Die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers vor drei Jahren hinterliess ein 4-Milliarden-Loch bei Schweizer Anlegern. Dies zeigt der Bericht der Finanzmarktaufsicht (Finma), über den «Der Sonntag» letzte Woche erstmals berichtete. Doch nicht nur die beiden Grossbanken Credit Suisse (1321 Millionen Franken) und UBS (630 Millionen) waren betroffen. Jetzt wird das Schadensausmass bei kleineren Instituten publik.

Bei der Basler Privatbank Sarasin waren es 293 Millionen Franken, dann folgt die in Genf ansässige Privatbank HSBC mit 291 Millionen, weiter die Tessiner BSI (136 Millionen Franken), die Luzerner Kantonalbank (LUKB) (131 Mio.), EFG (101 Mio.), Berner Kantonalbank (BEKB) (93 Mio.), RBS Coutts (82 Mio.), JP Morgan (73 Mio.), Dresdner Bank (67 Mio.), Julius Bär (58 Mio.), Deutsche Bank und Hapoalim (je 57 Mio.), Valiant (38 Mio.), Walliser Kantonalbank (23 Mio.), Leumi (18 Mio.).

Den hohen Wert von Sarasin erklärte die Bank gemäss Finma-Bericht, «dass für einen einzelnen institutionellen Kunden aus Lateinamerika ein massgeschneidertes strukturiertes Produkt von Lehman im Umfang von 226 Millionen Franken konzipiert wurde». Ohne diesen Deal würde ein «relativ tiefer Wert von 67 Millionen» vorliegen, schreibt die Finma. Bei dem Kunden handelt es sich um den venezolanischen Staat. «Der Kunde habe direkt mit Lehman über die Strukturierung verhandelt und anschliessend mit Sarasin den Auftrag zum Kauf eines Variance Swap von Lehman und zum Verwahren der Papiere gegeben.» Sarasin wollte zum Geschäft mit Venezuela keinen Kommentar abgeben.

Auffallend exponiert ist auch die Tessiner BSI. Die zum Generali-Konzern gehörende Bank wies im Finma-Bericht darauf hin, dass ein einzelner Kunde mit Lehman-Exposure von rund 118 Millionen im September 2008 die Kundenbeziehung auflöste, in den Zahlen aber noch enthalten sei.

Wie der Bericht zeigt, kamen auch etliche institutionelle Kunden zuschaden. Bei der Credit Suisse betrugen die Lehman-Anteile in Prozent zu den übrigen Emittenten von Kapitalschutzprodukten im Jahr 2008 zwischen 2,5 und 3 Prozent. Bei der UBS schwankte dieser Anteil zwischen 1 und 1,5 Prozent. Bei der Walliser KB investierten vier institutionelle Anleger gesamthaft 5 Millionen Schweizer Franken in Lehman-Produkte.

Grosse Unterschiede deckt der Finma-Bericht auch bei den Kompensationszahlungen an Kunden auf. Wie letzte Woche berichtet, zahlte die Credit Suisse lediglich 150 Millionen – bei einem totalen Nennwert von 1,321 Milliarden Franken.

Grosszügiger zeigte sich die Berner KB, die laut Finma-Bericht «sämtliche Kunden zu 100 Prozent» entschädigt. Die LUKB gab der Finma an, «Retailkunden aufgrund des Reputationsrisikos voraussichtlich vollständig zu entschädigen». Andere Banken leisteten zum Zeitpunkt der Befragung (September 2008 bis März 2009) bereits kleinere Zahlungen oder konnten diese aufgrund möglicher Beratungsfehler nicht ausschliessen.

Durch den Lehman-Konkurs waren bei der Credit Suisse rund 10000 und bei der UBS 5000 Kunden betroffen. Bei den kleineren Banken gab es grosse Unterschiede. Auffallend sind vor allem die hohen Werte der Berner und der Luzerner Kantonalbank mit 2019 Kunden (davon 78 institutionelle) und 1398 Kunden (79 institutionelle).

Auch bei den Beratungskunden haben die beiden Banken laut Finma «ausserordentlich viele» Lehman-Produkte verkauft. Bei der BEKB kommt eine hohe Lehman-Konzentration in Vermögensverwaltungsmandaten hinzu: Praktisch jedes zweite Kapitalschutzprodukt in dieser Kategorie stammte von der amerikanischen Pleitebank. Insgesamt dürften in der Schweiz über 20000 Kunden betroffen worden sein.

Wie die Finma schreibt, habe es «angeblich» bei keiner Bank, die CS eingeschlossen, direkte Anreize und Vorgaben für Berater gegeben, strukturierte Produkte von Lehman privilegiert zu verkaufen. Trotzdem war der Verkauf offenbar sehr attraktiv für Berater und Banken: «Indirekte Anreize waren aber durchaus gegeben, indem Berater aufgrund der relativ hohen Verkaufsmargen eher geneigt waren, strukturierte Produkte zu verkaufen.»

Besonders interessant ist folgende Bemerkung: «Dadurch, dass strukturierte Produkte begrenzte Laufzeiten aufweisen, können bei Verfall der Produkte die Gelder stetig neu angelegt werden. Solche ‹Roll-Gebühren› wirken sich ebenfalls ertragsfördernd für Berater und Bank aus.»

Die meisten Banken gaben an, strukturierte Produkte seien gegenüber anderen Finanzinstrumenten nicht bevorzugt oder offensiver verkauft worden. Es hätte auch keine Vorgaben an die Berater bestanden. Laut Finma-Bericht räumten «einzig die Julius Bär und Sarasin offen ein, dass strukturierte Produkte hochmargig seien und deshalb generell ein Anreiz gegeben sei. Es würden jedoch keine Anreize geschaffen, fremde Produkte gegenüber eigenen zu bevorzugen.»

Die Walliser Kantonalbank gab gegenüber der Finma zu, dass im Jahr 2007 «punktuelle Aktionen» stattgefunden haben. Die Berner Kantonalbank sprach von «Zielvorgaben» im Jahr 2008 an die Berater für ein strukturiertes Produkt, an dem die Bank als Co-Lead-Manager beteiligt war.

Die Banken haben gegenüber der Finma gelobt, Lehren aus dem Lehman-Debakel zu ziehen. Die meisten Institute erklärten der Aufsicht, die Kundenberater in der Risikoaufklärung besser zu schulen oder klarer auf das Emittentenrisiko in den Verkaufsunterlagen hinzuweisen.

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