Mark Branson soll das Spitzenamt bei der Berner Behörde nicht interimistisch übernehmen, sondern permanent leiten. So ist es der Wille des Verwaltungsrats und der Geschäftsleitung der Finma, wie die «Schweiz am Sonntag» erfahren hat. Branson hat einen gewichtigen Fürsprecher: den auf Ende Januar abtretenden Finma-Direktor Patrick Raaflaub. Er hat Branson zur Finma geholt und machte ihn später zu seinem Stellvertreter. Und jetzt soll er nach Raaflaubs Vorstellungen sein Nachfolger werden.

Wie Insider berichten, wusste Raaflaub um die Amtsmüdigkeit der Finma-Präsidentin Anne Héritier Lachat. Kurz vor Weihnachten entschied sich Raaflaub, der Präsidentin zuvorzukommen und selbst die Finma zu verlassen. Sein Kalkül ging auf: Héritier Lachat wird bis Ende 2015 im Amt bleiben müssen, um Kontinuität zu gewährleisten. Vor einer Woche schrieb die «NZZ am Sonntag», dass die Präsidentin vorzeitig aus dem Amt scheiden wolle. Die Meldung wurde von der Finma dementiert. Ein Sprecher: «Es gibt keine Pläne der Finma-Präsidentin, vor 2015 zurückzutreten.»

Wäre die Genfer Professorin vorzeitig zurückgetreten, hätte umgekehrt Raaflaub noch mindestens zwei Jahre bleiben müssen. Dabei hätte er sich mit einer neuen Präsidentin oder einem neuen Präsidenten arrangieren müssen, der oder die ihm genauer auf die Finger geschaut und alle Zeit der Welt gehabt hätte, nach einem neuen Direktor Ausschau zu halten. Branson ins Amt zu hieven wäre ungleich schwieriger gewesen.

Der Bundesrat kann das Spiel durchkreuzen. Die der Finanzbranche nahestehende Zeitung «Finanz & Wirtschaft» berichtete am Samstag, wonach dem Bundesrat ein Vorschlag des Finma-Verwaltungsrats, Branson zu wählen, bereits vorgelegt worden sei. Wie aus dem Innern des Finanzdepartements zu hören ist, ist dies falsch. Es wird ein ordentliches Wahlverfahren durchgeführt. Die Stelle dürfte ausgeschrieben werden, valable Kandidaten werden ein branchenübliches Assessment durchlaufen. Auch Branson muss sich dem unterziehen.

Doch die Zeit drängt. In der jetzigen Zeit bleibt dem Bundesrat praktisch keine andere Wahl als Branson. Der Brite steckt tief in den Dossiers drin. Gerade jetzt, wo der Steuerstreit mit den USA in die entscheidende Phase eintritt, sorgt Branson für Kontinuität. Bis sich ein Externer in das Thema eingearbeitet hat, dürfte mindestens ein Jahr verstreichen – Zeit, welche den Banken fehlt.

Im Bundesparlament sind die Meinungen geteilt. Branson punktete durch gute Auftritte in Parlamentskommissionen. Aber es gibt grundsätzliche Einwände. «Ein Ausländer an der Finma-Spitze kommt nicht infrage», sagt der Zuger SVP-Nationalrat Thomas Aeschi. Er fordert: «Der Bundesrat muss ein klares Bekenntnis zu einem Schweizer oder einer Schweizerin abgeben.» CVP-Ständerat und Wirtschaftspolitiker Pirmin Bischof (SO) sieht ein weiteres Handicap: «Die Libor-Geschichte.» Während seiner Zeit bei der UBS war Branson in Japan, wo unter seiner Aufsicht Händler den Libor-Zinssatz manipuliert hatten. Nationalrat Daniel Vischer (Grüne, ZH), Vizepräsident der Finanzkommission, sagt: «Ich habe Branson nichts vorzuwerfen. Aber schon der Umstand, dass er bei der Libor-Untersuchung gegen die UBS in den Ausstand musste, zeigt, dass er nicht Chef werden kann. Der Anschein, er sei nicht ganz unabhängig, haftet zu sehr an ihm. Und der Anschein ist manchmal entscheidend.»

Anders sieht es Ruedi Noser (FDP, ZH), Präsident der nationalrätlichen Wirtschaftskommission. «Die Fähigkeiten bringt Branson sicher mit.» Er könne schaffen, was Gebot der Stunde sei: «Die Finma war bisher Raaflaub. Jetzt muss sie zu einer Institution werden wie die Nationalbank.» Es brauche aber «gleichzeitig einen Verwaltungsrat, der eine aktivere Rolle als bisher spielt». Heute setzt sich der Finma-VR mehrheitlich aus älteren Branchenvertretern zusammen.

Wer könnte Branson herausfordern? Von verschiedenen Seiten wird Daniel Roth genannt, Chefjurist im Finanzdepartement von Eveline Widmer-Schlumpf (BDP). Zuvor arbeitete Roth acht Jahre lange bei der Finma, zuletzt als Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung. Aber Roth ist für gewisse Kreise ein No-Go. «Roth ist sicher einer der potenziellen Kandidaten», sagt SVP-Nationalrat Aeschi. «Ich hoffe aber nicht, dass er Raaflaub-Nachfolger wird.» Er glaubt, Raaflaub könne wegen Roth das Handtuch geworfen haben. «Möglicherweise wollte er nicht mehr immer ausführen, was vom EFD kam. Widmer-Schlumpfs Chefjurist Roth spielte dabei eine starke Rolle. Von ihm kamen all die überregulierenden, fast eins zu eins von der EU übernommenen Gesetzesentwürfe.»

Zufall oder nicht, Roths Name wurde kürzlich öffentlich havariert: Ehemalige Finma-Leute, unter ihnen Roth, haben eine Strafanzeige wegen Amtsmissbrauch am Hals, hinter der Zuger SVP-Kreise stehen (die «Schweiz am Sonntag» berichtete). Der «Blick» publizierte Anfang Januar einen Artikel dazu, nannte aber nur den Namen von Roth. Und liess den Chefbeamten gar nicht erst zu Wort kommen. Sicher ist: Bei der Raaflaub-Nachfolge wird mit harten Bandagen gekämpft.

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