Cevian hielt sich monatelang bedeckt. Diese Woche legte die schwedische Investmentgesellschaft ihre Position erstmals in den Medien offen. ABB soll ihre Stromnetzsparte abspalten und an die Börse bringen. Die Forderung erhielt sofort Unterstützung von den Investmentfonds Artisan und Nordea, weitere Grossaktionäre. ABB, die grösste Schweizer Industriegruppe, würde nach ihrem Willen zerschlagen.

Jetzt begründet Cevians Managing Direktor Lars Förberg erstmals im Detail die Forderungen. «Wenige Unternehmen, wenn überhaupt welche, waren in den letzten Jahren erfolgreich, indem sie sich breit aufgestellt haben», sagt Förberg. Dagegen gebe es viele Beispiele, wie Unternehmen durch Fokussierung gute Resultate lieferten. «In der Schweiz waren beispielsweise die Spin-offs von Autoneum, Givaudan und Syngenta grosse Erfolge.»

Autoneum war 2011 von einer Investorengruppe um die Industriellen Michael Pieper und Peter Spuhler aus dem Mischkonzern Rieter herausgetrennt worden. Syngenta entstand im Jahr 2000 – der Pharmakonzern Novartis brachte damit sein Agrogeschäft an die Börse. Givaudan war ein Jahr zuvor von Roche abgespalten worden, der Pharmakonzern wollte sich auf den Gesundheitssektor konzentrieren.

Für Förberg liegen die Stärken fokussierter Unternehmen auf der Hand. «Heutzutage scheint es offensichtlich zu sein, dass Unternehmen so effizienter betrieben werden können.» Die akademische Literatur und Fallstudien würden dafür reichlich Evidenz liefern. «Ein Spin-off reduziert die Verwaltungskosten, erhöht die Transparenz und schafft flinkere Unternehmen.» Diese seien in einer besseren Position, um rasch neue Chancen für Wachstum zu ergreifen und neue Wettbewerber in die Schranken zu weisen.

Ein Klassiker der Managementlehre
ABB ist in Förbergs Augen schon fast das klassische Beispiel eines Konzerns, dem eine Abspaltung guttäte. «ABBs Struktur ist zu komplex und ist – wie gut das Management auch arbeitet – zu schwierig zu führen.» Dies hätten die letzten acht Jahre gezeigt, in denen die betriebliche Leistung von ABB und insbesondere der Stromnetzsparte schwach gewesen sei. Ein häufiges Gegenargument, es gebe Synergien zwischen der Stromnetzsparte und dem Rest von ABB, lässt Förberg nicht gelten.

«Gäbe es relevante Synergien, hätte ABB in der Vergangenheit eine bessere Leistung abgeliefert als die Konkurrenten – was eindeutig nicht der Fall war.» Auch hätte das ABB-Management unter der Führung von CEO Ulrich Spiesshofer dann niemals eine zwölfmonatige Überprüfung angeordnet, so Förberg. «Das Management hätte die Stromnetz-Sparte bereits vor einem Jahr gut genug gekannt, um eine Abspaltung auszuschliessen.» Darum gebe es keinen Zweifel, dass die Investoren einen Spin-off begeistert begrüssen würden.

Unter Finanzanalysten hält sich die Begeisterung bislang jedoch in Grenzen. Dass mit einem Spin-off grosser Mehrwert geschaffen würde, wollen viele nicht glauben. Dass ABB seit 2011 an der Börse schwächer als die Konkurrenz abgeschnitten habe, liege nicht an einer zu komplexen Struktur. Zudem spiele die «Energie-Revolution» dem ABB-Management in die Hände, schreiben etwa die Analysten von Barclays. «Ohne grosse Investitionen in Stromnetze wird es keine Energie-Revolution geben.» Allerdings spiegeln die Analysten-Meinungen wohl auch die Auseinandersetzung zwischen Cevian und dem ABB-Management wider. Cevian-Chef Förberg trat gemäss Branchenkennern auch deshalb an die Öffentlichkeit, weil das ABB-Management erfolgreich die Analysten mit seiner Sichtweise bearbeitet habe.

Mit seinen Forderungen erhöht Förberg den Druck auf ABB. Dessen Verwaltungsrat kommt nächste Woche zusammen, auch die strategische Überprüfung der Stromnetzsparte soll traktandiert sein. Förberg sagt dazu, es habe viele Spekulationen über die Haltung von Cevian zur strategischen Überprüfung gegeben. «Wir dachten, es wäre hilfreich, wenn wir unsere Position erklären würden.»

ABB hält sich alles offen
Branchenkenner gehen davon aus, dass das ABB-Management die aktuellen Synergien zwischen der Stromnetzsparte und der Rest-ABB sehr wohl kennt. So könne ABB beispielsweise alles anbieten, um Bohrinseln mit Elektrizität zu versorgen. Dieses Komplettangebot verhelfe dem Konzern immer wieder zu Grossaufträgen über dreistellige Millionenbeträge.

Nach einer Aufspaltung falle dieser Wettbewerbsvorteil weg. «Mit der strategischen Überprüfung will das Management vielmehr abschätzen, wie diese Synergien in fünf oder zehn Jahren aussehen werden», sagt ein Kenner. Dafür müssten auch industrielle Trends analysiert werden. ABB selber hält sich alles offen. «Wie wir immer gesagt haben, werden wir ein Update der strategischen Überprüfung an unserem Kapitalmarkttag geben», sagt ein Sprecher. «Alle Optionen werden geprüft.»

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