VON YVES DEMUTH UND YVES CARPY (TEXT) UND CHRIS ISELI (BILDER)

Frau Staiblin, Sie sind ziemlich genau seit fünf Jahren Chefin von ABB Schweiz. Wie erlebten Sie diese Zeit?
Jasmin Staiblin: Die Aufgabe bei ABB Schweiz habe ich mit viel Respekt angetreten. Meine Arbeit ist sehr facettenreich, und ich sehe mich jeden Tag mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Deshalb habe ich jeden Tag Freude an meinem Job.

Neben Ihrem Schreibtisch liegt Ihr Bauhelm. Wie oft sind Sie unterwegs?
Ich bin oft und gerne unterwegs bei unseren Kunden oder an unseren verschiedenen Produktionsstandorten. Und wenn ich dann im Büro bin, sind ständig Leute bei mir, die etwas besprechen möchten. (lacht)

Treffen Sie heute Ihre Entscheidungen anders als zu Beginn?
Ich hoffe sehr, dass ich Entscheidungen anders treffe, sonst wäre ich stehen geblieben. Jeder Entscheid ist anders, und jedes Mal werde ich um eine Erfahrung reicher.

Auf was legten Sie Ihren Fokus?
Als ich anfing, war China der grösste Einzelmarkt von ABB Schweiz. Hätte ich damals gesagt, die Schweiz werde China in fünf Jahren ablösen, wäre ich dafür wohl ausgelacht worden. Heute ist tatsächlich die Schweiz unser grösster Einzelmarkt! Von Beginn weg habe ich auf die Bearbeitung des Heimmarkts gesetzt, wo wir heute rund 20 Prozent des Umsatzes erzielen. Das ist doppelt so viel wie vor fünf Jahren.

Was freute Sie als Chefin besonders?
Die Investitionen von 150 Millionen Franken in die Halbleiterfabrik in Lenzburg, die Produktionserweiterung für Turbolader in Klingnau oder die neue Montagehalle in Zürich Oerlikon waren Höhepunkte. Die funkelnden Augen der Mitarbeiter in diesen neuen Werkstätten freuen mich jedes Mal. Sehr erfreulich ist auch, dass wir das Auftragsvolumen nachhaltig um eine Milliarde gesteigert haben und über 1000 Mitarbeiter mehr beschäftigen als im Jahr 2005.

Welcher Entscheid war rückblickend der schwierigste?
Die Restrukturierung in der Krise. Es war dabei wichtig, dass wir nicht nur eine konsequente Entscheidung treffen über das Was, sondern auch über das Wie. Denn die Entscheide betreffen rund 200 Menschen, das prägt einen.

Wie hat ABB Schweiz die Krise überwunden?
Unsere zwei Hauptsparten bewegen sich unterschiedlich schnell. Im frühzyklischen Industrie- und Automationsbereich haben wir schon in der ersten Jahreshälfte 2010 einen starken Anstieg gespürt. Im ganzen Energiebereich, der traditionell spätzyklisch reagiert, braucht es noch Geduld.

Welche Bereiche könnten 2011 von einem Personalaufbau in der Schweiz profitieren?
Die Bahnsparte zum Beispiel. Da profitieren wir unter anderem von der Partnerschaft mit Stadler Rail: mit unserem Traktionszentrum in Genf und mit der Leistungselektronik in Turgi. Auch das Minen-Geschäft, wo wir in der Schweiz innerhalb des Konzerns das Kompetenzzentrum haben, zieht mit den steigenden Rohstoffpreisen wieder an.

Müssen Sie wegen der hohen Staatsverschuldung in Europa Sparprogramme fürchten?
Es ist kein Geheimnis, dass die Industrieländer in ihre Netzinfrastruktur investieren müssen, die oft schon 40 bis 50 Jahre alt ist. Aber 2010 war davon noch wenig zu spüren. Zum Teil rühren die Verzögerungen auch von Gesetzesänderungen her.

Wie bei der Netzgesellschaft Swissgrid, die erst 2013 in den Besitz der Übertragungsnetze der Schweizer Stromkonzerne kommt?
Zum Beispiel. Der Investitionsbedarf ist anerkannt, aber bis die Eigentümerschaft des Netzes definitiv an Swissgrid übergegangen ist, sind die Investitionen blockiert. Ich bin aber zuversichtlich und erwarte die Investitionen in den nächsten Jahren.

ABB will vom Boom der Erneuerbaren Energien profitieren. Wie?
Für die Einbindung der erneuerbaren Energien ist es wichtig, dass die Netzinfrastruktur dafür bereitsteht. Die Windkraftwerke in der Nordsee brauchen die Pumpspeicherkraftwerke in der Schweiz als Batterien Europas. Beide müssen aber miteinander verbunden werden.

Sind Sie für Zusatzaufträge gerüstet? ABB hat in der Schweiz 200 Mitarbeiter abgebaut.
Wir sind auf einen Wirtschaftsaufschwung vorbereitet. Unsere hoch qualifizierten Fachkräfte haben wir auch in der Krise an uns binden können. Angenommen, die Auftragseingänge würden um eine Milliarde Franken zunehmen, könnten wir das stemmen. Personal können wir in der Schweiz sehr schnell aufbauen.

Also werden Sie die abgebauten 200 Stellen wieder aufbauen?
So einfach ist das nicht. Wir überlegen uns sehr genau, wo wir Stellen aufbauen.

Spürt ABB Schweiz bereits, dass asiatische Firmen Ihre Fühler nach Europa ausstrecken?
Im Energiesektor drängen neu koreanische, japanische und bald auch chinesische Konkurrenten auf den europäischen Markt. Diese wollen in die etablierten Märkte expandieren. Preise und Margen bleiben unter Druck. Deshalb müssen wir immer abwägen, welche Komponenten wir besser an unseren ABB-Standorten in Osteuropa beziehen.

Stehen Sie in Konkurrenz zu osteuropäischen ABB-Standorten?
Nein, wir haben schon vor Jahren gewisse Produktionslinien nach Osteuropa verschoben. Denn wenn man etwas schützen will, ist man irgendwann nicht mehr wettbewerbsfähig. Heute profitieren wir von der frühzeitigen Verlagerung. Rückblickend zeigt sich, dass die Schweiz und Osteuropa ähnlich stark gewachsen sind. Denn wir haben nicht nur verlagert, sondern auch im grossen Stil in den Standort Schweiz investiert.

Sie haben Ende 2008 entschieden, 150 Millionen Franken in eine neue Halbleiter-Fabrik in der Schweiz zu investieren. Seither ist der Franken zum Euro von 1.50 auf 1.30 gefallen. Würden Sie die Fabrik heute in China bauen?
Der Entscheid war der richtige, denn man darf solche Investitionen nicht nur vom Wechselkurs abhängig machen. Sehr viele andere Faktoren spielen mit wie Know-how, die Nähe zu unserem Forschungszentrum in Dättwil und auch zu den Bereichen, wo die Leistungshalbleiter in die Produkte eingebaut werden.

Wie belastet Sie der starke Franken?
Durch die Frankenaufwertung hat sich der Druck erhöht, mehr im Euroraum einzukaufen. Zudem müssen wir wettbewerbsfähig bleiben, damit der Kunde weiterhin bei uns einkauft. Für uns ist dies eine Chance, noch effizienter zu werden. Normalisiert sich der Kurs wieder, sind wir noch besser aufgestellt als zuvor.

Haben Sie den Preisdruck an Ihre Lieferanten weitergegeben?
Ja, wir haben Preise mit Zulieferern nachverhandelt und damit sicher auch einen Teil des Wettbewerbsdrucks weitergeben können.

Kommt der Werkplatz Schweiz wegen des starken Frankens unter Druck?
Der Werkplatz Schweiz ist immer unter Druck, und das tut uns gut. Aufgrund der hohen Kosten müssen wir in der Schweiz immer zwei Schritte voraus sein. Das sehe ich positiv, weil wir ständig neue Technologien oder Produkte entwickeln und die Mitarbeiter weiterbilden müssen.

ABB ist ein Spezialist für Energieeffizienz, Übertragungsleitungen und erneuerbare Energien. Kann man durch Investitionen in diesen drei Bereichen auf neue Atomkraftwerke verzichten?
Als Brückentechnologie sind Kernkraftwerke notwendig. Im Moment können wir nicht auf sie verzichten. ABB entscheidet aber nicht, in was investiert wird. Wir haben Technologie und Know-how für jede Art von Stromerzeugung – für Kernkraft-, Wind-, Solar-, Laufwasser-, Kohle- oder Pumpspeicherkraftwerke. Ich gehe davon aus, dass man in alle diese Kraftwerktypen weiter investieren wird.

Themenwechsel: Deutschland diskutierte heftig über die Einführung einer Frauenquote. Braucht es diese?
Es ist gut, dass diese Debatte geführt wird. Wenn durch die Quotendiskussion qualifizierte Frauen in Verwaltungsräte berufen werden, hat sie geholfen. Dabei ist aber sehr wichtig, dass man das Leistungsprinzip ins Zentrum stellt.

Eine Frauenquote lehnen Sie ab?
Ich bin kein Freund von Quoten. Die Qualifizierung muss entscheiden und nicht eine Quote – egal, was für eine. Zu Recht wehren sich viele Frauen gegen eine Quote.

Begrüssen Sie Frauen-Fördermassnahmen von Unternehmen?
Ja, bei ABB organisieren sich Kaderfrauen in einem selbst definierten Rahmen. Man sollte so etwas nicht verordnen, jedoch ein Arbeitsklima schaffen, in dem eine Kaderfrauenorganisation entstehen kann.

Wie hoch ist der Frauenanteil bei ABB?
Der Frauenanteil bei ABB Schweiz liegt bei rund 17 Prozent, auf Kaderstufe sind es rund 6 Prozent. Ein Grund hierfür ist unser hoher Anteil Mitarbeiter mit naturwissenschaftlichem Hintergrund. Denn in Europa und insbesondere in der Schweiz ist der prozentuale Anteil von Frauen eher tief, die solche Ausbildungen abschliessen.

Wie kann man das Interesse von Frauen am Ingenieurberuf stärken?
Eine Begeisterung für Technik kann bereits im frühen Alter geweckt werden. Deswegen führen wir in unseren elf ABB-Kinderkrippen monatliche Techniktage durch. Wir möchten als Unternehmen selber Vorbild sein und nicht nur von Politikern Massnahmen fordern. Deshalb fördern wir in unseren Krippen auf spielerische Art die Technikbegeisterung – und das kommt bei den Kindern unheimlich gut an.

Und nach der Krippe?
Danach hängt vieles von der Technikbegeisterung der Lehrer ab. Zusätzlich braucht es aber auch Vorbilder. Die Diskussion um Energieeffizienz, nachhaltigen Energieverbrauch oder neue erneuerbare Energien interessiert junge Menschen zweifellos. Ich hoffe, dies schlägt sich in einer grösseren Technikbegeisterung nieder.

Der Arbeitgeberverband bezeichnete gemischtgeschlechtliche Teams als «erfolgreicher». Teilen Sie diese Meinung?
Ja, aber ich würde dies nicht auf das Geschlecht reduzieren, sondern die Altersstruktur und die Nationalitäten einbeziehen. Solche gemischte Teams sind erfolgreicher. Dahinter stehe ich zu 200 Prozent. Sie sind leistungsfähiger, weil sie sich komplementieren und andere Ansichten ermöglichen. Bei uns arbeiten 80 verschiedene Nationalitäten, und dies ist extrem bereichernd.

Kennen Sie das polemische Buch «Die Feigheit der Frauen» von Bascha Mika?
Nein, nur schon der Titel würde mich abschrecken.

Die Ex-Chefredaktorin der linken Tageszeitung «TAZ» schrieb im Zusammenhang mit der Diskussion über Frauenquoten, die Frauen seien selbst schuld am geringen Frauenanteil in der Geschäftswelt. Sie würden sich lieber um Kinder als ihre Karriere kümmern.
Für mich braucht es immer zwei zum Tango – immer und in allem. Man muss bereit sein, und es muss sich eine Chance ergeben. Das gilt für Mann und Frau. Ich masse mir kein Urteil an – weder über Frauen, die wegen Kindern ihre Karriere aufgeben, noch über berufstätige Mütter. Jede Familie soll selbst darüber entscheiden. Und ich sage bewusst Familie und nicht Frau. Denn so eine Entscheidung betrifft alle.

Ihre Familienplanung war ein öffentliches Thema. Können Sie dies nachvollziehen?
Ich finde es «köstlich», dass man sich in der ganzen Debatte um Frau, Kind und Führungspositionen so viel Gedanken darüber macht, ob nun jemand eine Krippe oder ein Kindermädchen in Anspruch nimmt. Aber ich verstehe auch, dass sich die Gesellschaft mit diesen Fragen beschäftigt. Denn die Gesellschaft befindet sich in einem Umbruch.

Was für ein Familienbild haben Sie?
Ich will mir nicht ein Urteil darüber anmassen, für welches Berufs- und Familienleben sich ein Mann oder eine Frau entscheiden. Am Schluss muss es für das berufliche und familiäre Umfeld sowie das Kind selbst stimmen. Niemand kennt die Kinder besser als die Eltern. Nur sie können wissen, ob ihre Entscheidungen auch für das Kind gut sind.

Wie kann man das wissen?
Schlussendlich spürt man selbst, ob die gewählte Kombination richtig ist. Wichtig ist, dass man sich mit Überzeugung und Freude sowohl im privaten wie auch im beruflichen Bereich engagiert. Kann man das, ist es für beide Seiten eine Bereicherung. Wenn ich etwa zu Hause meinem Kind Lieder vorsinge, freuen wir uns beide.

Viele Frauen oder Männer haben aber gar keine Auswahl.
Deshalb sollten Arbeitgeber gute Rahmenbedingungen schaffen. ABB Schweiz kommt dem mit den eigenen Kinderkrippen nach. Mit 550 betreuten Kindern hat die ABB Schweiz sogar mehr Kinder als Lehrlinge. (lacht) ABB ist diesbezüglich eine vorbildliche Arbeitgeberin, und das ist mir wichtig. Wir sollten nicht nur dasitzen, sondern selbst die Initiative ergreifen und den Mitarbeitenden ein Umfeld bieten, das meines Erachtens dem Arbeitgeber auch wieder etwas zurückgibt.

Welchen Ratschlag geben Sie jungen Frauen, die Karriere machen wollen?
Sie sollen das machen, was ihnen am Herzen liegt. Ein Ziel vor Augen haben, dieses konsequent verfolgen und davon nicht abweichen. Es braucht dazu eine grosse Motivation und einen Glauben an etwas. Als junge Frau bei ABB habe ich nie empfunden, dass man als Frau Vorteile oder Nachteile hätte.

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