Abrupte Abgänge bei Media-Markt

Beim deutschen Elektronik-Riesen herrscht Unruhe. Der Länderchef geht nach nur einem Jahr. Weitere Filialleiter folgen. Die bisherige Nummer 1 im Schweizer Markt liegt neu nur noch an dritter Stelle.


Zurzeit wird in der Schweizer Elektronikbranche heftig getuschelt. Die Frage, die sich alle stellen: Was ist los bei Media-Markt? Nachdem bekannt wurde, dass in vielen Filialen der Umsatz eingebrochen ist, ist nun auch klar, dass mehrere hochrangige Geschäftsführer und Teilhaber das Unternehmen verlassen oder verlassen mussten.

Prominentester Abgang ist Gerhard Aerni. Er gilt hierzulande als Pionier. Schliesslich hat er vor 18 Jahren den deutschen Multimedia-Riesen in die Schweiz gebracht und seither das Geschäft in Dietlikon ZH geführt. Er sass auch im Verwaltungsrat der Media- Markt Zürich AG, zu der die drei anderen Zürcher Filialen in Winterthur, Dietikon und Sihlcity gehören. Im Gegensatz zu anderen Geschäften konnten die Zürcher Märkte ihren Umsatz gegenüber 2010 aber leicht steigern. Umso überraschender ist sein Abgang.

«Der Sonntag» weiss von verschiedenen Quellen: Aerni musste seinen Arbeitsplatz Knall auf Fall räumen. Aerni bestätigt die Trennung. Zum Grund will er sich nicht äussern, sagt nur: «Dietlikon war jahrelang der weltweit erfolgreichste Media-Markt.» Als Geschäftsführer und Verwaltungsrat war er auch Teilhaber. «Meinen Anteil am Geschäft habe ich abgegeben.»

Geschäftspartner spekulieren nun, weshalb es zum abrupten Bruch gekommen ist. «Ich kann mir gut vorstellen, dass man beim Hauptsitz in Ingolstadt das firmenweite System noch stärker durchsetzen wollte», sagt ein Lieferant gegenüber dem «Sonntag». Ein anderer Elektronikpartner vermutet, dass Aerni gezwungen wurde, Kosten zu sparen: «In Dietlikon hat es relativ viele Angestellte. Gut möglich, dass man in Deutschland von Aerni verlangte, Stellen zu streichen und er sich weigerte.» Aerni wird als «Gutmensch» im knallharten deutschen Discount-System bezeichnet.

Auch in der umsatzstarken Filiale in Dietikon ZH kommt es zum Wechsel. Filialleiterin Kyra Arnold nimmt nach mehreren Jahren bei Media-Markt den Hut. Und in den vergangenen Wochen gingen auch die Leiter der Berner Filialen in Muri und Lyssach. Öffentlich kommuniziert wurde vor einigen Tagen bereits der Abgang von Länderchef Thomas Keil, der die Schweiz nach nur einem Jahr wieder verlässt.

Konzernsprecherin Séverine de Rougement bestätigt alle Abgänge. Beim Fall von Gerhard Aerni spricht sie von «strategischen Differenzen» und einer Trennung «in gegenseitigem Einvernehmen». Kyra Arnold sei «auf eigenen Wunsch gegangen», genauso wie die Leiter in Muri und Lyssach. Auch hätten die fünf Abgänge, inklusive Länderchef Keil, nichts miteinander zu tun. Dass diese allesamt in den vergangenen Wochen über die Bühne gingen, sei Zufall. Von einer strategischen Neuausrichtung will die Sprecherin nichts wissen.

Doch Tatsache ist: Der ehemalige Branchenprimus schrumpft. Der Gewinn sank um 11,5 Prozent auf 28 Millionen Franken. Setzte man 2010 noch 1,038 Milliarden Franken um, waren es im letzten Jahr nur noch 914 Millionen. Damit liegt Media-Markt mit seinen 21 Filialen hinter Fust und Interdiscount, die beide zu Coop gehören, nur noch an dritter Stelle – und das, obwohl auch die Konkurrenz wegen des starken Preiszerfalls Umsatz einbüsste.

Die sechs relativ neuen Saturn-Geschäfte, die wie Media-Markt zum deutschen Handelsriesen Metro (Gesamtumsatz: 66,7 Milliarden Euro) gehören, schrieben gar einen Verlust von 20 Millionen Franken. Trotzdem will man an der äusserst expansiven Strategie vorerst festhalten. Bis Ende 2015 sollen bis zu 18 neue Media-Markt- und Saturn-Filialen gebaut werden.

Grund für den Umsatzrückgang ist nebst den vielen Preissenkungen von Flachbildschirmen, DVDs oder Waschmaschinen vor allem die Online-Konkurrenz. Die Kundschaft kauft zunehmend günstig im Internet ein. Zwar trägt das Online-Verkaufsvolumen erst zirka 8 Prozent zum gesamten Detailhandelsumsatz von jährlich rund 120 Milliarden Franken bei. Doch gemäss einer Studie der Universität St. Gallen gab die Schweizer Kundschaft 2010 im Internet 50 Prozent mehr aus als zwei Jahre zuvor – Tendenz stark steigend.

In der Schweiz konnte vor allem der Onlinehändler Digitec viele Kunden ins Netz locken. Auch Brack, Conrad und die Coop-Tochter Microspot machen den stationären Händlern das Leben schwer. Letztere reagieren mit eigenen Onlineshops. So bietet Media-Markt seit eineinhalb Jahren auf mediamarkt.ch ein beschränktes Sortiment an. Doch gerät der Händler bei der Preisgestaltung in einen Konflikt, da die Preise im Internet generell oft tiefer als in der Filiale sind.

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