Geld ist so billig wie noch nie. Die Europäische Zentralbank hat ihren Zinssatz inzwischen auf 0,5 Prozent gesenkt. Und auch in der Schweiz rechnet keiner mit einem grösseren Ansteigen der Zinsen. Nach einem kurzen Anstieg Anfang Jahr sind diese zwischenzeitlich wieder gefallen. Gerade mal 0,02 Prozent beträgt der dreimonatige Libor und zehnjährige Bundesobligationen liegen bei tiefen 0,76 Prozent.

Profiteure dieser Situation sind die Hausbesitzer. Sie bezahlen für Hypotheken so wenig wie noch nie und können auf ein Jahrzehnt mit besten Konditionen zurückblicken. Zwischen 2000 und 2010 wurden denn auch 242 000 neue Eigenheime gebaut, wie Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen. Das Plus an Mietwohnungen war mit 140 000 deutlich tiefer, obwohl es in der Schweiz mehr Mieter als Hauseigentümer gibt. Die Genossenschaftswohnungen haben sogar um 13 000 abgenommen.

Das prägt. Die Schweiz wandelt sich zunehmend vom Sonderfall des Landes der Mieter zu einem Markt wie in anderen Ländern auch. Zwischen 1990 und 2010 ist der Anteil der Eigenheime in der Schweiz von 31,1 auf 36,8 Prozent angestiegen (siehe Grafik), der Anteil der Mieter sank gleichzeitig auf 55,8 Prozent ab (den Rest bilden unter anderem Genossenschaften). Bis heute dürfte sich die Mieterquote weiter an 50 Prozent genähert haben, hat sich die Bautätigkeit von Eigentumswohnungen doch noch verstärkt. Aktuelle Zahlen aus Basel bestätigen diesen Trend. Im EU-Schnitt beträgt die Wohneigentumsquote 60 Prozent.

Die Banken werben weiter teilweise aggressiv um Kunden. Zwar nehmen sich einzelne Akteure wie die Grossbanken und die früher sehr aktive Migros-Bank inzwischen offenbar etwas zurück, und die Raiffeisen-Gruppe hat mit ihrer Zinserhöhung zumindest ein Signal gesetzt (siehe Bericht auf Seite 30). Und doch gibt es weiter Institute, die auch grössere Risiken eingehen. Jüngst falle etwa die Bank Linth mit gewagten Offerten auf, sagt ein Banker aus der Innerschweiz. Im Internet buhlen zudem zahlreiche Banken mit Rekordsätzen um Kundschaft. Die grössten Billigheimer sind die Basellandschaftliche Kantonalbank (via Swissquote) und die Glarner Kantonalbank (via Hypomat.ch).

Der Boom hat seine Schattenseiten: Eine davon ist das Risiko, das sich in den Bilanzen der Banken auftürmt. Inzwischen vergeht kaum mehr ein Monat, in dem die Nationalbank nicht warnt. Unlängst mahnte SNB-Vize Jean-Pierre Danthine im «SonntagsBlick» davor, dass 40 Prozent der neu ausgestellten Hypotheken in Schieflage gerieten, sobald die Zinsen wieder auf mehr als 5 Prozent ansteigen. Was heute nach viel tönt, war noch bis Mitte der Neunzigerjahre der Normalfall. 1992 kostete eine durchschnittliche Hypothek 7,2 Prozent.

Eigentlich müsste die Nationalbank das Wachstum längst über höhere Zinsen stoppen. Doch ihr sind die Hände gebunden, seit sie den Schweizer Franken faktisch an den Euro gekoppelt hat. Würde sie die Zinsen anheben, würde der Franken derart attraktiv, dass sie gegen eine Aufwertung ankämpfen müsste. Und so wurde die für die Exportwirtschaft entworfene Frankenstabilisierung zum Eigenheim-Förderprogramm.

Zwar versucht der Bund, das Hypothekenwachstum zu bremsen, indem er den Banken vorschreibt, mehr Eigenkapital zur Finanzierung der Hypotheken zu verwenden. Bisher hat die Ankündigung dieses «antizyklischen Kapitalpuffers» aber offenbar wenig gefruchtet.

Die Verlierer sind die Mieter. Weil in den vergangenen Jahren vor allem Eigenheime gebaut wurden, hat sich das Angebot an Mietwohnungen verknappt. Die starke Zuwanderung und ein Trend zu grösseren Wohnungen für immer weniger Bewohner haben die Situation noch verschlimmert. In Zürich liegt die Leerstandsquote bei Mietwohnungen schon seit langem nahe bei null. Die Stadt ist voll vermietet.

Doch der Bundesrat sieht keinen Bedarf für Massnahmen zugunsten der Mieter, wie sie von linken Parteien gefordert werden. Er hat Mitte Mai mitgeteilt, man sei auf Kurs. Etwas mehr Förderung für die Genossenschaften versprach Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann (FDP). Und mehr «Dialog» mit den Kantonen. Ansonsten wolle man keine Eingriffe in den Markt. Er sprach dem Hauseigentümerverband aus der Seele. Auch dieser hält von Eingriffen «genau nichts», wie Direktor Ansgar Gmür betont. Das Problem sei nicht, dass es in der Schweiz zu wenig Wohnungen gebe, sondern dass alle in den Städten wohnen wollten, sagt er. «Schon im Zürcher Oberland hats genug freie Wohnungen.» Doch die Leute seien zu wenig mobil.

Balthasar Glättli, Grünen-Nationalrat und Vorstandsmitglied des Zürcher Mieterverbandes, will indes nicht aufgeben und fordert, weiter Druck auf den Bundesrat auszuüben. Eine Notstandsregelung solle da wirksam werden, wo der Markt nicht mehr spiele, weil der Leerstand wie in Zürich zu tief sei. Auch Glättli weiss: Wenn es so weitergeht, machen Mietwohnungen bald die Minderheit aus.

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