Mittwoch ab 10.45 Uhr kommt es im Kongresshaus von Biel zum Showdown: Der grösste US-Stimmrechtsberater Institutional Shareholder Services (ISS) und die Schweizer Anlagestiftung Ethos empfehlen den Swatch-Aktionären, den gesamten Verwaltungsrat abzuwählen. Dem Antrag schliessen sich der Zuger Vermögensverwalter Z-Capital und die Schweizer Aktionärsgruppe Actares an.

«Wir lehnen die Wiederwahl des Verwaltungsrats ab», bestätigt Ethos-Direktor Dominique Biedermann gegenüber der «Schweiz am Sonntag». «ISS stimmt ebenfalls dagegen. Es kommt sehr selten vor, dass ISS gegen einen gesamten Verwaltungsrat stimmt.»

Die US-Stimmrechtsberaterin vertritt gewichtige institutionelle Investoren wie Pensionsfonds und Versicherungen. Viele von ihnen stimmen so ab, wie es ISS empfiehlt. Ethos vertritt 144 Schweizer Pensionskassen und Stiftungen, die mehr als eine Million Personen versichern. Sie folgen üblicherweise der Abstimmungsempfehlung der Stiftung. Die Anlagefonds der Raiffeisen-Gruppe übernehmen jeweils ebenfalls automatisch die Parole von Ethos, also auch im Fall von Swatch.

Die ungewohnte Kritik der Aktionäre an der erfolgreichen Hayek-Familie entzündet sich an der Zusammensetzung des Verwaltungsrates und dem Wahlmodus. Ethos, ISS, Actares und Z-Capital stören sich daran, dass sich der Verwaltungsrat nicht einzeln, sondern nur als Ganzes der Wiederwahl stellt. Damit werde der Aktionärswille verfälscht, sagen die Chefs von Z-Capital und Actares, Gregor Greber und Roby Tschopp.

«Swatch ist eines der letzten Unternehmen, bei dem der Verwaltungsrat nur en bloc gewählt werden kann», sagt Biedermann. Die Einzelwahl sei in fast allen Ländern Standard und werde mit dem Ja zur Abzocker-Initiative sowieso obligatorisch. «Es ist unglaublich, dass Swatch das nicht von sich aus macht.»

Wäre die Einzelwahl möglich, würden Ethos und Z-Capital Konzernchef Nick Hayek aus dem Verwaltungsrat abwählen. Sein Doppelmandat ist ihnen ein Dorn im Auge. Ethos ist zudem gegen die Wiederwahl der Grossaktionärin Esther Grether, da sie mit 77 Jahren zu alt sei, und von Lindt-Chef Ernst Tanner. Nach 18 Jahren im Swatch-Verwaltungsrat sei er nicht mehr unabhängig.

Ethos und Z-Capital loben Swatch zwar ausdrücklich für den grossen Geschäftserfolg, üben aber scharfe Kritik an der mangelnden Unabhängigkeit des Verwaltungsrates, der damit seine Aufsichtsfunktion nicht ausfüllen könne. Für Z-Capital sind Verwaltungsratspräsidentin Nayla Hayek, Konzernchef Nick Hayek und Esther Grether als grösste Aktionäre nicht unabhängig. Sie könnten aber mit dem Stichentscheid der Präsidentin alle Entscheide kontrollieren.

Für Ethos sind sogar fünf von sechs Mitgliedern nicht unabhängig, nebst Nayla Hayek, Nick Hayek, Esther Grether und Ernst Tanner auch der ehemalige Astronaut Claude Nicollier. Er betreut die Testflüge von Bertrand Piccards Solar Impulse, die von der Swatch-Tochter Omega massgeblich finanziert wird. Dominique Biedermanns Fazit: «Die Unabhängigkeit des Verwaltungsrats ist nicht gegeben.» Einzig den ehemaligen Nationalbankdirektor Jean-Pierre Roth erachtet er als wirklich unabhängig.

Ethos rügt auch, dass Swatch keine detaillierten Resultate von ihren Generalversammlungen veröffentlicht, sondern nur das Ergebnis (Ja oder Nein). Swatch sei eine der wenigen Grossfirmen, die noch keine elektronische Abstimmung kennen, sondern mit Handerheben abstimmen lassen. Bis vor ein paar Jahren wurde sogar per Akklamation gewählt.

Ethos bemängelt zudem, dass Swatch als einzige SMI-Firma keine konsultative Abstimmung zum Vergütungsbericht durchführt. «Swatch ist der letzte, der sich weigert», sagt Dominique Biedermann. Als Verwaltungsratspräsidentin bezog Nayla Hayek im vergangenen Jahr eine Gesamtentschädigung von 3,7 Millionen Franken, Nick Hayek erhielt als Konzernchef 6,2 Millionen.

Swatch schert sich wenig um die Kritik. Standards, wie sie von Ethos vertreten werden, dienten nur dazu, den Fonds und Pensionskassen das Leben zu erleichtern, sagte Nick Hayek vor einem Jahr der «Schweiz am Sonntag».

Den aufmüpfigen Aktionären geht es ohnehin nicht darum, zu gewinnen, sondern ein Signal zu setzen. Denn sie wissen: Ihre Chancen an der Generalversammlung sind gering, da der Pool der Familie Hayek und die Gruppe von Esther Grether zusammen 48,4 Prozent der Stimmen kontrollieren. Sie dominieren damit die restlichen Aktionäre nach Belieben, obwohl sie nur 27,1 Prozent aller Aktien besitzen. Dominique Biedermann hofft auf einen Achtungserfolg: «Zusammen mit ISS können wir sicher 15 bis 20 Prozent Nein-Stimmen mobilisieren.»

Die «Schweiz am Sonntag» konfrontierte Swatch am Freitagnachmittag mit der Kritik der Aktionäre. Das Unternehmen nahm keine Stellung.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!