Die letzte Hiobsbotschaft kam diesen Montag: Die Metallverarbeiterin Boa gab bekannt, dass sie definitiv 146 der 168 Stellen am Standort Rothenburg LU streicht. Sie verlegt die Produktion an günstigere Standorte im Ausland. Schuld sei der anhaltend hohe Franken, verbunden mit der immer noch schlechten Wirtschaftslage in Europa, schrieb die Gruppe.

Damit reiht sich Boa ein in eine wachsende Serie von Massentlassungen in der Schweiz. Seit dem Höchststand des Frankens gegenüber dem Euro im August 2011 gab es bei 175 Firmen Massenentlassungen. Das zeigt eine Zusammenstellung des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes. Betroffen waren insgesamt 20 812 Mitarbeiter. «Eine solche Häufung von Massenentlassungen gab es letztmals in den Neunzigerjahren», sagt Daniel Lampart, Chefökonom des Gewerkschaftsbundes.

Die Dunkelziffer ist hoch. Denn die Liste umfasst nur Kündigungen von zehn oder mehr Angestellten bei Unternehmen mit mehr als 20 Arbeitnehmern oder die Kündigung von mindestens 30 Angestellten bei Unternehmen mit mindestens 300 Arbeitnehmern. Nur sie gelten gemäss der üblichen Definition als Massenentlassung. Kleinere Stellenstreichungen sowie die Kündigungen bei Kleinstunternehmen, die unter diese Schwelle fallen, sind also nicht erfasst.

Die grössten Massenkündigungen gab es bei den Grossbanken UBS und Credit Suisse sowie dem Biotechhersteller Merck Serono, der im vergangenen Jahr seinen Genfer Sitz schloss (siehe Grafik rechts). Stark vertreten sind auch die Maschinen- und Textilindustrie. Bei 85 Firmen mit total 8991 Betroffenen wurde die Massenentlassung ausdrücklich mit der Frankenstärke begründet. «Zahlreiche Firmen sind wegen des überbewerteten Frankens in Schwierigkeiten gekommen», sagt Daniel Lampart. «Das ist ein ernsthaftes Problem für Teile der Schweizer Wirtschaft.»

Doch der überbewertete Franken war nur einer von vielen Gründen für die Stellenstreichungen. Die Banken beispielsweise bauten nicht wegen der Währung Jobs ab, sondern weil sie unter strengeren Regulierungen, höheren Eigenmittelvorschriften und dem schrumpfenden Vermögensverwaltungsgeschäft in der Schweiz leiden. Die Pharma-, Chemie-, Textil- und Maschinenindustrie verlagerte viele Stellen Richtung Asien, weil Europa an Bedeutung verliert. Und die Strombranche reagierte mit dem Abbau von Stellen auf ihre schrumpfenden Gewinne im Inland.

Insgesamt ist die Schweiz aber erstaunlich gut über die Runden gekommen. Die vom Unternehmerverband Economiesuisse und dem Maschinenindustrieverband Swissmem noch vor zwei Jahren befürchtete «Entindustrialisierung» ist nicht eingetreten.

Auch das Horrorszenario der ETH-Konjunkturforschungsstelle, die wegen des hohen Frankens 120 000 Arbeitsplätze gefährdet sah, hat sich nicht bewahrheitet. Dies vor allem, weil die Nationalbank im September 2011 die Euro-Franken-Untergrenze von 1.20 festlegte. Trotz der Massenentlassungen ist die Beschäftigung gestiegen. Vor zwei Jahren gab es noch 4,7 Millionen in der Schweiz arbeitende Erwerbstätige, heute sind es über 4,8 Millionen. Die Arbeitslosenquote liegt mit 3,0 Prozent nur unwesentlich höher als vor der Frankenkrise.

Selbst die am meisten von der Frankenstärke betroffene Branche, die Maschinenindustrie, wurde von der flächendeckenden Verlagerung der Arbeitsplätze verschont. Zusammen mit der Uhrenindustrie beschäftigte sie vor zwei Jahren noch 336 000 Mitarbeiter, heute sind es 8000 weniger. Das ist zwar schmerzhaft, aber weniger schlimm, als vielerorts befürchtet. Sogar Gewerkschafter Daniel Lampart sagt, im Vergleich zum Arbeitsplatzabbau der vergangenen zwei Jahre sei die Krise in den Neunzigerjahren «weit schlimmer» gewesen.

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